„Terrorgram“: Rechtsextreme „Blitzradikalisierung“ im Jugendzimmer
Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg hat eine kriminologische Studie zur deutschen „Terrorgramszene” veröffentlicht. Hierzu wurden bundesweit Ermittlungs- und Prozessakten von 37 Fällen ausgewertet. Die radikalisierten Kinder und Jugendlichen waren häufig psychisch auffällig, planten Amok- und Terrortaten und nur selten reagierte das soziale Umfeld früh genug auf Warnsignale.
Im Jahr 2022 veröffentlichte CeMAS, das „Center für Monitoring, Analyse und Strategie“, die Broschüre „Militanter Akzelerationismus. Ursprung und Aktivität in Deutschland“. Beschrieben wurde dabei das Phänomen der rechtsterroristischen und jugendlichen Online-Subkulturen. Akzelerationismus beschreibt seit einigen Jahren auch eine Strategie von Rechtsextremen, die durch Terrortaten oder Amokläufen einen Kollaps der Gesellschaft herbeiführen wollen.
Neben verschiedenen Anschlägen wie in Christchurch und Halle machte zuvor auch die „Atomwaffen Division“ Schlagzeilen. CeMAS beschrieb 2022 „Terrorgram“ – ein Wortspiel aus Terror und dem Messenger Telegram – und stellte fest, dass dieses Phänomen noch unerforscht sei. Sinngemäß setzt die gestern vorgestellte Studie dort an und hat dazu Akten kriminologisch ausgewertet.
Sicherheitspolitische Herausforderung
Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg hat dabei in Kooperation mit den Generalstaatsanwaltschaften Stuttgart und München eine umfassende kriminologische Auswertung von Ermittlungsakten zur „Terrorgramszene“ aus den Jahren 2020 bis 2025 durchgeführt. Landesinnenminister Thomas Strobl sagte, „dieses dezentrale Netzwerk meist sehr junger, äußerst gewaltbereiter Täter und Personen, die sich in kürzester Zeit radikalisieren, ist eine sicherheitspolitische Herausforderung.“
Dass hochradikalisierte Personen frühzeitig erkannt und Terrorpläne verhindert wurden, habe dabei meistens mit erfolgreicher Ermittlungsarbeit zu tun, ergänzte der stellvertretende Ministerpräsident und Landesinnenminister Strobl. Eher überraschend ist dabei laut der Auswertung, dass die Kinder und Jugendlichen meistens selbst Hinweise lieferten auf ihre eigene Radikalisierung und auf eine Tatvorbereitung.
Tiefschlaf im Umfeld?
In nur fünf der 37 ausgewerteten Fälle gaben jedoch Familienmitglieder, das soziale Umfeld oder Schulen Hinweise an die Behörden weiter. Dabei waren die Vorbereitungen der Gewalttaten oft bereits weit fortgeschritten. So waren beispielsweise schon Waffen beschafft oder es ist bereits mit Sprengstoffen experimentiert worden. Dürfte eine Radikalisierung zunächst eher verborgen ablaufen, wurden entsprechende Tatpläne später gleichwohl oft sichtbar.
Der Begriff „Terrorgram“ bezeichnet ein rechtsextremistisches Netzwerk, das sich vor allem digital über den Messenger-Dienst Telegram organisiert. Es handelt sich um eine jugendliche, gewaltbereite neofaschistische Szene. Anschläge und Amoktaten werden verherrlicht und zur Nachahmung aufgefordert. Ähnlich wie in der Szene der Online-Gamer möchte man dereinst selbst mit Anschlägen und der Zahl der Toten und Verletzten „Highscores“ quasi knacken oder in eine virtuelle Ruhmeshalle der Massenmörder und Amoktäter eingehen.
Rechtsextreme ohne Kontakt zur organisierten Rechten
Das Gros der Fälle fiel dadurch auf, dass die Kinder und Jugendlichen keine oder nur selten reale Bezüge zum organisierten rechten Spektrum hatten. Laut der Untersuchung sind dennoch Hunderte deutsche Rechtsextreme und andere Jugendliche in dieser Online-Szene virtuell miteinander in Kleingruppen, Chats der Szene oder Online-Foren vernetzt.
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das Durchschnittsalter bei knapp über 16 Jahren liegt. Man bilanziert eine „Blitzradikalisierung“, die bei fünfzig Prozent der Fälle weniger als ein Jahr benötigte. Laut der Auswertung haben fast alle Personen diagnostizierte psychische Erkrankungen oder Auffälligkeiten. Überraschend hoch war demnach der Anteil von über 68 Prozent mit diagnostizierten psychischen Erkrankungen. Weitere 24 Prozent wiesen deutliche Anzeichen entsprechender Erkrankungen auf.
Vereinsamt und desintegriert
Die Studie beschreibt das Phänomen so: „Konkret sind es häufig Erfahrungen von Mobbing, Diskriminierung oder Ausgrenzung, die in der destruktiven Reaktion in den betroffenen Fällen personifizierten oder allgemeinen Menschenhass und Gewaltfaszination befördern.“ Die ausschließlich männlichen Aktivisten wollten „sich einer virtuellen sozialen Szene [anschließen], die Anerkennung, Zugehörigkeit und Identität bietet.“
Hinzu kämen „soziale Desintegration und familiäre Vernachlässigung“. Angehörigen der Szene seien „überwiegend […] vereinsamte, desintegrierte und nach Selbstwirksamkeit suchende junge Menschen handelt.“ Die Gewaltbereitschaft ist demnach ähnlich hoch wie die Menschenverachtung. Zentral ist der Hass auf Mädchen und Frauen, sind Rassismus und Antisemitismus sowie der Hass auf queere Menschen.
Sadismus und Satanismus
Inzwischen hat sich das Personenpotenzial in einen nicht zwingend politischen Randbereich erweitert. Demzufolge kommt es dort vor, dass junge Männer Jungen oder Mädchen manipulativ und psychisch unter Druck setzen, damit diese sich selbst verletzen, vor laufender Webcam Suizid begehen oder sich und anderen sexuelle Gewalt antun sollen. Dies wird eher dem Bereich Sadismus und Satanismus zugeordnet.
Die Studie ist gut verständlich verfasst und fällt relativ knapp aus. Sie beschreibt das Phänomen und liefert anhand von Daten Darstellungen, die Hinweise auf Interventionsmöglichkeiten geben können. Sie will also für das Thema sensibilisieren. Ziel ist es dabei auch, Präventivarbeit und Früherkennung in Familie, sozialem Umfeld, Schule, Ausbildung sowie bei Behörden und Fachärzten zu ermöglichen.