Schwarzes Musik Business

Im thüringischen Kirchheim hat ein Konzert mit Gruppen aus dem NS Black-Metal-Bereich stattgefunden – die Behörden zeigten sich machtlos.

Mittwoch, 11. November 2009
Andrea Röpke/Maik Baumgärtner

Das konspirativ beworbene NS-Black-Metal-Konzert in der „Erlebnisscheune“ im thüringischen Kirchheim konnte am 7. November dieses Jahres ungestört über die Bühne gehen. Die Behörden hatten keine eigenen Angaben zu den Hintergründen der Organisatoren – und sahen vor Ort keine Handhabe, gegen eine geschlossene Veranstaltung vorzugehen.

Als die Polizei am frühen Samstagabend die kleine thüringische Ortschaft Kirchheim abriegelte, hatte das Verwaltungsgericht Weimar eine zuvor erlassene Verbotsverfügung der Gemeinde bereits wieder aufgehoben: Denn die war dem Wirt des Hotels „Fachwerkhof Kutz“, auch genannt „Erlebnisscheune“, zugestellt worden – in ihm sah das Gericht allerdings den falschen Adressaten. Nach internen Informationen soll der Wirt zwar eine Abmachung mit der NPD für diverse Veranstaltungen haben, aber über jeweiligen Anlass und Organisationsstrukturen erst kurzfristig in Kenntnis gesetzt werden.

So ging das Kalkül des „Merchant of Death“-Versandhandels (MoD) aus Berlin, dessen Betreiber der thüringische Neonazi Hendrik Möbus ist, auf. Seine anreisenden Gäste unter anderem aus Tschechien, Finnland, Sachsen und Nordrhein-Westfalen konnten sich sicher fühlen. Die Veranstaltung war als geschlossene Veranstaltung mit genau verzeichneter Teilnehmerliste ausgewiesen.

Die meisten der rund 70 Besucher trugen überwiegend lange, zum Zopf gebundene Haare, schwarzes Leder oder Tarnjacken. Sie hatten für den exklusiven Gig im Voraus bezahlt. Immer wieder sah man auch Aufnäher der bekanntesten deutschen NS Black-Metal-Band „Absurd“, deren Kopf der verurteilte Straftäter Hendrik Möbus war.

Zwar mussten die anreisenden Konzertbesucher eine Personalien- und Führerscheinkontrolle überstehen, doch darauf waren sie vorbereitet, wie ein Teilnehmer auf Nachfrage erklärte. Er zeigte ein von Hendrik Möbus unterschriebenes Blatt Papier, in dem dieser persönlich zur „Tonträger-Werbeveranstaltung“ nach Kirchheim eingeladen hatte. Das Schreiben endete mit dem Hinweis, unbedingt das Einladungsschreiben mitzunehmen, denn „unsere Freunde und Helfer könnten Dich danach fragen“. Er rät seinen Gästen darin auch, „Warndreieck und Verbandskasten“ dabei zu haben, wohlweislich, um die erwarteten Polizeikontrollen sicher zu passieren.

Verherrlichung von Hakenkreuz und Drittem Reich

Kurz nach 21:00 Uhr an dem Samstag zog sich die Polizei schließlich aus Kirchheim zurück und das Konzert mit den drei Bands „Armatus“ (Deutschland), „Goatmoon“ (Finnland) und „Sturmkaiser“ (Italien) begann ohne weitere Beeinträchtigungen. Die 1997 gegründete nordrhein-westfälische Band „Armatus“ gilt als provokativ. Ihre zuletzt veröffentlichte CD „Armee der schwarzen Stiefel“ war dem in Italien inhaftierten Kriegsverbrecher und unbelehrbarem Altnazi Erich Priebke gewidmet. Bei einem Konzert vor rund acht Jahren soll ein Bandmitglied gemeinsam mit einem Kameraden einen Besucher mit Messer und Pistole bewaffnet angegriffen haben, heißt es in der Veröffentlichung „Unheilige Allianzen“ des Musikexperten Christian Dornbusch. Die finnischen Musiker von „Goatmoon“ gelten als rassistisch, sie verherrlichen Hakenkreuz und Drittes Reich in ihren Songs. Anfang 2008 fand ein gemeinsamer Auftritt mit „Absurd“ in Finnland statt.

Bereits am Mittwoch zuvor hatten Thüringer Behörden und Lokalmedien durch einen Bericht von bnr.de von dem konspirativ vorbereiteten Konzert erfahren. Nur einen Tag später warnte auch die „Mobile Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus“ (Mobit) vor einem „neuen Neonazizentrum“ in der „Erlebnisscheune“ Kirchheim, in der in diesem Jahr bereits rund zehn rechtsextreme Veranstaltungen stattgefunden hätten. Trotz der Hinweise und Warnungen konnte die Pressestelle des Thüringer Innenministeriums am darauf folgenden Freitag dann keine genaueren Auskünfte zu der Veranstaltung machen. Recherchen des MDR bestätigten, dass der 26-jährige NPD-Funktionär Patrick Weber, der auch im Stadtrat von Sondershausen sitzt, die Räumlichkeiten vermittelt hatte. Weber ist nach eigenen Angaben seit seinem 14. Lebensjahr in der Szene aktiv und firmiert als Geschäftsführer des „Germania Versands“ in Sondershausen.

Hendrik Möbus, der 1993 als „Satansmörder von Sonderhausen“ bekannt wurde und eine insgesamt 12-jährige Haftstrafe absaß, scheint von seinem zweifelhaften Ruf intern zu profitieren. Ebenso wie sein Bruder Ronald gilt er als Größe im NS Black-Metal Business. Erst im Oktober dieses Jahres durchsuchten Polizeibeamte seine Berliner Wohnung und beschlagnahmten bei ihm und einem Partner rund 12 000 CDs, teils mit rassistischen Symbolen.

„Totentanz“-Veranstaltung mit „Absurd“

Hendrik Möbus, der im August dieses Jahres der internationalen „Autonomen Nationalisten“-Plattform „Syndikat Z“ ein Interview gab, weiß auch mit elitären politischen Statements Aufsehen zu erregen. „Syndikat Z“ gegenüber räumte Möbus ein, er wisse von der „politisierenden“ Massenwirkung von Musik. So kämen viele junge Menschen „erst durch Musik mit den Ideen der ‘nationalen Bewegung’ in Berührung“, unter diesem Einfluss könne sich dann eine „arteigene Weltanschauung bei ihnen entwickeln“. Aber offen rechnet der Neonazi mit pöbelnden und „asozialen Alkoholikern“ unter den Kameraden ab. Er würde es eher begrüßen, „wenn die Musik ganz unabhängig von irgendeiner ‘Jugendkultur’ existieren könne“. Denn, „wem es mit der ‘nationalen Bewegung’ ein ernstes Anliegen ist, der sollte sich frühzeitig von einer ‘Jugendkultur’ emanzipieren“, betonte Möbus – wohl nicht ohne Anspielung in Richtung der oft als Lifestyle-Erscheinung kritisierten „Autonomen Nationalisten“.

Neben dem Online-Versand „Merchant of Death“ veranstaltet Hendrik Möbus unter dem Namen „Totentanz Konzerte“ (TTK) Veranstaltungen mit Gruppen aus dem NS Black-Metal-Spektrum. Wie nun bekannt wurde, hatte TTK bereits einen Tag vor der Feier in Kirchheim zu einem Konzert im tschechischen Zatec geladen. Dort waren neben „Sekhmet“ (Tschechien), auch „Goatmoon“ und „Sturmkaiser“ angekündigt worden. In Zatec erwartete die Besucher auch ein „Special guest“, wobei Szenekenner davon ausgehen, das es sich dabei um einen der seltenen Auftritte der Band „Absurd“ gehandelt haben könnte.

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