Spärliches Interesse am Terrorhelfer-Netzwerk?

Unter den rund 370 vorläufig geladenen Zeugen zum NSU-Hauptverfahren sind nur wenige Neonazis – schon gar keine aus Sachsen.

Samstag, 30. März 2013
Andrea Röpke

Die vorläufige Zeugenliste des Oberlandesgerichts München gegen Beate Zschäpe und vier weitere Beschuldigte im Zusammenhang mit dem terroristischen „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) verwundert. Enthält sie doch für die Hauptverhandlung ab dem 17. April 2013 bis in den September hinein rund 600 Namen darunter Eltern, Mitbewohner, Urlaubsbekanntschaften, Autovermieter und vor allem Gerichtsmediziner, Polizisten und Tatortzeugen, sogar einen ehemaligen V-Mann-Führer aus Hessen.

Doch einige wichtige Namen scheinen noch zu fehlen. Nicht geladen wurde bisher zum Beispiel Susann E., die mutmaßlich engste Weggefährtin von Zschäpe in den sächsischen Verstecken, Ehefrau des Beschuldigten André E. aus Zwickau. Auch sie soll der rechtsextremen Szene nahe stehen, im gemeinsamen Schlafzimmer stand eine Spendendose mit der Aufschrift „Nationale Sozialisten Zwickau“, Grußkarten der Familie waren mit Hakenkreuzen verziert, auch nutzte die Untergetauchte scheinbar deren Bahncard und womöglich weitere Ausweise. Susann E. muss vom Doppelleben der Zelle gewusst haben, sie besuchte Zschäpe bis zum Ende regelmäßig. Gemeinsam war ein Urlaub geplant.

Bei der „Legendierung“ bis zum Schluss geholfen

Ebenso ist der Zwillingsbruder von André E. vom Gericht in München nicht aufgeführt worden, er ist ein in Brandenburg bekannter Neonazi, bei ihm wurde der mutmaßliche Terrorhelfer im November 2011 gestellt, zusammen mit einer größeren Summe an Bargeld. Auch Matthias D. von der „Weißen Bruderschaft Erzgebirge“, der sich der Verhaftung 2011 widersetzt hatte, half dem Trio bis zum Schluss bei der „Legendierung“. In der Wohnung des Fernfahrers fanden die Ermittler zahreiche NS-Devotionalien. Er wusste vom Umzug zwischen 2000 und 2001 von Chemnitz nach Zwickau und blieb Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt ein treuer Helfer. Auch gegen ihn soll noch ermittelt werden.

Während das Gericht mutmaßliche Helfer beim Abtauchen des Jenaer Bombentrios 1998 wie André K. oder Jürgen H. und auch weitere ehemalige Weggefährten aus den 1990er Jahren geladen hat, deren Unterstützungsleistungen, wenn überhaupt, dann bereits verjährt sind – fehlen die sächsischen Kontaktleute völlig.

Die gegenwärtige Zeugenliste vermittelt den Eindruck, dass zmindest vorrangig kein großes Interesse am potenziellen Helfernetzwerk von „Blood&Honour“ (B&H) bestehen könnte. Weder der Ex-Zschäpe-Freund und Mundlos-Kamerad Thomas S. wurde geladen, der in den 1990er Jahren Sprengstoff besorgte, dann Ansprechpartner bei der Flucht war und ab 2002 rund zehn Jahre für das Landeskriminalamt in Berlin spitzelte, noch Jan W. Gegen den B&H-Boss wurde zeitweilig wegen Waffenbeschaffung ermittelt und dessen polizeiliche Vernehmung aus dem Jahr 2002 wurde im Versteck der Zwickauer Zelle aufgefunden.

Jeweils eine Viertelstunde für die Spendengeldempfänger

Auch Thomas R., genannt „Dackel“, muss bisher nicht aussagen. Er bot dem Trio im Februar 1998 einige Wochen Unterschlupf in einem Haus voller Nazi-Wohngemeinschaften mitten im berüchtigten Chemnitzer Heckert-Gebiet gelegen. R.s Band beteiligt sich zur Zeit an einem Soli-Sampler für den inhaftierten Ralf Wohlleben.

Bisher nicht als Zeuge beim Prozess dabei ist auch  Hendrik L. aus Chemnitz. Der Rechtsextremist traf Mundlos im Versteck, angeblich noch 2000 – in dem Jahr starben die ersten Opfer der NSU. L. Ist Firmengründer von „PC Records“, der Firma, die 2010 den „Döner-Killer“-Song produzierte.

Einzig Mandy S., gegen die wohl auch noch ermittelt wird, wurde geladen. Der ehemaligen Neonazi-Aktivistin aus Johanngeorgenstadt, deren Identität Beate Zschäpe nutzte und die das Trio eine zeitlang bei einem Ex-Freund unterbrachte, werden für die Zeugenaussage ganze 45 Minuten eingeräumt. Nur jeweils eine Viertelstunde wurden für die Aussagen der beiden mutmaßlichen Spendengeldempfänger Thorsten W., Herausgeber des „Fahnenträger“, und David Petereit veranschlagt. Der heutige Schweriner NPD-Landtagsabgeordnete Petereit, der 2002 für die Knastzeitung „Der weiße Wolf“ mitverantwortlich zeichnete, könnte die Spende von rund 2500 DM in Empfang genommen haben. Sein Blatt bedankte sich 2002 dafür artig beim NSU.

Personenspürhunde schlagen vor der Haustür an

Nebenklagevertreter Yavuz Narin vermisst bei der Ladung der Zeugen bisher eine Systematik. Das Auswahlverfahren des Oberlandesgerichtes erscheint dem Rechtsanwalt aus München, der sich für die Familie Boulgarides durch die Berge von NSU-Akten arbeitet, als „problematisch“.

Bisher nicht mit einer Ladung bedacht wurde auch Ralph H. aus Chemnitz, dessen Ausweis sich im Brandschutt der Zwickauer Wohnung in der Frühlingsstraße fand und der zum rechtsextremen Spektrum von Chemnitz gezählt wird. Auch aus der fränkischen Neonazi-Szene wurde niemand geladen, obwohl drei der zehn mutmaßlichen Morde des NSU in Nürnberg begangen wurden. Auch scheint der Thüringer NPD-Landesvorsitzende nicht von Interesse für das Münchener Gericht zu sein. Vor seiner Haustür hatten die Personenspürhunde angeschlagen, es gab Hinweise auf mögliche Aufenthalte aller drei aus der NSU-Kerntruppe im Zeitraum Anfang November 2011.

Verhört werden soll dagegen Jürgen H. aus Jena, der in seiner Vernehmung wohl einräumte, eine Botenfahrt nach Zwickau gemacht zu haben und dort einem anonymen Mittelsmann aus Sachsen eine Tasche mit unbekanntem Inhalt für das Trio übergeben zu haben. Mögliche Neonazi-Kontakte oder Helfershelfer in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg oder Schleswig-Holstein wurden vom Gericht bisher ausgeblendet.

Teilnehmer der „Biertrinker“-Runde geladen

Interessant könnte auch eine Aussage von Ralf M., genannt „Manole“, vor Gericht werden, was bisher allerdings noch nicht vorgesehen scheint.
Laut aktuellen Recherchen des „Spiegel“ soll der Zwickauer, der seit Jahren in der Schweiz lebt, Spitzel des Verfassungsschutz gewesen sein, Deckname „Primus“. Er kannte vier der Beschuldigten des NSU-Verfahrens. Ermittler stießen in den Akten einer Autovermietung auf seinen Namen. Es gäbe zeitliche Überschneidungen mit zwei der NSU zugeschriebenen Morden 2001 in Nürnberg und München, schreibt das Hamburger Magazin.

Aber auch prominente und hochbelastete V-Leute der Geheimdienste wie Tony S., Carsten S., Kai D. und einige andere tauchen nicht auf, nur der Thüringer V-Mann Tino Brandt wurde aufgeführt. Der ehemalige Jenaer Szenemusiker Christian K., der dem Trio 1998 ein Lied widmete, sowie Zschäpes in Spanien lebender Cousin werden befragt. Sie hatten aber wohl nur Mitte der 1990er Jahre schwerpunktmäßig mit dem Trio zu tun, ebenso wie ein alter Schulfreund von Mundlos. Interessanter sind da die Ladungen der ehemaligen Betreiber des Jenaer Szeneladens „Madley“, die teils an der Beschaffung der Mordwaffe Ceska beteiligt gewesen sein sollen. Einer der mutmaßlichen Zwischenhändler mit guten Kontakten zum äußerst militanten Neonazi-Spektrum in Saalfeld-Rudolstadt stritt bisher jegliche Beteiligung ab, wurde aber von anderen belastet.

Geladen wurden aber Teilnehmer der so genannten „Biertrinker-Runde“ im Wohnhaus des Trios in Zwickau. Einer von ihnen soll eine Affinität zur rechten Ideologie haben, fuhr einen Kübelwagen. Ein anderer Mitbewohner, inzwischen verstorben, hatte ein Bild von Adolf Hitler in der Wohnung stehen. Die 50-seitige Ladung vermittelt Beobachtern den Eindruck, dass das Gericht sich sehr stark an den „Hardfacts“ der Morde und Anschläge orientiert, politische Unterstützer-Kreise dagegen bisher eher ausblendet. Insgesamt ein „sportliches Programm“ urteilt einer der Fachleute. Ihm machen die Lücken in der Ladung dagegen noch keine Sorgen. Denn das gesamte Verfahren sei auf über zwei Jahre ausgelegt. Es bestehen also noch ausreichend Möglichkeiten nachzubessern.

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