Speerspitze der Abendlandretter

Die erste „Montagsdemonstration“ im Rheinland vor dem Düsseldorfer Landtag bleibt weit hinter den erwarteten Teilnehmerzahlen zurück – vor der Bühne tummeln sich Rechtspopulisten und Neonazis, auf der Bühne ein Vertreter der AfD.

Dienstag, 09. Dezember 2014
Tomas Sager

Mit rund 1000 Teilnehmern hatte der nordrhein-westfälische Ableger der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands“ (Pegida) bei seiner ersten Aktion gerechnet, die Polizei der NRW-Landeshauptstadt hatte sogar bis zu 2000 für möglich gehalten. Am Ende waren es um die 500 Leute, die am Montagabend auf die Wiesen vor dem Düsseldorfer Landtag gekommen waren.

Der eine Teil skandiert bevorzugt: „Wir sind das Volk!“. Der andere tendiert eher zum  Hooligan-Schlachtruf „Ahu!“ Akustisch und auch optisch ist die Menge kein einheitlicher Block. Mittelstandsbürger stehen neben der Fußball-Fraktion, die mit „Ruhrpott-Hooligans!“-Gegröle das Veranstaltungsgelände geentert hatte. Funktionäre rechtspopulistischer Kleinparteien – wie der am Wochenende wiedergewählte „pro NRW“-Vize Dominik Roeseler – tummeln sich im Publikum. Andere wie der neue „pro NRW“-Generalsekretär Tony Fiedler kümmern sich um Organisatorisches oder Technisches. Neonazis der Kleinpartei „Die Rechte“ aus dem Ruhrgebiet sind ebenso erschienen wie NPD-Landeschef Claus Cremer. In einem sind sich alle trotz der Unterschiede untereinander rasch einig: in ihrem Hass auf die Medien, mit denen man tunlichst nicht sprechen möge. „Deutsche Presse – halt die Fresse“, ruft der eine Teil, während der andere die handfestere Version präferiert: „Lügenpresse – auf die Fresse!“

„German Defence League“ und „Identitäre“

Rechtspopulisten und Neonazis vor der Bühne, Rechtsaußen auch auf der Bühne. Sebastian Nobile aus dem Organisationsteam der Kundgebung und einer der Redner zum Beispiel. Bis zum Frühjahr 2013 galt er als führender Kopf bei der Kölner „Division“ der „German Defence League“ (GDL), ehe er sein Herz für die „Identitäre Bewegung“ entdeckte. Bei „pro NRW“ war er vorübergehend Mitglied. Zur Bundestagswahl 2013 kandidierte er für „pro Deutschland“. Vor etwas mehr als einem Jahr kam er auf die Idee, eine Bürgerwehr in Köln zu gründen – wobei ihm klar war, wen seine Truppe besonders im Auge haben müsste: „Die überwiegende Masse an Verbrechen passiert aus dem islamischen Kulturkreis, was sich mit der islamischen Ideologie erklären lässt“, wusste er seinerzeit zu berichten. (bnr.de berichtete)

Oder Melanie Dittmer aus dem zwischen Bonn und Köln gelegenen Städtchen Bornheim, zweite Rednerin des Abends und einst im Umfeld „parteifreier“ Neonazis und der Jungen Nationaldemokraten unterwegs. Auch sie hat inzwischen den Weg zu den „Identitären“ gefunden – und den zu „pro NRW“. Vom Parteitag der selbst ernannten „Bürgerbewegung“ wurde sie just am vorigen Wochenende neu in deren Vorstand gewählt. (bnr.de berichtete) In der nächsten Woche will die „Abendland-Retterin“ eine „Montagsdemonstration“ nach Dresdener und Düsseldorfer Vorbild in Bonn auf die Beine stellen.

„Gemeinsam mit uns für Deutschland“

Und nicht zuletzt Alexander Heumann, Rechtsanwalt aus Düsseldorf und Flügelmann der AfD in Nordrhein-Westfalen. Im einwohnerstärksten Bundesland leitet er die „Patriotische Plattform“, in der sich Rechtsausleger seiner Partei zusammenschließen. Bei der  islamfeindlichen „Bürgerbewegung Pax Europa“ (BPE) fungiert er als Vorstandsmitglied. „Wir lassen uns hier nicht auseinander dividieren“, dröhnt er im Düsseldorfer Regen ins Mikrofon – und erntet den Beifall aller. „Hier ist jeder demokratisch gesonnene Patriot willkommen, egal ob links oder rechts“, ruft er – und muss an dieser Stelle auf den Beifall jener Neonazis verzichten, die sich alles nachsagen lassen würden, aber nicht, dass sie „demokratisch gesonnen“ seien. „Hauptsache, er steht hier gemeinsam mit uns für Deutschland!“, fährt Heumann nun schreiend fort und hat jetzt auch wieder den Beifall der braunen Fraktion im Publikum sicher.

Als „Hauptredner“ ist der Fachanwalt für Familien- und Erbrecht angekündigt. Manches in seinem Beitrag klingt für die, die das Geschehen von außerhalb der Absperrungen verfolgen, konfus und veranlasst einen Beobachter der Szenerie zu der Bemerkung, wenn das die „Speerspitze“ der Retter des Abendlands sei, wolle er gar nicht wissen, wie es um deren Basis bestellt sei. Doch für die 500 vor dem Landtag schafft er es, eine Art Minimalkonsens zu formulieren, dem die eher „bürgerlichen“ Teilnehmer ebenso zustimmen können wie die Hardcore-Rechtsextremisten.

Zustimmung bis weit ins Neonazi-Spektrum

Bei der Warnung vor einer „Islamisierung“ belässt es der AfD-Mann nicht. Es geht ihm um das große Ganze: um den verderblichen Einfluss der 68er und um den „Radikalfeminismus“, um „Gender Mainstreaming“ und die „Frühsexualisierung der Kinder“, die nach Auffassung der hier Versammelten irgendwie zusammengehören, um die D-Mark, die „uns genommen“ worden sei, um die – Heumann will an dieser Stelle vorsichtig formulieren – „unzureichend kontrollierte Zuwanderung“. Die Neonazis im Publikum hätten an dieser Stelle vermutlich die Begriffe „Umvolkung“ oder „Volkstod“ gewählt, aber für sie ist Heumanns Wortwahl an diesem Tag auch so akzeptabel. Auch wenn er gegen die EU wettert („Sie nennen das europäische Integration, wir nennen das einen Staatsstreich von oben“) ist ihm die Zustimmung bis weit ins Neonazi-Spektrum sicher.

„Wir sind hier eine neue Volksbewegung!“, ruft Heumann. Sein Publikum will das glauben und jubelt, wenn neue Zwischenstände von der zeitgleich stattfindenden Pegida-Kundgebung in Dresden mitgeteilt werden: 9000 Teilnehmer seien es dort, heißt es, dann ist sogar von 10 000 die Rede. In Düsseldorf ist man weit entfernt von solchen Zahlen. Und auch der Anteil „bürgerlicher“ Teilnehmer ist geringer als in Sachsen. Eher wirkt die erste „Montagsdemonstration“ im Rheinland wie der x-te Versuch von Rechtspopulisten, endlich aus der gesellschaftlichen und politischen Isolation zu gelangen. Am kommenden Montag wollen sie in Bonn einen neuen Anlauf nehmen.

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