„In Schwerin ist alles auf dümmliche und billige Provokation ausgerichtet“ - Ex-NPD-„Nachwuchsstar“ Stefan Rochow im Interview

Jahrelang galt Stefan Rochow als der wohl „wichtigste Nachwuchsfunktionär“ (Die Welt) der NPD. Er war Mitglied des Parteivorstandes, Chef der Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) und arbeitete für die Fraktionen in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. ENDSTATION RECHTS. sprach mit dem einstigen Insider über seinen Ausstieg, seine Zeit in der NPD, deren momentane Lage, ihre Führungskader und über die Schwierigkeiten, in der Gesellschaft wieder Fuß zu fassen.

Sonntag, 19. Mai 2013
Bereits 2007 – nach zuletzt einem Jahr in der NPD-Landtagsfraktion M-V – sind sie ausgestiegen. Ihre Autobiographie "Gesucht - Geirrt - Gefunden" veröffentlichten sie jedoch erst jetzt.

Ausgestiegen bin ich Anfang 2008. Ich hatte innerhalb einen längeren Prozesses gespürt, dass mein Platz nicht mehr da war, wo ich bis dahin gestanden hatte. Trotzdem hatte ich damals mehr Fragen als Antworten mir gegenüber. Wie habe ich mich über Jahre so verirren können? Diese Frage musste ich damals eben so für mich beantworten wie die Fragen danach, wie es nun für mich weitergehen kann. Hätte ich in dieser Phase eine Autobiografie verfassen wollen, hätte aus meiner Sicht die Gefahr bestanden, von einen Extrem in ein anderes zu verfallen. Ich brauchte damals Abstand und vor allem Zeit, um zu mir selber zu finden. Jetzt, da ich diesen Abstand zu den Dingen gefunden habe, denke ich, ist es an der Zeit gewesen, meinen Ausstieg quasi als letzten endgültigen Schlussstrich in Form meines Buches öffentlich zu machen. Ich hätte nach meinem Ausstieg sagen können wogegen ich bin. Das war mir aber zu wenig. Meine Leser, davon bin ich überzeugt, haben auch einen Anspruch darauf zu erfahren, wofür ich nach meinem Ausstieg heute stehe. 

Ihr Einstieg in die rechtsextreme Szene verlief untypisch. Sie wuchsen in geordneten Familienverhältnissen auf, wurden christlich erzogen. Dennoch rutschten Sie bereits in frühen Jahren über Kameradschaftschaftsstrukturen in die NPD. Wie erklären Sie sich das?

Ich weiß gar nicht, ob ich mich so untypisch Schritt für Schritt radikalisiert habe. Als ich in die Pubertät kam, war gerade die DDR zusammengebrochen. Auch wenn ich nicht in einem – wie man so schön sagte – staatstragenden Elternhaus aufgewachsen war, hinterließ das doch – im Nachhinein eingestanden – Spuren bei mir. Ich hatte an dieses neue System viele Fragen. Damals glaubte ich an "Vater Staat", der alles richten sollte und war enttäuscht, dass er das nicht tat. Anstatt zu erkennen, dass Demokratie, Pluralismus und Freiheit ohne Eigenverantwortung überhaupt nicht denkbar sind, war dieser Zustand für mich ein Zustand von Schwäche. Meine Unzufriedenheit wandelte sich langsam aber sicher in Hass. 

In dieser Zeit entwickelte ich für mich immer mehr ein romantisiertes und völlig naives Deutschlandbild. Halbwahrheiten, Ressentiments gegen Menschen, denen es vermeintlich besser geht, Vorurteile und eine idealisierte Vergangenheit in der manche unangenehme geschichtlichen Realitäten ausgeblendet werden, radikalisierten mich immer mehr. Ich suchte Gleichgesinnte und fand sie damals anfangs in der Skinheadszene der 90er Jahre, die mir aber schnell viel zu unideologisiert erschien. Nach einem kurzen Intermezzo im bürgerlich-konservativen Bereich, der mir dann aber schnell als zu angepasst und feige erschien und meinem Eintritt als Student in eine Burschenschaft, endete meine Radikalisierung dann 1998 bei der NPD.        

Relativ schnell erkannte die Führungsmannschaft der NPD Ihr Potential, Sie wurden mit 26 Jahren Vorsitzender der „Jungen Nationaldemokraten“. Wie blicken Sie heute auf diese Zeit zurück und wie sehen Sie die Jugendorganisation heute positioniert?

Wenn ich heute mit dem ausreichenden Abstand auf diese Zeit zurückblicke, dann wird mir bewusst, wie stark ich einem politischen Messianismus angehangen habe. Ich glaubte tatsächlich daran – das mag auf den ersten Blick völlig unverständlich klingen – mit meinem nationalistischen Weltbild mein Land radikal verbessern zu können. Mein Welt- und Menschenbild war hermetisch abgeriegelt. Verbohrt und politisch vernagelt habe ich mit dazu beigetragen, junge Menschen, die wie ich Suchende waren, in ihren Vorurteilen, Ängsten und Wut zu bestärken. Ich habe Argumente geliefert, die nationalistisches Gedankengut in die Köpfe Heranwachsender etabliert haben. Das ist eine Verantwortung die ich übernehmen muss. 

Wenn ich mir als Außenstehender die Jungen Nationaldemokraten (JN) heute anschaue, dann meine ich im Außenauftritt starke Fokussierungen auf die Themenfelder Identität, Antiislamismus und völkischer Freiheitsbegriff wahrzunehmen. Soziale Komponenten, die mir während meiner Zeit in der NPD wichtig waren, scheinen völlig in den Hintergrund gerückt zu sein. Einen Markenkern, den die JN von anderen nationalistischen Gruppierungen unterscheidet, kann ich nicht erkennen.

Beachtenswert scheint mir aber die Art und Weise der Verwendung des Freiheitsbegriffes in diesem Zusammenhang. Freiheit ist ein Begriff, der grundsätzlich positiv besetzt ist. Daher lohnt sich ein Blick auf die Verwendung seitens der JN. Wenn der heutige JN-Bundesvorsitzende Andy Knape feststellt: "Mein Ziel ist es, eine schlagkräftige politische Jugendorganisation zu formen, die in der gegenwärtigen Zeit der Ichsucht und der Arroganz, im vorpolitischen Raum einen entscheidenden und maßgeblichen Einfluss nimmt, um die Voraussetzungen einer neuen politischen Kultur zu schaffen." Wenn Freiheit in nationalistischen Kreisen immer nur im Zusammenhang von Volksgemeinschaft und Freiheit von etwas gesehen wird, dann wird deutlich, wie sehr eine individuelle Freiheit abgelehnt wird oder nur im Zusammenhang einer dem totalitären Ziel dienende Funktion zugestanden wird. Das ist eigentlich entlarvend genug. Gemeinschaften sind Ansammlungen von individuellen Menschen und keine gleichgeschalteten Massen. Im Grunde streben Nationalisten genau diese Gleichschaltung an, die sie dem "System" ständig vorwerfen. 

2004 zog die NPD nach 36 Jahren Abstinenz erstmals wieder in ein Landesparlament ein. Kaum jemand hatte der NPD solche Erfolge zugetraut, fast wurde sogar die SPD überrundet. In der Fraktion wurden Sie stellvertretender Leiter des Parlamentarischen Beraterstabs. Fühlten Sie sich „angekommen“?

Anfänglich schon. Für mich brach damals nicht nur beruflich eine neue Zeit an. Ich war voller Illusionen. Sehr schnell merkte ich aber, dass Politik eigentlich nur eine untergeordnete Rolle in der Fraktion spielt. Das ist eine Erkenntnis, die ich in den Jahren in der NPD immer wieder festgestellt habe. Es finden so gut wie nie politische Diskussionen statt.

Die mangelnde Politikfähigkeit innerhalb der Fraktion erschreckte mich. Dazu kam, dass ich eine gewisse Selbstversorgungsmentalität wahrnahm, die ich ja in meinem Buch ausführlicher beschreibe. Ich hatte wirklich daran geglaubt, dass wir es anders machen würden als die anderen Parteien, denen wir genau diese Dinge ja ständig vorwarfen. Meine Motivation war sehr schnell erschöpft und im Nachhinein ist mir klargeworden, dass hier meine erste Bruchlinie verlaufen ist. Natürlich stellte ich damals noch nicht meine Ideologie in Frage. So weit war ich noch lange nicht.

In der Zeit lernten Sie Holger Apfel – der dort Fraktionsvorsitzender wurde – noch besser kennen, bezeichnen ihn in Ihrem Buch als „mit Abstand fähigsten Politiker in der NPD“. Haben Sie eine Erklärung für den Gegenwind, mit dem Apfel nun als Bundesvorsitzender zu kämpfen hat?

Holger Apfel ist kein durchideologisierter Mensch. Eigentlich ist er ein Pragmatiker. Das macht ihn im Hinblick auf die Strategie der Partei beweglich. Er glaubte bei seiner Wahl zum Parteivorsitzenden, so wie ich ihn kennengelernt habe, tatsächlich daran, die Lebensferne in der NPD überwinden zu können und unter dem Schlagwort "seriöse Radikalität" Wähler zu erreichen, die der NPD-Ideologie zwar nahe stehen, aber sich davor scheuen, eine offensichtliche "Polit-Sekte" zu wählen. Diese Rechnung scheint nun aber nicht aufzugehen. Das mag zu einem Teil an äußeren Faktoren wie dem drohenden Verbotsverfahren oder an der Finanzsituation liegen. Entscheidender scheint mir aber die Tatsache zu sein, das es keine Basis gibt, die auch nur ansatzweise Verständnis für den Apfel-Kurs hat. 

Einer Partei, die sich immer als "Weltanschauungspartei" begriffen hat, fehlt einfach die Flexibilität populistischer Parteien im Ausland, deren Dehnbarkeit. Die Basis interessiert sich zu einem großen Teil gar nicht für politische Inhalte, möchte eigentlich nur ihre Ressentiments gegen die ganze Welt pflegen oder sie besteht aus orthodoxen Ideologen, denen jeder Deut Abweichung von der reinen Lehre als Verrat an der Sache erscheint. Die Basis der NPD in ihrer Gesamtheit ist daher für den Otto Normalbürger einfach nicht anschlussfähig. Der überwiegende Teil in der NPD möchte im Grunde auch gar nicht wirklich den politischen Erfolg der NPD, sondern lediglich die Wagenburgen verteidigen in denen sie es sich inzwischen gemütlich gemacht haben.

Aus dieser Wagenburg wollte Holger Apfel nun die Partei herausholen, weil er zu erkennen glaubt, dass die Partei seit Jahren auf der Stelle tritt. Er hat sich aber, um es bildlich auszudrücken, in Dresden in den Zug gesetzt und ist losgefahren, während seine Mannschaft immer noch auf dem Bahnsteig stehen geblieben ist. Immer wieder wurde in der Vergangenheit versucht, durch Provokationen im Sächsischen Landtag oder die Bedienung von Leib- und Magenthemen der Basis wie Ausländer, Juden, Israel oder jüngst, wenn Jürgen Gansel Holocaustgedenken als "Geschichtspornografie" bezeichnet, unter Beweis zu stellen, dass der verordnete Kurs nur ein kosmetisches Lifting ist und keine Aufgabe der nationalistischen Positionen bedeutet. Die Mannschaft ist aber misstrauisch geworden. Die Erfolglosigkeit wird nun diesem Kurs angelastet, der eigentlich nur in Ankündigungen steckengeblieben ist. Die Mannschaft meutert. Noch will niemand den Königsmörder spielen. Die Frage ist nur, wie lange noch?

In Mecklenburg-Vorpommern gelang der NPD ebenfalls der Einzug in den Landtag. Sie bekamen die Chance, in ihr Heimatbundesland zurückzukehren. Aber auch die NPD profitierte von ihren parlamentarischen Erfahrungen aus Sachsen. Dennoch erkannten Sie schnell, dass die Fraktionen kaum unterschiedlicher sein könnten. Inwiefern?

Das letzte Jahr in der NPD-Fraktion in Mecklenburg-Vorpommern war für mich wirklich eine Bauchlandung. Im Nachhinein bin ich aber dankbar, dass es so gelaufen ist. Noch heute ist in Schwerin alles auf dümmliche und billige Provokation ausgerichtet. Während man sich in Dresden noch rudimentär um die parlamentarische Sacharbeit bemühte, gab es dies in Schwerin nicht ansatzweise. Die Doktrin, die einzig wahre Weitsicht gefunden zu haben, die für Extremisten typisch ist und in Schwerin viel ausgeprägter war als in Dresden, machte das einfach unmöglich. Ich merkte sehr schnell, dass ich mit diesem durch nichts begründbaren Rigorismus in der Fraktion nicht umgehen konnte und eigentlich auch nicht mehr wollte. 

Dazu kam natürlich auch, dass Abgeordnete und Mitarbeiter zu einem überwiegenden Teil in ihrer nationalsozialistischen Ideologie steckengeblieben sind. Der Nationalsozialismus war dort dauerpräsent. Ich merkte schnell, dass dort nicht mein Platz war und begann erstmals meine Ideologie grundsätzlich in Frage zu stellen.     
 
Wenig später entschlossen Sie sich, der NPD endgültig den Rücken zu kehren. Zweifel, weiterhin für die NPD und deren Ziele einzutreten, hegten Sie jedoch schon länger. Gab es einen konkreten Anlass für Ihren Entschluss?

Meine Entscheidung einen Schlussstrich zu ziehen, resultierte aus einem Prozess, der sich über mehrere Jahre hinzog. Den Beginn kann ich heute daran festmachen, daß ich 2005 zufällig den greisen Papst Johannes Paul II. im Fernsehen den Ostersegen spenden sah. Die Szene rührte mich eigentümlich an, obwohl ich als Nationalist die Kirche als Feind betrachtete. Dann kam die Wahl Benedikts XVI., und mein Interesse wuchs. Ich kaufte mir seine Bücher und merkte, dass sie mir etwas zu sagen hatten. Zugleich wurde mein Gefühl der Leere immer deutlicher, und ich entfremdete mich der Partei immer mehr. Mein Weltbild bekam die ersten Risse.

Meine Erlebnisse in Schwerin, potenzierten dann aber plötzlich meine Empfindungen auf dem falschen Weg zu sein noch einmal sehr stark. Immer deutlicher wurde mir, dass ich eine Entscheidung treffen muss. Es gab für mich nicht die goldene Mitte, dass war mir bald klar: Entweder ich stand hinter dem, was ich machte oder ich musste es lassen. Ich entschied mich dann für den Schlussstrich. Trotz allen Widrigkeiten, die ich in den letzten Jahren erlebt habe, eine richtige Entscheidung wie ich bis heute finde.

In Ihrem Buch kritisieren Sie den Umgang mit Aussteigern. Ihnen wurde vorgeworfen, Sie seien „verbrannt“ - frei nach dem Motto „Einmal Nazi, immer Nazi“. Da Sie offen mit Ihrer Vergangenheit umgingen, hagelte es von Arbeitgebern Absagen. Wird so Neonazis, die ernsthaft über einen Ausstieg nachdenken, nicht ein Bärendienst erwiesen?

Diese Form des Umgangs halte ich für hochproblematisch. So sehr ich befürworte, dass es klare Abgrenzungen zu rechtsextremistischem Gedankengut gibt, so wenig Verständnis habe ich dafür, dass sich diese Abgrenzung heute fast ausschließlich gegen Menschen richtet. Mag dahinter auch Angst und Unsicherheit stecken.

Die Muster der Ausgrenzung wie ich sie erlebte, sind bis heute immer die gleichen: Natürlich spreche mir niemand ab, dass ich meinen Ausstieg ernst meine. Selbstverständlich glaube man mir auch, dass ich meinen Fehler erkannt habe. Leider würde aber eine Beschäftigung oder die Mitgliedschaft in ihrem Verein Arbeitgeber oder Verein in eine fatale Lage bringen. Es gebe sicherlich viele andere Möglichkeiten, bei ihnen gehe es leider nicht. Ex-Neonazis in ihren Reihen, dass würde Leuten, die es übel meinen, eine Steilvorlage liefern. Das müsse ich doch einsehen. 

Nein, das sehe ich eben nicht ein, weil es für mich die gleichen totalitären Muster sind, aus denen ich komme. Vielleicht bin ich in dieser Hinsicht sensibler als andere. Wo es kein Verzeihen gibt, da bleibt nur Rache. Rache führt aber wieder zu neuem Unrecht. Das ist doch eine wahnsinnige Spirale, in die wir uns hier mit solchen Verhaltensmustern begeben. Eine Gesellschaft, die sich so verhält, macht all das klein, was ihr Zusammenleben eigentlich prägen sollte: Toleranz, Wertebewusstsein und Menschlichkeit. Das darf nicht das Signal unserer demokratischen Gesellschaft sein.
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