von Thomas Witzgall
   

Starker Zulauf für Neonazi-Demo in Plauen

Während die bundesweite Öffentlichkeit am Samstag nach Chemnitz blickte, hielt kurz zuvor die neonazistische Kleinstpartei Dritter Weg im vogtländischen Plauen eine Demonstration zum Thema „Ausländerkriminalität“ ab. Die schon länger geplante Demonstration verzeichnete vermutlich durch die Ereignisse in Chemnitz eine erhöhte Beteiligung aus der Bevölkerung. Medienberichte sprechen von etwa 800 Teilnehmern.

"Bürgerliche" schließen sich Neonazi-Demo in Plauen an, Foto: Thomas Witzgall

Auch in Plauen war am Samstag zu beobachten, was Zivilgesellschaft und Politik besonders seit den Demonstrationen in Chemnitz mit Sorge erfüllt. Bürgerliche Kreise mischen sich ohne größere Scheu bei Demonstrationen mit extrem rechten, teilweise neonazistischen Teilnehmern. Braucht es sonst dafür rechtspopulistische Veranstalter oder Ausgründungen wie „Kandel ist überall“, war das in Plauen von vornherein anders. Ausrichter der Kundgebung war mit dem Dritten Weg eine Organisation, die klar im Bereich des Neonazismus zu verorten ist. Klar ist auch: Wer in Plauen länger mitmarschiert, verzichtete damit auf die Teilnahme an den Veranstaltungen in Chemnitz, auch wenn später noch vereinzelt Teilnehmer in der früheren Karl-Marx-Stadt als Nachzügler anzutreffen waren. Matthias Fischer, stellvertretender Parteivorsitzender und Tony Gentsch sehen ihre Veranstaltung auch als bewussten Kontrast zum stillen Marsch der AfD und Pegida. Die Zeit des Schweigens sei vorbei, sie wollten laut durch die Stadt ziehen.

Einziges Parteibüro in der Stadt

Für die Neonazis ist Plauen vertrautes Terrain. Hier war vor Jahren die Revolutionäre Nationale Jugend (RNJ) aktiv. Mehrere Kader, allen voran Rico Döhler, wechselten zum Dritten Weg. Zwei Mal war die Stadt zudem schon Schauplatz von Demonstrationen am 1. Mai – 2016 mit massiven Randalen und Einsatz eines Wasserwerfers. In der Stadt unterhält die Partei ihr bislang einzig offizielles Parteibüro. Gemäß Vorbildern etwa bei der Goldenen Morgenröte, wird dort versucht, völkische Aufbauarbeit im Mikrokosmos zu schaffen. In den Räumen finden angeblich Selbstverteidigungskurse für Jugendliche statt. Beworben wurde auch eine Art Suppenküche, in der gemäß der ideologischen Ausrichtung nur für „ethnische“ Deutsche gekocht werden soll.

2016 zog der Dritte Weg schon mal mit ähnlicher Zahl an Teilnehmern durch die Stadt. Damals gelang das allerdings nur durch eine Bündelung vieler neonazistischer Kreise bis hin zum Antikapitalistischen Kollektiv, am vergangenen Wochenende marschierte „die normale Bevölkerung“ bereitwillig mit. Teilnehmer in Parteikleidung waren am Samstag in der deutlichen Minderheit. Zuletzt blieb der Dritte Weg bei Veranstaltungen eher unter sich. Einige Teilnehmer vom Samstag ließen allerdings durch ihre Kleidung rechtsaffine Einstellungen erkennen. Einzelne Paare nehmen ihre Kinder mit auf die Neonazi-Demo.

Hitlergrüße: Nur „einen Mann grüßen, der seit über 70 Jahren tot sei“

Fischer ging in seinen einleitenden Worten auch auf die in Chemnitz gezeigten Hitlergrüße ein. Rechte Kreise versuchen momentan die Empörung darüber abzuschwächen, in dem mit einigem Aufwand versucht wird, die zahlreich dokumentierten Fälle als das Werk linker Provokateure abzutun. Dabei schrecken sie auch nicht davor zurück, Unschuldige im Netz zu verdächtigen und an den Pranger zu stellen. Dabei waren die nach § 86 a StGB verbotenen Gesten nur ein Ausfluss neonazistischer Einstellungen unter vielen Teilnehmern der vergangenen Demonstrationen, die sich zudem anhand von Parolen und T-Shirt-Slogans und -Symbolen manifestierte. Fischer spielte dagegen die Bedeutung des „Deutschen Grußes“ herab. Er wollte da keinen großen Anlass zur Empörung sehen, wenn jemand „einen Mann grüßen wolle, der seit über 70 Jahren tot sei“. Wichtiger seien die Probleme, wegen derer sie heute auf der Straße stünden.

Dritter Weg verzichtet aufs übliche Korsett

Wenn die neonazistische Partei zu Demonstrationen aufruft, dann haben die Kader, allen voran Matthias Fischer, meist feste Vorstellungen, wie sich die Demonstration präsentieren soll. Die Aufstellung dauert eine größere Zeit, bis die Blöcke zur Zufriedenheit der Funktionäre stehen. Ordner achten auf die Einhaltung des Rauchverbotes und mahnen die Einhaltung der verordneten Marschordnung in Dreier- oder Viererreihen an. Die mit vorbestraften Kadern gespickte Partei versucht so das Bild eines aus ihrer Sicht „besseren Deutschlands“ zu inszenieren.

2018-09-01 III.WEG PlauenFotogalerie des Neonazi-Aufmarsches in Plauen

Am Samstag war das Makulatur. Wahrscheinlich wäre das bei der Teilnehmerstruktur ohnehin auf Unverständnis gestoßen. Ohne größere Ordnung startete die Demonstration kurz vor 15 Uhr. An der Demonstration nahmen auch mindestens zwei Personen of Colour teil, offensichtlich Partnerinnen von anderen Teilnehmern.

Polizei schickte offenbar „ausländisch aussehende Jugendliche“ weg

Für die Neonazi-Partei war es die erfolgreichste Veranstaltung des Jahres. Zum Festival in Kirchheim erschienen nur 230 Anhänger, die Partei blieb hier weitestgehend unter sich. Am 1. Mai folgten dem Aufruf 600 bis 650 Teilnehmer. Der Dritte Weg sprach auf seiner Webseite von „weit über“ 1.000 Teilnehmern am Samstag in Plauen, die Freie Presse mit Verweis auf die Versammlungsbehörde von 550, der MDR von 800 Teilnehmern. Die Polizei verzeichnete einen ruhigen Verlauf. Am Rand der Veranstaltung wurden drei Verstöße wegen verbotener Kennzeichen festgestellt. Laut Freier Presse soll die Polizei im Bereich der Kaiserstraße vor Eintreffen der Neonazis „ausländisch aussehende Jugendliche“ weggeschickt haben. Die verschiedenen Gegenveranstaltungen konnten rund 250 Teilnehmer auf sich vereinigen. Unter anderem wurde der Versammlungsort des Dritten Wegs und weitere Stellen in der Stadt mit Kreidebotschaften versehen.

Kommentare(2)

Werner Dienstag, 04.September 2018, 09:54 Uhr:
Wer mit den "Nazzen" marschiert, kann unmöglich als "Bürgerlich" bezeichnet werden.
 
gunman Mittwoch, 05.September 2018, 13:16 Uhr:
Es ist für einen Plauener einfach ein unsägliches Ereignis und zugleich eine Schande,
dass nach 96 Jahren wieder ein brauner Haufen von geistig verirrten jungen Menschen durch die Straßen zieht. Immerhin war 1922 Plauen das Sprungbrett der NSDAP auf dem weg nach Sachsen. Die Hitlerjugend wurde hier maßgeblich gegründet und nun springen erneut die ewig Gestrigen umher mit einem total abzulehnenden Geschichts- und Weltbild! NO PASARAN!
 

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