SS-Wirtschaft und SS-Verwaltung

Mit der SS assoziiert man gemeinhin Terror und Verfolgung. Daß damit auch noch eine Menge Geld gemacht wurde, beschreibt Walter Naasner aufgrund sorgfältiger Recherchen Bundesarchiv Koblenz, wo er als Archivar tätig ist. Das Arbeitspotential der KZ-Häftlinge wurde in unterschiedlichsten Wirtschaftszweigen genutzt - von effektiven Verwaltungsexperten, die nach 1951 größtenteils wieder in die bundesdeutsche Gesellschaft zurückkehrten. Mord und Terror: sie waren auch eine Variante von Gewinnstreben.

Donnerstag, 06. Mai 2004
Rudolf Schwinn
Mit der SS wird gemeinhin organisierter Terror, Verfolgung und Ermordung der Juden in Deutschland und den überfallenen Ländern assoziiert. Zudem wird man daran denken, daß der Besitz der Verfolgten und Ermordeten geraubt, den Toten das Zahngold herausgebrochen wurde. Weniger bekannt dürfte sein, daß die SS - aus ökonomischen wie politischen Gründen, nämlich zur Sicherung ihres Einflusses im Kräftespektrum des Nazi-Systems - ein Wirtschaftsimperium aufgebaut hat. Walter Naasner, Archiv im Bundesarchiv, hat mit seiner, mit wissenschaftlicher Akribie erarbeiteten und auf bisher kaum genutztes Quellenmaterial gestützten Publikation erstmals umfassend darauf aufmerksam gemacht. Der SS stand mit den KZ-Häftlingen ein unerschöpfliches Potential an Arbeitssklaven zur Verfügung, die bis auf den Tod ausgebeutet werden konnten. Dieser Umstand und die Effektivität von Wirtschafts- und Verwaltungsexperten ermöglichten es, daß seit 1934 von der SS geführte Betriebe in den unterschiedlichsten Wirtschaftszweigen - von Keramik-Werkstätten, Lebensmittel-Produzenten, Buch-Verlagen bis zu Erholungsheimen - prosperierten. Einen besonderen Stellenwert bekamen - zumal in den Kriegsjahren - Rüstungsbetriebe, mit denen die SS-Wirtschaft kooperierte, und in denen Häftlinge als Zwangsarbeiter gepeinigt wurden. An dem alle SS-Unternehmen zusammenfassenden Konzern, der 1940 gegründet wurde, waren mehrere hundert Betriebe beteiligt; zudem existierten Stiftungen und Vereine, die der ideologischen Ausrichtung, aber auch der Expansion des "Deutschtums" dienten. So sollte etwa der "Deutsche Reichsverein für Volkspflege und Siedlerhilfe" "in den von nichtdeutschen Völkergruppen besiedelten deutschen Randgebieten Deutschlands durch systematische Ansiedlung von Deutschen den deutschen Einfluß fördern. Die vorliegende Arbeit stützt sich weitgehend auf den quellenkritisch dokumentierten "Mindener Bericht", den die Verantwortlichen des SS-Wirtschaftsimperiums in der britischen Kriegsgefangenenschaft anfertigen mußten. Hinzu kommen weitere Dokumente, die dem Bundesarchiv unter anderem aus DDR-Archiven und dem ehemaligen Document Center in Berlin zugegangen waren. Ergänzt wird der sorgfältig dokumentierte und kommentierte Band mit biographischen Darstellungen der SS-Wirtschaftsführer. Diesen ist - mit einer Ausnahme eines zum Tode verurteilten - gemein, daß sie im Jahr 1951 vom US-amerikanischen Hochkommissar in Deutschland, McCloy, begnadigt bzw. ihre Strafen deutlich reduziert wurden. Offenkundig galten sie nunmehr - der Kalte Krieg hatte begonnen - wieder als verwendbar. Leider verlieren sich jedoch bei den meisten dieser Wirtschaftsexperten die Spuren in der bundesdeutschen Aufschwung-Gesellschaft. Der vorliegende Band wird vor allem jenen nutzen, die sich wissenschaftlich mit diesem Bereich auseinandersetzen. Er wird aber auch anderen - etwa Lehrern - dienlich sein, die gestützt auf dieses Material darstellen können, welche Methoden die SS als Teil des Nazi-Systems anwandte, um dieses zu stützen und zugleich dessen Expansion ökonomisch zu nutzen. Die vom Bundesarchivar Walter Naasner zusammengetragenen, gesichteten und kommentierten Dokumente erweitern jedenfalls den Blick in die Nazi-Vergangenheit: Mord und Terror, Zwangsarbeit und Expansion, die systematische Vernichtung von Minderheiten und die ideologische Flankierung dieser Verbrechen - sie waren auch eine Variante von Gewinnstreben.
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