Strategie und Taktik

Militante Strukturen in Südostniedersachsen / NPD-Ideologe Molau baut Aktionsschwerpunkt aus.

Donnerstag, 27. Oktober 2005
Andrea Röpke

Der bedrohlichste Heß-Aufmarsch seit Jahren fand in diesem Jahr im südöstlichen Niedersachsen statt. Spontan, fast ohne Polizei, marschierten etwa 600 Neonazis eine Stunde lang durch die Fußgängerzone von Peine. Dass die Wahl auf Peine fiel, ist kein Zufall. Im Großraum zwischen Helmstedt, Hildesheim, Göttingen und Hannover gedeihen neonazistische Strukturen. Dabei greifen die überwiegend jungen Aktivisten durchaus auf alte Netzwerke wie das der 1995 verbotenen FAP zurück. So wird die Kameradschaftsszene im Raum Hildesheim und Göttingen vom ehemaligen FAPler Dieter Riefling unterstützt, der mit seinem „Bündnis für Zivilcourage“ bereits einen Ableger in Celle gründen konnte. Dort versucht sich zur Zeit auch der „Kampfbund deutscher Sozialisten“ von Thomas Brehl mit einzelnen Aktivisten festzusetzen. Die Kameraden aus Braunschweig werden vom vorbestraften NPD-Bundestagskandidaten Michael Weinberg, genannt „Schnecko“, und von dem als gewaltbereit geltenden ehemaligen Chef der „Stormfront BS“, Daniel Gerecke, angeführt. Sie beteiligten sich im Juni 2005 an einer Demonstration in der Braunschweiger Innenstadt, bei der auch NPD-Stratege Andreas Molau aus Wolfenbüttel mitmarschierte.
In Gifhorn wurden vor einigen Jahren die Betreiber des rechtsradikalen „Radio Wolfsschanze“ enttarnt und verurteilt. Inzwischen bauen sich starke neue Strukturen unter dem Namen „Widerstand Gifhorn“ auf, die unter anderem von dem mehrfach verurteilten Waffenfreak Sascha Hildebrandt koordiniert werden sollen. Nach Insiderangaben verfügt der über internationale Kontakte wie zum „KuKuxKlan“ und zur NSDAP/AO. Auch aus Peine stammen die Mitglieder von „Donnerhall“, einer der aktivsten Rechtsrock-Bands. Sie spielten 2005 unter anderem in Braunschweig, Celle und Mitte Oktober in Hamburg-Rothenburgsort. Zu Kameraden in Bad Harzburg und Werningerode werden enge Kontakte gepflegt. Experten der „Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt“ in Braunschweig stufen besonders die „Kameradschaft Salzgitter“ als sehr aktiv ein. Ihren Anhängern standen monatelang eigene Räumlichkeiten zur Verfügung, in denen Treffen und Rechtsrock-Konzerte stattfanden. Neonazis aus Salzgitter führen Kameradschafts- und NPD-Treffen durch.

In Salzgitter baut auch Andreas Molau seinen Aktionsschwerpunkt aus. Als schulpolitischer Berater der NPD im sächsischen Landtag und stellvertretender Chefredakteur der „Deutschen Stimme“ in Riesa hatte der ehemalige Waldorf-Pädagoge Anfang 2005 einen parteipolitischen Schnellstart hingelegt. Aber im Juni demonstrierte er wieder mit regionalen Kameraden in Braunschweig. Der 37-Jährige hatte seine Familie im Schlepptau und schrie seinen Zorn gegen die Stadt heraus, in der ihm eine Weiterbeschäftigung als Pädagoge verweigert worden war. Aus Solidarität zu Molau waren bereits Monate zuvor Neonazis vor die Waldorf-Schule gezogen und hatten Flugblätter an „deutsche Schüler“ verteilt. Im Bundestagswahlkampf versuchte der NPD-Stratege Volksnähe in seinem Wahlkreis Salzgitter-Wolfenbüttel zu propagieren. Von radikalen Kameraden hielt Molau Abstand. Auf die Frage eines Bürgers, ob ein Anschlag auf die Wolfenbütteler Moschee 2004 Molaus Vorstellung von „Integrationspolitik“ entspräche, verurteilte der solche Aktionen halbherzig: „Die NPD wird niemals Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung propagieren oder auch nur fördern.“ Seine Abneigung gegen die Flüchtlingspolitik verklausulierte Molau vorsichtig: „Multikulti wird zu Bürgerkriegen führen.“

In enger Zusammenarbeit mit dem „Nationalen Forum Sachsen“ der NPD führte Molau inzwischen einen „Stammtisch im Netz“ für die „Probleme vor Ort“ ein. Der Publizist stellt sich auf eine längere Phase lokalpolitischer Arbeit ein, bis hin zu den Kommunalwahlen in Niedersachsen 2006. So will er die Braunschweiger Brauerei „Feldschlösschen“ retten und prangert die Stadt Goslar an, nicht leichtfertig mit ihrem Weltkulturerbe umzugehen. Ganz nebenbei macht Molau Werbung für die Gesellschaft für freie Publizistik (GfP). in der er Vorstandspflichten wahrnimmt. Neben „Mäxchen Treuherz“ dem „Rechtsratgeber“ von Gisa Pahl aus Hamburg bewirbt die neu gestaltete GfP-Seite auch das Jugendzeitungsprojekt „in:vers“ aus „Mitteldeutschland“. Molaus Verein hat dafür 150 Euro gespendet.

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