Strammrechte Burschen

Jahrelang betrieb ein Mitglied der „Kasseler Burschenschaft Germania“ einen Versandhandel für rechtsextreme Hassmusik. Jetzt wurde er verurteilt. In der Studentenverbindung war der 33-Jährige keine Ausnahme: Die Burschenschaft ist ein Tummelplatz für Neonazis. Und mittendrin wohnte ein heutiger AfD-Funktionär.

Dienstag, 28. März 2017
Carsten Meyer / Joachim F. Tornau

Der Name ließ keine Fragen offen. „Supremacy through Intolerance“ nannte Michael Jan R. sein Musiklabel mit Online-Shop. Überlegenheit durch Intoleranz also. Seit 2008 vertrieb der heute 33-Jährige so genannten National Socialist Black Metal, kurz: NSBM. NSBM ist neonazistische Hassmusik der übelsten Art: Die Bands heißen „Holocaust“, „Der Stürmer“ oder „Aryan Blood“ („Arisches Blut“). Ihre Machwerke tragen Titel wie „Reinheit des Blutes“, „Heil dir, mein Vaterland“ oder „Gas Chamber Music“ („Gaskammermusik“).

Jetzt wurde der studierte Archäologe deswegen vom Gießener Amtsgericht verurteilt: Wegen Volksverhetzung und Verwendens verbotener NS-Symbole in zwölf Fällen soll Michael Jan R. eine Geldstrafe von 4800 Euro (160 Tagessätze à 30 Euro) zahlen. Bereits 2010 war gegen den Neonazi ermittelt worden. Mehrfach wurden Produktionen seines Labels als jugendgefährdend indiziert. Der hessische Verfassungsschutz beobachtete „Supremacy through Intolerance“. Doch erst eine Razzia im Jahr 2013 setzte dem Treiben von Michael Jan R. ein Ende.

Das Geschäft, das ihm nach eigenen Angaben den Lebensunterhalt sicherte, hatte der mittlerweile in Mannheim lebende Mann zunächst von Kassel, später von Gießen aus betrieben. In Kassel schloss sich der rechtsextreme Aktivist damals auch der „Burschenschaft Germania“ an – einer Studentenverbindung, in der er reichlich Gleichgesinnte fand.   

Vorträge von Horst Mahler und Jürgen Rieger

Der hessische Verfassungsschutz beobachtet die „Germania“ bislang nicht. Es lägen „keine hinreichenden Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen vor“, teilte das Landesamt mit. Eine überraschende Einschätzung: Seit ihrer Gründung 1985 ist die Kasseler Burschenschaft immer wieder mit rechtsextremen Veranstaltungen aufgefallen. 1992 trat der braune Liedermacher Frank Rennicke bei den Germanen auf, nach der Jahrtausendwende kamen unter anderem der Holocaust-Leugner Horst Mahler und der mittlerweile gestorbene Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger zu Vorträgen auf das Haus. Und bis heute ist das Bild, das bei einem genaueren Blick auf Aktive und Alte Herren der Verbindung zutage tritt, braun in braun.

Um nur einige Beispiele zu nennen: Da wäre Burschenschafter David L., 27 Jahre alt, dessen Musiksammlung bei last.fm im Internet vor Rechtsrock nur so trieft, indizierte Bands und NSBM inklusive. Da wäre Michael D., 30 Jahre alt und zeitweilig Sprecher der Verbindungsstudenten, der über das Internet-Auktionshaus Ebay jahrelang sowohl Musik von NSBM-Bands als auch einschlägiges weltanschauliches Schrifttum kaufte und verkaufte. Und der seine Gesinnung nicht nur in der virtuellen Welt offenbarte: 2011 nahm er gemeinsam mit Anhängern des „Freien Widerstand Kassel“ (FWKS) am neonazistischen „Trauermarsch“ für die Opfer der Bombardierung Dresdens teil. Mit dabei: sein heutiger Bundesbruder Tristan L., 24 Jahre.

Zwischen den Germanen und dem damals offen militant agierenden FWKS entwickelten sich bald darauf weitere Berührungspunkte: Als so genannter „Fuchs“, also Bursche auf Probe, wurde 2013 mit  Nils W. ein bereits einschlägig aufgefallener Aktivist aus dem Umfeld der Kasseler Kameradschaft aktiv.

Regelrechter Fan des „Dritten Reichs“

Der Leugnung und Verharmlosung der NS-Verbrechen hat sich Raphael V. verschrieben. Bei  dem, was der 31-Jährige bei Facebook verlautbart, ist die Grenze zur Strafbarkeit oft nicht fern. So kommentierte er einen Bericht über die grausame Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener als „Greuelpropagandamüll“. Der Strafprozess gegen einen ehemaligen Waffen-SSler war für ihn ein „zionistischer Schauprozess“. Und bezogen auf den Holocaust sprach er gar von „vorgeblich historischen Fakten“.

Als regelrechter Fan des „Dritten Reichs“ präsentierte sich Jörg F.: Stolz veröffentlichte der 25-Jährige Fotos seiner großen Sammlung von NS-Devotionalien im Internet – von Orden über Uniformteile bis zu Hitler-Büste und „Mein Kampf“. Mit einem Metalldetektor zog er über Weltkriegs-Schlachtfelder, auf denen bis heute nicht geborgene Tote ruhen, um Helme, Waffen, Kennmarken und persönliche Gegenstände von Wehrmachtssoldaten aus der Erde zu holen. Und bei Facebook zitierte der Student der  Wirtschaftspädagogik nationalsozialistische Propaganda-Dichter und machte das Tor des Konzentrationslagers Buchenwald mit der zynischen Inschrift „Jedem das Seine“ zu seinem Profilbild.

AfD-Politiker mehr als zwei Jahre im Burschenschaftshaus gemeldet

Michael Werl, Fraktionsvorsitzender der AfD im Kasseler Rathaus, hat der Burschenschaft im vergangenen Jahr dennoch einen Persilschein ausgestellt. Die ebenfalls von ihm geführte Hochschulgruppe der „Jungen Alternative“ forderte sogar, den Burschen Räume an der Universität zur Verfügung stellen. Er habe bei der „Germania“ keine Neonazis getroffen, sagte der Student der Politik- und Wirtschaftswissenschaften damals der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ). „Die Leute, die ich da kennengelernt habe, waren alle korrekt, wertkonservativ und traditionell.“

Im Kreis der Burschenschafter, darunter auch einige der hier genannten, besuchte Werl im Dezember 2014 die erste Kundgebung des Kasseler Pegida-Ablegers. Der 30-Jährige, der vor seiner AfD-Karriere als Landesschriftführer der extrem rechten Republikaner in Hessen amtierte, will selbst jedoch nie Mitglied der „Germania“ gewesen sein. Er habe sich die Verbindung „nur kurze Zeit angeschaut“, beteuerte er gegenüber der FAZ, und sich dann gegen einen Eintritt entschieden – „aus zeitlichen Gründen“.

Nur kurze Zeit? Nach Auskunft der Stadt Kassel war Werl von Oktober 2012 bis Dezember 2014 in einem der beiden Häuser der Kasseler Burschenschaft gemeldet. Mehr als zwei Jahre also. Und kein Mitglied? Was er bei Facebook postete, liest sich anders. Im Chat mit dem Germanen David L. bekannte sich Werl im März 2014 ganz offen zu seiner Zugehörigkeit: „Unsere Studentenverbindung“ nannte er die „Germania“ und benutzte das Kürzel „adH“ für „auf dem Haus“. Womit im Burschenschafter-Jargon das Verbindungshaus gemeint ist.  Fragen dazu beantwortet der AfD-Politiker grundsätzlich nicht.

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