Solidarität mit den „politischen Gefangenen“

Rund 200 Neonazis zeigen am Samstag vor dem in Koblenz beginnenden Prozess gegen die „Kameraden“ des „Aktionsbüros Mittelrhein“ Präsenz – aufgerufen zu dem Aufzug hat Christian Worch.

Montag, 20. August 2012
Tomas Sager

„Bambule, Randale, Rechtsradikale“, ruft einer aus den Reihen der Neonazis. Rasch wird er zur Ordnung ermahnt. Er verstummt. Einen gar zu offenherzigen Auftritt und einen allzu schlechten Eindruck wollen seine Kameraden an diesem Tag in Koblenz dann doch vermeiden. Die Parolen, die unbeanstandet skandiert werden, sind freilich schon aussagekräftig genug. „Alles für Volk, Rasse und Nation“, brüllen die Neonazis unterwegs vom Hauptbahnhof zum Justizgebäude, „Nationaler Sozialismus jetzt!“ und wahlweise: „Nationaler Sozialismus bis zum Tod!“.

Rund 200 von ihnen sind an diesem brüllend heißen Samstag gekommen, ganz überwiegend aus Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Die Sonnenbrillen, unabhängig vom Wetter bevorzugtes Utensil vor allem militanter „Autonomer Nationalisten“, um nicht so leicht erkannt zu werden, machen an diesem Tag sogar Sinn. Auch Versammlungsleiter Christian Worch, bei Demonstrationen der Szene auch ansonsten zuweilen outfittechnisch etwas abgerissen wirkend, hat sich präpariert: mit abgeschnittener Jeans, schlabbrigem Polohemd und breitkremprigem Hut.

Mit dabei auch einige NPDler

Worch hat zu der Veranstaltung aufgerufen. Kurz nachdem Mitte März in Rheinland-Pfalz und NRW zwei Dutzend seiner „Kameraden“ unter dem Vorwurf, das als kriminelle Vereinigung eingestufte „Aktionsbüro Mittelrhein“ gebildet oder unterstützt zu haben, inhaftiert worden waren, hatte er sich über die dürftige Solidarisierung und den mangelnden Informationsfluss beklagt. Jetzt, zwei Tage vor dem am heutigen Montag vor dem Landgericht Koblenz anstehenden Prozessauftakt, will die Szene Präsenz zeigen.

Mit dabei sind auch einige NPDler. Mit Grund. Denn einige der Angeklagten bekleideten Funktionen in der Partei oder standen bei Wahlen auf deren Listen. Mit Safet Babic und Markus Walter stehen die beiden stellvertretenden Vorsitzenden des rheinland-pfälzischen Landesverbandes am Mikrofon. „Wir stehen geschlossen hinter unseren politischen Gefangenen“, versichert Walter seinem Publikum. Und Babic entwickelt gar eine eigenwillige Theorie, warum die „Repression“ seine „Kameraden“ gerade jetzt ereilt: nicht wegen ihrer kriminellen Energie, sondern wegen ihrer politischen Stärke, zumindest ihrer potenziellen Stärke. Einen „wachsenden Missmut“ in der Bevölkerung hat Babic in der „Endphase der Euro-Dämmerung“ erlebt und erwartet in Deutschland „Verhältnisse wie in Griechenland“. Die griechische Neonazi-Partei „Goldene Morgenröte“ – Babic nennt sie eine „nationale und sozialistische Bewegung“ – komme inzwischen auf sieben Prozent. Noch vor nicht allzu langer Zeit rangierte sie mit ihren 0,7 Prozent sogar unter den Ergebnissen von Babic' NPD.

Im Hauptbahnhof noch das HJ-Lied angestimmt

„Angst ist unsexy“ steht auf einem der Transparente, das die Neonazis in Koblenz vorneweg tragen. Es soll auf einem Zitat von Sven Skoda basieren, einem der 26 Angeklagten. Skoda, den die Polizei Mitte März in seiner Heimatstadt Düsseldorf festgenommen hatte, taugt für seine braunen „Kameraden“ unter den Beschuldigten inzwischen am ehesten als Identifikationsfigur. Axel Reitz, der diese Rolle hätte übernehmen können, scheidet dafür aus, nachdem er im Ermittlungsverfahren allzu freimütig geplaudert und damit nun in der Szene keine Chance mehr hat. Manfred Breidbach, wie Skoda aus Düsseldorf und dort stellvertretender Kreisvorsitzender der NPD, liest aus einem Brief des Angeklagten vor: „Ich werde in Haft so bleiben, wie ich in Freiheit gewesen bin“, schreibt Skoda, „Kopf hoch, auch wenn der Gegenwind stark wird.“ Solche Töne hören Breidbach und sein Publikum gerne.

Anders fällt seine Bewertung von Reitz aus. Breidbach rechnet ihn inzwischen zu den „schwächlichen und kleingeistigen Mitläufern“, die „mit dem System kollaboriert haben“.

Nach vier Stunden sind die 200 Neonazis wieder in ihre Züge gestiegen. An die 1000 Bürger haben vor dem Hauptbahnhof und auf der Route zum Landgericht gegen die Neonazis demonstriert. Die Polizei zieht später Bilanz. 13 Strafverfahren habe man einleiten müssen, davon zwölf gegen Neonazis wegen Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und Verstößen gegen das Versammlungsgesetz. Worchs Fußvolk verabschiedet sich von Koblenz, indem es im Hauptbahnhof noch das HJ-Lied „Ein junges Volk steht auf“ anstimmt.

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