Skurrile Live-Sendungen aus Mainz

In Mainz demonstrieren seit einigen Wochen Dutzende Menschen unter dem Motto „Merkel muss weg!“. Unter den Teilnehmenden finden sich immer wieder bekannte Personen aus der extrem rechten Szene.

Mittwoch, 25. April 2018
Fabian Jellonek

Die Organisatoren und Redner der Aufmärsche fallen vor allem durch skurrile Botschaften und Inszenierungen auf. Im Netz werden sie dafür gefeiert. Vieles was derzeit montags in Mainz passiert, erinnert an die Friedensmahnwachen 2014.

„Bleibt da weg!“, hieß es noch vergangene Woche kurz vor der angemeldeten Demo am Montag in dramatischer Tonlage von den Veranstaltern in einer Videobotschaft. Die Sicherheit der Teilnehmenden könne nicht gewährleistet werden, deshalb werde nur der Sprecher am Versammlungsort auftauchen und sich in einem Livestream äußern.

Vor Ort hielt „Thomas“, wie er von seinen Mitstreitern genannt wird, eine Art Ansprache an die Gegendemonstranten (die im lauten Protest unterging) und entschwand kurz darauf in einen Garten, aus dem er mit dem Rest seines Orga-Teams weitersendete. Auf Außenstehende wirkte diese Inszenierung skurril und seltsam. Im Netz unter Gleichgesinnten werden die Organisatoren für derartige Showeinlagen dagegen gefeiert. Einer der rund 20.000 Zuschauer des Livestreams postete gar: „Ich bewundere deinen Mut Thomas, eines Tages wird dir Mainz ein Denkmal setzen!“.

„Vorbilder und Leute, die uns gebildet haben“

Obwohl die Videobotschaften und Livestreams der Organisatoren oft bis zu einer Stunde dauern, werden dort kaum politische Inhalte verhandelt. Stattdessen dankt man minutenlang Vorbildern und „Leuten, die uns gebildet haben“, was in einer Auflistung sämtlicher relevanter YouTube-Kanäle aus dem so genannten „Truther“-Spektrum und den selbst ernannten „alternativen“ Medien endet. Natürlich dürfen dabei auch Personen wie Matthias Matussek und Xavier Naidoo nicht fehlen. Oder man klärt über den eigenen aktuellen Beziehungsstatus auf und kündigt an, ein „Demotagebuch“ zu führen, weil man zum ersten Mal im Leben aktiv sei.

Diese Legenden von der eigenen Naivität und die absolute Distanzlosigkeit zum Publikum erinnert stark an das Jahr 2014 und die seinerzeit abgehaltenen „Friedensmahnwachen“. Auch damals trafen sich jeden Montag Menschen, die von sich behaupteten, vollkommen unpolitisch zu sein und Links/Rechts-Schemata abzulehnen. Tatsächlich kamen viele der scheinbar spontanen Wortmeldungen dabei aus den Mündern geschulter Kader der „Reichsbürger“-Szene.

„Die da oben führen Krieg gegen uns“

Um Frieden sollte es auch am Montag in Mainz gehen. Anders als in der Vorwoche konnten die Veranstalter nun wieder für die Sicherheit garantieren und rund 50 Menschen folgten ihnen auf einen kleinen Mainzer Platz nahe dem Dom. „Die da oben führen einen Krieg gegen uns“, verkündete Mitorganisatorin Nico M., die laut Facebook-Profil aus Frankfurt stammt. Außer ihr sprach auf der Kundgebung nur Kollege Thomas aus dem Orga-Team. Zwischen den beiden Redebeiträgen sangen die Anwesenden gemeinsam inbrünstig den Westernhagen-Schlager „Freiheit“.  

Im Publikum befand sich der ehemalige HoGeSa-Redner Torsten F., der nun offenbar eine Karriere als Friedensaktivist anstrebt, nachdem er vor Kurzem noch in Kandel als „Frauenbeschützer“ auftrat. Außerdem war das rheinland-pfälzische Vorstandsmitglied der „Jungen Alternative“ (JA) Pascal B. zugegen, der seinen Ludwigshafener Parteifreund und YouTube-Blogger unter dem Pseudonym „Deutscher Patriot“, vertreten musste, weil dieser nach eigenen Angaben wegen Verstoß gegen das Waffengesetz nicht an der Demo teilnehmen durfte. 

„Nachwuchs“ war auch bei JN-Kundgebung

Im Livestream der Veranstalter schwankte die Stimmung innerhalb weniger Minuten immer wieder zwischen aufgeregten Schilderungen der eigenen Bedrohungslage und verzückten Meldungen, wie großartig dieses Mal alles organisiert sei und wie sicher man sich doch fühle. Nico M. aus dem Orga-Team drehte zum Abschluss eine Runde durch das Publikum. Bei einer Gruppe junge Männer mit Sonnenbrillen hält sie an und bezeichnet sie als „unseren Nachwuchs“. Den teilen sich die „Merkel muss weg“-Organisatoren, die immer wieder betonen, zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt zu werden, mit der NPD. Denn die gezeigten jungen Männer haben erst kürzlich ihre Friedensliebe bei einer Kleinstkundgebung der NPD-Jugendorganisation Junge Nationalisten(JN) in Wiesbaden demonstriert.

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