„Symbol für alle deutschen Opfer“

Rechtsextremer Märtyrerkult in Stolberg scheint sich zu etablieren − Demonstrationen sind bis 2018 angemeldet.

Donnerstag, 16. April 2009
Michael Klarmann

Anlässlich des Todestages eines 19-Jährigen haben am Samstag, den 4. April rund 530 Neonazis und am Freitag, den 3. April rund 80 Neonazis in Stolberg (Kreis Aachen) demonstriert. Nachdem der Tod des von einem Migranten erstochenen Heranwachsenden schon 2008 zu drei Aufmärschen in der Kleinstadt geführt hatte, versuchen NPD und Neonazis in Stolberg weiter einen Märtyrerkult zu etablieren, wie er seit Jahren im schwedischen Salem (nahe Stockholm) stattfindet.

Den Heranwachsenden hatte die rechtsextreme Szene anfangs entgegen der Realität und der Bitten der Eltern zum „Kameraden“ und „Märtyrer“ verklärt. Während Neonazis das Opfer bis heute noch als „Kameraden“ ansehen, rückte die NPD davon wieder ab. „Der Marsch ist [...] eine Art Symbol für alle deutschen Opfer, die durch Ausländergewalt umkamen,“ hatte der Initiator, der Dürener NPD-Kreischef Ingo Haller, zuvor mitgeteilt. Unterstützt wurde Haller bei der Mobilisation von der „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) und den Neonazis Christian Malcoci (Neuss/Grevenbroich) und Sven Skoda (Düsseldorf).

Weil die Polizei Hallers ursprüngliche Wegstrecke für den 4. April nicht anerkannt hatte, konnte ein breites gesellschaftliches Bündnis im Innenstadtbereich Demonstrationen, Kundgebungen und Veranstaltungen mit bis zu 2.500 Teilnehmern abhalten. Den Aufmarsch der Neonazis konnte man so zumindest am Samstag im Zentrum verhindern. Jedoch hatte Haller zuvor auch noch einen Fackelmarsch in der Innenstadt in den Abendstunden des 3. April angemeldet. Haller, der bis ins Jahr 2018 rund um den Todestag bislang nur einen Aufmarsch geplant hatte, kündigte an, fortan werde jährlich am Vorabend des „Trauermarsches“ immer auch ein „Fackelmarsch“ stattfinden. Der einschlägig vorbestrafte Neonazi Axel Reitz (Köln) sagte in seiner Rede, die „Nationalisten“ selbst seien „Fackeln“, die eines Tages „all das Kranke, das Dekadente [...] aus unserem Volkskörper raus [...] brennen“ würden.

Der „Trauermarsch“ am 4. April konnte dann nur von einem Außenbezirk aus bis zum Innenstadtrand ziehen. Der Hamburger Neonazi Christian Worch drohte in seiner Rede, wegen der Gegenaktionen und behördlicher Auflagen werde es bald in Stolberg eine „weitere Demonstration“ geben. Weitere Redner am Samstag waren Reitz, Skoda, Robert Klug (Bonn) und Haller. Haller verglich dabei den „Nationalen Widerstand“ mit einem Bauern, der sein Land bestelle und gelegentlich auch „Unkrautvernichter“ einsetze, um „unerwünschte Gäste“ – gemeint waren Hallers Analogie folgend Migranten – zu bekämpfen. Anwesend waren neben anderen die teils selbst erheblich wegen einschlägiger Delikte verurteilten Neonazis Ralph Tegethoff (Bad Honnef), Sascha Krolzig (Hamm) und Norman Bordin (München).

„Wir kriegen euch alle“

Nachdem die erste Hälfte des Aufmarschs am Samstag schweigend zu getragener Musik vonstatten ging, skandierten die Neonazis im zweiten Teil fremdenfeindliche Parolen wie „Kriminelle Ausländer raus! Und der Rest auch!“ Migranten wurde in ihren Häusern zugerufen: „Wir kriegen Euch alle!“ Sowie: „Ali, Mehmet, Mustafa, geht zurück nach Ankara!“ In mindestens einem Fall wurde aus einer Gruppe heraus auch die Parole angestimmt: „Wo sind Deutschlands größte Feinde? In der jüdischen Gemeinde.“

Auch auf der An- und Abreise der Neonazis kam es am 4. April zu Zwischenfällen. Weil die Polizei gegen Mittag am Stolberger Hauptbahnhof noch eine Blockade durch rund 200 Nazigegnern räumte, verließen nach Szeneangaben rund 250 Neonazis einen in der Nachbarstadt Eschweiler gestoppten Zug. Sie wollten in einer „Spontandemo“ in das rund fünf Kilometer entfernte Stolberg marschieren. Die Polizei stoppte den Aufzug, an dessen Spitze unter anderem Worch und der einschlägig vorbestrafte KAL-„Kameradschaftsführer“ und stellvertretende Vorsitzende des NPD-Kreisverbands Düren, René Laube (Vettweiß), mitmarschierten.

Bei der Abreise kam es später noch am Hauptbahnhof in Stolberg zu Auseinandersetzungen zwischen Neonazis und der Polizei. An einem Zug kam es dabei zu Beschädigungen. Mehrere Neonazis wurden in Gewahrsam genommen.

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