Sonnenwende mit NS-Liedgut

In Jamel feierten über 150 Neonazis mit ihren Familien – am Abend wurde zu einem Pflichtlied der „Hitlerjugend“ angestimmt.

Montag, 22. Juni 2015
Andrea Röpke

Kleine und größere Kinder hielten ihre brennenden Fackeln an den Feuerstoß, um ihn zu entzünden. Dies war der Höhepunkt des „11. Nationalen Kinderfestes“ mit anschließender Sonnenwendfeier in Jamel. Es war gegen 19.30 Uhr in dem kleinen Dorf bei Grevesmühlen, als die Kleinen vortraten und ihren Beitrag zum völkischen Sommer-Ritual leisteten.

Mindestens 150 Gäste des  Neonazis Sven Krüger waren zuvor in einem langen Zug vom Haus zur Feuerstelle gezogen. Dort stellten  sie sich in einem Kreis auf, Fanfaren erklangen. Der ehemalige Aktivist der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ), Alf Börm, dessen Eltern bereits in der ebenfalls verbotenen „Wiking Jugend“ (WJ) waren, leitete die Zeremonie. In der Hand trug er ein Klemmbrett mit Notizen, breitbeinig baute er sich neben Sven und Janette Krüger auf. Die ehemalige RNF-Anführerin schaukelte nebenher einen Kinderwagen. Obwohl viele der Anwesenden bunt gekleidet waren, vielleicht die Hälfte nur dem altmodischen Ideal der völkischen Gemeinschaft entsprach, wurde der NS-Bezug dieser „Feierstunde“ doch deutlich, denn es sollte ein Propagandalied der „Hitlerjugend“ angestimmt werden.

Zuvor allerdings trug Börm Verse vor und bot den Anwesenden anschließend an, Feuersprüche zu entbieten. Der Schweriner NPD-Fraktionschef Udo Pastörs rief etwa: „Feuer bringt Licht ins Dunkel, Feuer verzehre das Böse, verzehre unsere Feinde, gibt Raum für das Leben unseres Volkes.“ Eine Frau trat vor und als letzter gedachte der glatzköpfige Sven Krüger seines Vaters. Er warf einen Eichenstrauch in Feuer.

Im „Blitzkrieg“-Shirt beim Kinderfest

Dann wurde ein beliebtes Lied aus dem Repertoire der „Hitlerjugend“ angestimmt: „Nur der Freiheit gehört unser Leben“. Mit dabei die NPD-Landtagsabgeordneten Stefan Köster und David Petereit sowie deren Kinder. Die meisten lasen von Zetteln ab, laut sangen viele den Refrain „Freiheit ist das Feuer“ des Liedes mit, welches der Nazi-Dichter Hans Baumann 1935 im Auftrag der Reichsjugendführung geschrieben haben soll. Kräftig stimmte auch Sven Krüger mit ein, den halbwüchsigen Sohn im „5 Jahre Thinghaus“-Shirt an seiner Seite. Aus Saarbrücken war eigens der NPD-Anwalt Peter Richter angereist, aus Lübeck kam NPD-Mann Jörn Lemke.

Bereits am frühen Nachmittag hatten die Feierlichkeiten in Jamel mit dem „Nationalen Kinderfest“ der „Dorfgemeinschaft Jamel begonnen. Dafür waren Stände mit Getränken, eine Hüpfburg und ein Strohballenlager errichtet worden. Die Familien wurden mit einer Pferdekutsche aus Schildberg herumgefahren oder Väter und Söhne jagten mit einem Squad auf dem Dorfplatz umher. Männer mit Ziegenbärten oder im „Blitzkrieg“-Shirt maßen sich beim Gummistiefel-Weitwurf. Ein Plumpsklo war mit Herzchen verziert. Neben dem Wegweiser, der nach Braunau am Inn oder Königsberg weist, war mitten im Dorf ein Werbeständer aus Holz errichtet worden. Hinter Glas fanden sich Fotos aus Jamel sowie eine Ausgabe des NPD-nahen Blattes „De Meckelbörger Bote“.

Krügers „Brüder“ aus der Prignitz und Berlin

Im Nachbarort Gressow kontrollierte die Polizei mit Sperren die Zufahrt. Unter den  Anreisenden waren die regionale Vorsitzende des „Rings Nationaler Frauen“ Antje Menzel aus Stralsund, ehemalige Rädelsführerin einer verbotenen Kameradschaft, oder Benjamin Köpcke aus Rostock, der der Bruderschaft „Brigade 8“ zugerechnet wird. Krügers „Kameradschaft Wismar“ war ebenso mit ihren Familien vertreten wie auch die „Dreiländer“-Kameradschaft mit auffälligen Runenzeichen, Rostocker Neonazis um Marcel P. sowie die NPD-Anhänger wie Stefan Zahradnik, Alexander Barten und Friedrich Tinz. Einer der anreisenden Rostocker Neonazis wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen. Auch Krügers „Brüder“ aus der als militant geltenden Kameradschaft „Hammerskin Nation“ waren aus der Prignitz und Berlin angereist. Kinder liefen in Shirt mit der Aufschrift „Kleiner Heide“ herum, junge Nachwuchsrechte trugen ihre Gesinnung zur Schau, ein junger Mann zeigte das Konterfei von Ian Stuart Donaldson, dem Gründer von „Blood&Honour“. Ein Fahrzeug  aus Ratzeburg trug den beliebten Szenecode „1488“ im Kennzeichen.

An der Polizeisperre in Gressow hielt sich eine aufgeregte Gruppe auf, die heftig mit den Beamten über einen Haftbefehl diskutierte. Die Einsatzleiterin der Polizei bezeichnete die anreisenden Neonazis als „Bürger, wie alle“.Ihre Beamten warnten davor, dass das Anfertigen von Portraits durch Medienvertreter angeblich nicht erlaubt sei. Im Dorf Jamel selbst war keine Polizei zu sehen, von Vertretern des Jugendamtes oder Sozialarbeitern, die das Szenario beobachteten, ganz zu schweigen. Auch Protest gab es keinen, obwohl die antifaschistische „Recherche Gruppe Westmecklenburg“ vor dem Fest in Jamel Tage zuvor gewarnt hatte.

Stattdessen wurde Jamel wieder einmal zur „National befreiten Zone“. Überall im Dorf parkten Fahrzeuge von „Bürgern“, die sich zur radikal-völkischen Neonazi-Szene um Krüger zählen und frühzeitig auch ihren Nachwuchs in die NS-orientierte Erlebniswelt einbeziehen. Dazu gehören eben auch Lieder der verbotenen „Hitlerjugend“.

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