„Spontane“ Randale mit Messern und Quarzhandschuhen

Dortmund – Sogar einer, der vor drei Jahren mit einigen Hundert randalierenden Neonazis durch Dortmund lief, fand die Gewaltbereitschaft nach eigenen Worten „persönlich erschreckend“ – doch wer ist verantwortlich für die Aktion?

Sonntag, 06. Mai 2012
Redaktion

Die Botschaft war eindeutig: „Damals wie heute – Hitlerleute“, skandierten die Neonazis, die am 1. Mai 2009 durch Dortmund zogen, Polizeibeamte und Teilnehmer einer Demonstration des DGB gewalttätig angegriffen. So jedenfalls erinnert sich ein Aussteiger aus der Szene, der am Freitag beim zweiten Verhandlungstag gegen Dennis G. und Alexander D. vor dem örtlichen Schöffengericht aussagte.

G. und D. – zwei führende Personen der „Autonomen Nationalisten“ in der Ruhrgebietsstadt – sollen die Anführer der Randaleaktion gewesen sein, so die Staatsanwaltschaft. Bestätigen konnte jener Ex-Neonazi, der inzwischen von Exit betreut wird, das freilich nicht. Allerdings lieferte er aus dem Pulk der Neonazis, in dem er mitlief, einige Beschreibungen des damaligen Geschehens. Schon früh sei Pyrotechnik gezündet worden, sagte er aus. Im Laufschritt ging es durch die Innenstadt. Fenster wurden unterwegs eingeworfen. „Ich fand die Gewaltbereitschaft persönlich erschreckend“, sagt er im Rückblick.

Polizeibeamter hatte Angst um sein Leben

Über jene Militanz berichteten auch Polizeibeamte vor Gericht. Nüchtern-bürokratisch beschrieb ein 46-jähriger Zugführer der Bereitschaftspolizei eine „sehr dynamische Situation, sehr von Gewalt geprägt“. Offenbar wahllos sei mit Steinen geworfen worden, „mit dem Ziel der Entglasung“. Das Fahrzeug eines gleichaltrigen Kollegen wurde mit Pflastersteinen und einem Baustellenschild attackiert. Er erinnerte sich emotionaler: „Ich habe nie vorher erlebt, dass ich einmal so stark unter Bewurf stand und Angst um mein Leben hatte.“

Wer für die Randaleaktion verantwortlich war? „Das war eine dynamische Menschenmasse und kein Bataillon, das einen Führer hat“, sagte der Neonazi-Aussteiger. Dass G. und D. für die Randale gesorgt hatten, glaubt er nicht. Die beiden hätten kein Interesse an derartigen Auseinandersetzungen in ihrer eigenen Stadt gehabt, meint er: Sie hätten eher negative Folgewirkungen für ihre alljährliche Demonstration zum „Nationalen Antikriegstag“ befürchtet.

Die Dortmunder Neonazis behaupten selbst, man habe an jenem Tag eigentlich zu einer angemeldeten Demonstration nach Siegen fahren wollen. Ganz „spontan“ habe sich dann aber die „Demonstration“ in Dortmund entwickelt. Dagegen spricht freilich, was die Polizei, der es schließlich gelungen war, um die 300 Neonazis einzukesseln, bei ihnen fand. Ein Protokoll listet die Gegenstände auf. Jede Menge Reizgas und Pfefferspray-Dosen, Böller und andere Pyrotechnik, Messer, Quarzhandschuhe, eine Seenotrettungsfackel, Schießbecher für Signalmunition und einen Zahnschutz stellten die Beamten unter anderem sicher. Nichts was man für gewöhnlich mitnimmt, wenn man zu legalen Aktionen fährt.

Vier weitere Verhandlungstage sind vorgesehen. (rr/ts)

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