Schwer bewaffnetes Netzwerk
Die Polizei sprengt gefährliche österreichische Neonazi-Truppe – die hat über Jahre ein „mafiöses System“ mit Waffen, Sprengstoff-, Drogen- und Menschenhandel aufgebaut.
„Das ist die größte Neonazi-Bande mit dem größten kriminellen Potenzial seit Jahrzehnten“, sagt Nationalrat Karl Öllinger (Grüne). Bis auf Bundesebene hinauf erschüttert die Causa „Objekt 21“ Österreich: Die Kameradschaft aus dem Bundesland Oberösterreich baute über eineinhalb Jahre ein regelrechtes „mafiöses System“, so ein Ermittler, auf – zusammen mit deutschen Gesinnungsgenossen. Die Vorwürfe reichen von Schutzgelderpressungen bis hin zu Drogen-, Waffen- und Menschenhandel. Zudem sollen Bekannte gezwungen worden sein, Raubüberfälle und Einbrüche für die Neonazi-Truppe zu verüben.
Nach langen Ermittlungen des Verfassungsschutzes schlug schließlich eine Sonderkommission (SOKO) für Organisierte Kriminalität zu: Rund 100 Beamte stürmten Wohnungen, nahmen 80 Beteiligte fest. Bei den Hausdurchsuchungen wurden Maschinenpistolen, Gewehre und zehn Kilo Sprengstoff gefunden. Gegen zehn Personen wurde Untersuchungshaft verhängt – die Führungsriege von „Objekt 21“ sowie zwei deutsche Neonazis. Unter ihrer Leitung sei in den vergangenen eineinhalb Jahren „ein rechtsradikales, schwer bewaffnetes Netzwerk von bislang unbekannter Dimension“ entstanden, betonte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen Oberösterreich, Maria Buchmayr. Die kriminellen Machenschaften decken dabei fast das gesamte Spektrum ab. Vor allem baute die Truppe mit brutaler Gewalt ihren Einfluss im Rotlichtmilieu aus. So sollen Firmenbesitzer und Betreiber von Bordellen genötigt, bedroht, misshandelt oder in finanzielle Abhängigkeit gebracht worden sein, um sie gefügig zu machen.
Brandanschlag auf Wiener Etablissement
In einem Fall wurde sogar ein Bordellbetreiber entführt, gefangen gehalten und mit einer Motorsäge malträtiert. Sein Lokal in Inzersdorf wurde niedergebrannt. Dem Chef des Bordells „BB“ in Schärding, der sich laut Polizei gegen die Übernahme seines Etablissements durch die braune Gruppe wehrte, fackelte man das Auto ab. Auch der Brandanschlag auf ein Wiener Etablissement soll auf das Konto der Neonazis gehen.
Bei ihren Straftaten bekam die österreichische Kameradschaft tatkräftige Unterstützung aus der deutschen Neonazi- sowie aus der Rockerszene. Am Ende zog sich die Mafiazelle bereits die gesamte bayerische Grenze entlang, als der Zugriff erfolgte.
„Objekt 21“ beschäftigte bereits drei Jahre lang österreichische und deutsche Verfassungsschützer. 2010 flog das bislang geheime, international agierende Neonazi-Zentrum auf. Eingemietet hatte sich die Gruppierung in einen Bauernhof in Windern, Hausnummer 21. Daraus entstand der Name „Objekt 21“. Die Kameraden agitierten offen und ungehemmt: Sie meldeten sich als „Kulturverein“ zur Wahrung deutscher Werte an, luden zu unzähligen Rechtsrock-Konzerten, unter anderem mit „Combat18“ oder „Sturmwehr“. Das Vereinsheim wurde rasch zum Magneten in der Szene, erreichte Kultstatus: Aus ganz Österreich und mehreren deutschen Bundesländern strömten Besucher ins rechtsextreme „Objekt 21“.
Geldbeschaffung für den „nationalen Kampf“?
Nach der Enthüllung der NS-Umtriebe stürmte im August 2010 eine Spezialeinheit das Neonazi-Zentrum. Sieben Monate später wurde der Verein als rechtsextrem verboten. Doch die Staatsanwaltschaft verschleppte die Anklage bis heute, währenddessen fanden weiter Veranstaltungen in O21 statt. Schwere Vorwürfe werden zudem jetzt gegen die örtliche Polizei laut: Die schaute nicht nur lange weg, die O21-Truppe soll auch mehrmals vorher von Hausdurchsuchungen erfahren haben.
Als der ideologische Anführer der Neonazi-Truppe 2011 wegen Gründung einer ähnlichen Organisation zwei Jahre ins Gefängnis wanderte, forcierte die Führung der Kameradschaft offenbar die kriminellen Machenschaften. Der Schulterschluss mit deutschen Ex-„Hells Angel“-Anhängern folgte: „Braun und rot, zusammen in den Tod“, hieß die Parole. Gemeinsam begann man den Aufbau der kriminellen Terrorbande. Doch: Die Truppe stand weiter unter Beobachtung der Verfassungsschützer. Die informierten schließlich die Polizeibehörden, die Sonderkommission aus Landeskriminalamt und Kriminalpolizei nahm die Arbeit auf.
Im November 2012 wurde der Mietvertrag im Objekt Windern 21 endlich gekündigt, die Polizei räumte das Vereinsheim (bnr.de berichtete). Im Januar schlugen jetzt schließlich die Sonderermittler zu.
Der Verfassungsschutz jedoch arbeitet weiter: Es geht dabei auch um die Kontakte und Geschäfte mit deutscher Seite – und um die Geldgeber der Kameradschaft, die schützend die Hand über die Horde hielten. Die Ermittler prüfen, ob die kriminellen Umtriebe allein dem Lebensunterhalt dienten – oder der Geldbeschaffung für den „nationalen Kampf“. Der gefundene Sprengstoff und die Höhe des Gesamtschadens von 3,5 Millionen Euro weisen in diese Richtung.