Sinti-Allianz: Ächtung des Begriffs Zigeuner darf es nicht geben

Insgesamt drei Ordnungsrufe sammelte der NPD-Abgeordnete Tino Müller für die Bezeichnung „Zigeuner“ in der 101. Sitzung des Landtages. Der Verein „Sinti Allianz Deutschland e.V.“ wandte sich nun an das Landtagspräsidium und wies darauf hin, dass man die erteilte Ordnungsmaßnahme für falsch halte. 

Mittwoch, 01. Dezember 2010
Robert Scholz
Sinti-Allianz: Ächtung des Begriffs Zigeuner darf es nicht geben
Die von Vize-Landtagspräsident Hans Kreher (FDP) erteilten Ordnungsrufe hätten bis „heute anhaltende Diskussionen in unserem Bevölkerungsteil verursacht“, schreibt Natascha Winter an Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider (SPD). Die Vorsitzende des Vereins „Sinti Allianz Deutschland“ hält es für „höchst problematisch“, wenn die Verwendung des Begriffs „Zigeuner“ zu einem Ordnungsruf führe, da dies dazu beitrage, dass „die Volksbezeichnung von ca. zwölf Millionen Menschen, die in Europa leben, tabuisiert wird.“

An diesem Punkt gebe es auch unterschiedliche Standpunkte zwischen den Dachverbänden Zentralrat Deutscher Sinti und Roma sowie der Sinti Allianz. Ihr Verein lehne gerade nicht den Ausdruck „Zigeuner“, sondern die Bezeichnung „Sinti und Roma“ als ausgrenzend ab, „weil dadurch die Existenz hunderttausender anderer Zigeuner geleugnet wird und diesen damit ihr Selbstbestimmungs- und Vertretungsrecht abgesprochen wird.“

Die Sinti Allianz ist daher der Auffassung, dass „mangels eines von allen Zigeunervölkern akzeptierten neutralen Überbegriffs auf die eineinhalbtausend Jahre alte historische Bezeichnung Zigeuner nicht verzichtet werden kann, sofern diese wertfrei benutzt und die Nennung der ethnischen Herkunft als notwendig erachtet wird.“

Eine Zensur oder Ächtung des Begriff dürfe es in der Bundesrepublik nicht geben, mahnt Natascha Winter. Nicht die Bezeichnung müsse sich ändern, sondern die Einstellung gegenüber Zigeunern: „Ein Rassist, der Zigeuner hasst, wird sie nicht lieben aufgrund einer ,Namenstilgung‘ zugunsten fragwürdiger, unwissenschaftlicher und ausgrenzender Ersatzformeln wie Sinti und Roma.“

Und falls sich die NPD schon die Hände reiben sollte: Winters Schreiben an die Landtagspräsidentin, das sie ausdrücklich nicht als Kritik, sondern als „Beitrag zur Aufklärung“ verstanden wissen will, ergreift nicht im Ansatz Partei für die NPD. Allerdings wären die „Entgleisungen von Herrn Müller“ nicht dadurch akzeptabler gewesen, „wenn er statt von Zigeunern von Roma gesprochen hätte.“

Als kleinen Seitenhieb in Richtung Zentralrat Deutscher Sinti und Roma dürfte hingegen Winters Hinweis zu verstehen sein, dass man eine positive Einstellung zur eigenen Kultur nicht dadurch erreiche, dass man leugne, Zigeuner zu sein, „und jedem mit Strafverfolgung droh[t], der den Begriff Zigeuner wertfrei verwendet.“

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma hatte Ende Juli dieses Jahres Anzeige gegen den NPD-Abgeordneten Tino Müller erstattet, da man sowohl in der Rede als auch in Texten auf der Internetseite der NPD-Fraktion Anhaltspunkte ausgemacht hatte, die den Straftatbestand der Verleumdung und der Beleidigung erfüllen würden.

Als relativ kleiner Dachverband setzt sich die Sinti Allianz gegen den Alleinvertretungsanspruch des Zentralrats ein. Anlässlich der Holocaust-Gedenkfeier im Dezember vergangenen Jahres im Bundesrat eskalierte dieser Streit derart, dass es zu Handgreiflichkeiten zwischen Vertretern beider Seiten gekommen sein soll. Dem Bundestag war die „heikle Konstellation“ bewusst, heißt es, daher hätte es auch getrennte Aufenthaltsräume für die Vertreter beider Dachverbände gegeben. Auf der Toilette sei es dann trotzdem zu einer Auseinandersetzung gekommen. Der „Focus“ spricht vom „Duell auf dem Damenklo“. Verwickelt in den Streit waren die Vorsitzende der Sinti-Allianz Natascha Winter und Ilona Roche, Repräsentantin des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma.

Der wohl größte Streitpunkt zwischen beiden Vereinen ist die Bezeichnung „Zigeuner“. Laut Winter sei der Begriff per Diktat des Zentralrats für rassistisch erklärt worden, die Eingrenzung auf Roma und Sinti verbanne aber die anderen Stämme aus der Geschichte. Gerade diese Auseinandersetzung hat auch zu mehrjährigen Verzögerungen beim Bau des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma geführt. Symbolisch hat der Bau am 19. Dezember 2008 begonnen. Beim Namen konnte sich der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma durchsetzen.
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