Sport gegen Nazis – Riesa kämpft um seinen Ruf

Riesa ist das Hauptquartier der NPD. Das sorgt für einen Ruf, gegen den nicht mal Kati Witt hilft.

Donnerstag, 18. November 2010
Olaf Sundermeyer
Sport gegen Nazis – Riesa kämpft um seinen Ruf
Als der Boxfan Wolfram Köhler noch Oberbürgermeister des sächsischen Riesa war, wurden zwei Spatenstiche gesetzt, die den Ruf der Stadt entscheidend verändern sollten. Bei dem einen, zum Bau einer Mehrzweckhalle, die heute unter dem Name „Erdgas Arena“ firmiert, hatte Köhler den Werkzeugstiel selbst in der Hand. Den anderen hat er zumindest nicht zu verhindern versucht: Aus dem parteieigenen Verlag „Deutsche Stimme“, dessen Sitz vor zehn Jahren in einem Neubaugebiet in Riesa errichtet wurde, gelang einer Clique von rechtsextremen NPD-Funktionären der Einzug in den Landtag.

Nirgendwo sonst ist die verfassungsfeindliche Partei stärker als in Sachsen, und kundige Beobachter behaupten, das alles wäre nicht so gekommen, wenn man sich aktiv gegen die Ansiedlung des Verlages gestellt hätte. Die Spitzenfunktionäre der NPD, die in der Sportstadt Riesa leben, fühlen sich hier wie „Fische im Wasser“, so der NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel. Sein Bürgerbüro liegt auf dem Verlagsgelände. Längst dominiert seine Partei die überregionale Berichterstattung zu Riesa. Nicht die „Erdgas Arena“, auch nicht der Sport, der hier große Veranstaltungen erlebt hat: Eine Weltmeisterschaft im Sumo-Ringen, internationale Rock´n Roll Wettkämpfe, die Deutsche Meisterschaft der rhythmischen Sportgymnastik, den Handball-Supercup, Spiele der Damen-Volleyball-WM, Hallenfußball. Deshalb trägt die ehemalige Stahlstadt an der Elbe den Titel „Sportstadt Riesa“ vor sich her. Er prangt auf einem dieser braunen Unterrichtungsschilder am Ortseingang, als wolle man frühzeitig von dem politischen Makel ablenken.

„Die DDR war nur in einem Punkt international. Und das war der Sport“, sagt Wolfram Köhler heute, zieht an einer Zigarette, und blickt aus dem VIP-Raum in die leere „Erdgas Arena“, einem Messebau, der sich in diesem Augenblick mit seinen Erinnerungen füllt: Köhler wurde vom Oberbürgermeister zum Staatssekretär der Landesregierung mit Sonderauftrag Olympia 2012. Seine Idee waren die „Spiele in Sachsen“. Daraus wurde nichts. Inzwischen arbeitet er als Berater der städtischen Förder- und Verwaltungsgesellschaft (FVG) für Kultur und Sport, der Hallenbetreiberin. Er erinnert sich gerne an stehende Ovationen für das DDR-Radsportidol Täve Schur und für Jutta Müller, die Trainerin von Katharina Witt. „Als Kati hier vor zwei Jahren ihre Abschiedstour gemacht hat, sind die Leute aufgestanden, und haben geklatscht, weil sie im Publikum saß.“ Einige Jahre lang konnte Riesa von der DDR-Tradition profitieren. Köhler erinnert an die Kurzbahn-EM im Schwimmen vor acht Jahren. Er sieht es noch vor sich, das riesige Becken, das sie hier eigens für den Wettkampf aufgebaut hatten; erwähnt die „Tausenden von Medienkontakte“. Immer wieder fiel der Name Riesa, mit fast jedem Anschlag am Beckenrand.

Damals hatte die Sportstadt Riesa noch Chancen, das Duell mit der NPD zu gewinnen. Heute steht es 5900 – 12800, für die NPD. So das Google-Suchergebnis zwischen „Sportstadt Riesa“ und „NPD Riesa“. Selbst die „Deutsche Stimme Riesa“ bringt es auf 19300 Treffer. Immerhin kommt die „Erdgas Arena Riesa “ auf 19400 Treffer. Das hat auch damit zu tun, dass die Halle häufiger populäre Unterhaltungskünstler zu Gast hat als den Sport: Helene Fischer, Mario Barth und TamTam. Neulich fand mal wieder eine Boxgala statt. 3500 Zuschauer sahen den vergeblichen Versuch des Schwergewichtlers Timo Hoffmann den WBO-EM-Titel zu erkämpfen. Christina Hammer, die ein unverbrauchtes Gesicht im Damenboxen hat, errang am selben Herbstabend in der „Erdgas Arena“ den WBO-WM-Titel im Mittelgewicht. Von Damenboxen hält Wolfram Köhler zwar wenig, aber es sei halt angesagt. Zur Bestätigung schrieb die BILD über der Ortsmarke „Riesa“: „Sexy Christina holt den Hammer raus“. Aber die großen ARD-Boxgalas finden hier nur noch selten statt. Denn Riesa konkurriert nicht nur mit der NPD, sondern auch mit den vielen neuen Arenen in Deutschland. Im kommenden Jahr nun wird der Vertrag über das Namensrecht an der Halle neu verhandelt. Dazu schweigt sich Berater Köhler aus, ebenso Renate Kühne, die Geschäftsführerin der FVG. 156.000 Hallenbesucher weist ihre Buchhaltung für das vergangene Jahr aus. Darunter auch die Anhänger der „Elbehexen“, einer Frauenhandballmanschaft aus dem Mittelfeld der zweiten Liga. Für mehr reicht der Etat nicht, rechnet Kühne vor. Ihr Unternehmen finanziert die Elbehexen, die auch unter den NPD-Aktivisten Anhänger haben.

„Die Elbehexen sind doch großartig für Riesa“, ruft Ines Schreiber begeistert aus, dass es in dem „Kameradschaftsraum“, im Obergeschoss des „Deutsche Stimme Verlages“ hallt. Wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft spielt, treffen sich hier Neonazis mit Riesaer Jugendlichen. In den Fußboden ist eine schwarze Sonne eingelassen, das Symbol der Waffen-SS. Ines Schreiber ist NPD-Aktivistin, und gehört zum engsten Kreis um den einflussreichen Landesvorsitzenden Holger Apfel, der die Straße hoch wohnt. Früher hat sie selbst Handball gespielt. Gerade eben hat sie ihre beiden Söhne zum Karatetraining gebracht, zu einem örtlichen Verein. Es ist eine erklärte Strategie ihrer Partei, die Mitglieder in Vereine zu schicken, um dort andere Menschen für ihre Ideologie zu gewinnen. Die Ehefrau von Holger Apfel, Jasmin, leistet ehrenamtliche Kinderarbeit. Dort setzt die NPD-Strategie mit freundlichen Einladungen an, zum Beispiel zum Fußballgucken. Dennoch behauptet Ines Schreiber: „Sport ist Sport, dabei hat Politik nichts zu suchen.“

Ein „Riesaer Appell“ wendet sich nun gegen die Deutungshoheit der NPD, gegen ihre Unterwanderung der sozialen Einrichtungen und des Riesaer Sports. Auch Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) hat den Appell unterschrieben. Riesa liegt in seinem Wahlkreis. Auch er wird erkannt haben, dass die Riesaer mit dem Titel „Sportstadt“ alleine nicht die Deutungshoheit über die Außendarstellung ihrer Stadt zurückgewinnen können. „Ich weiß gar nicht, was die in der Stadt gegen uns haben, als der Verlag hierher zog, hat die Partei doch eine Art Stillhalteabkommen mit der Stadt geschlossen“, behauptet Ines Schreiber. Dazu schweigt Wolfram Köhler, der in anderen Zusammenhängen gerne über die Vergangenheit spricht.
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