Schulterschluss mit der NPD?

Die Neonazi-Partei „Die Rechte“ organisierte am Samstag zwei Kundgebungen in Dortmund. Mit schwacher Beteiligung. Dafür war aber NPD-Landeschef Claus Cremer mit von der Partie.

Montag, 25. August 2014
Tomas Sager

Beim Abmarsch zur U-Bahn entlud sich der Frust dann doch noch in Gewalt. Neonazis attackierten Journalisten, Flaschen flogen, Pfefferspray, das Richtung Gegendemonstranten gesprüht wurde, traf Polizeibeamte. Gründe für den Frust der Neonazis gab’s allemal nach der Kundgebung auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Verbot des „Nationalen Widerstands Dortmund“, der Vorläuferorganisation des lokalen „Die Rechte“-Kreisverbandes: Vor einem Jahr hatte die Partei noch eine Demonstration gegen das Verbot zustande gebracht (bnr.de berichtete), diesmal reichte es nur für eine stationäre Kundgebung. Vor einem Jahr kamen 400 „Kameraden“; diesmal waren es nur 85. Vor einem Jahr konnten die Dortmunder Neonazis mit Parteichef Christian Worch, Thomas („Steiner“) Wulff und dem Ex-„Wiking-Jugend“-Vorsitzenden Wolfram Nahrath auch „Prominenz“ der Szene begrüßen; diesmal blieb der Teil der nordrhein-westfälischen Neonazi-Szene, der bei der „Rechten“ Unterschlupf gefunden hat, fast unter sich.

Nicht genug damit, dass die Mobilisierung wenig erfolgreich war. Auch Dortmunder Bürger störten mit Erfolg das braune Spektakel. Das Blockade-Bündnis „Blockado“ auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Teilnehmer einer Demonstration des örtlichen „Arbeitskreises gegen Rechtsextremismus“ und des ebenfalls am Samstag stattfindenden Christopher Street Days sorgten dafür, dass die Neonazis ihren eigentlich vorgesehenen Veranstaltungsort direkt am Hauptbahnhof nicht erreichen konnten. Und auch das Durchkommen zum Ausweichstandort erwies sich als schwierig, weil dort BVB-Fans ihr privates Fußballtraining veranstalteten, um sich dann ebenfalls zu einer Blockade niederzulassen.

Wiedereinführung des Paragraphen 175 gefordert

Erst mit knapp einstündiger Verspätung konnte die Neonazis mit ihrer Kundgebung beginnen – auf der einen Seite ein Bauzaun, auf der anderen Seite eine Hauswand, ihnen gegenüber Gegendemonstranten, die mit Trillerpfeifen und Sirenen dafür sorgten, dass jenseits der Polizeikette kaum ein Wort der Reden zu verstehen war. Zu sehen waren lediglich die Transparente, die die Neonazis mitgebracht hatten und auf denen unter anderem die Streichung der Paragrafen 86a und 130 und – als „Gruß“ an den CSD, so „Die Rechte“ – die Wiedereinführung des Paragrafen 175 verlangt wurde.

Zwischen den Neonazis stand einer, von dem man das an dieser Stelle nicht unbedingt erwartet hätte: der NPD-Landeschef Claus Cremer. Sein Vorstand hatte noch vor wenigen Monaten „Die Rechte“-Akteure für Attacken gegen NPD-Funktionäre in Dortmund verantwortlich gemacht. Doch die schroffe Abgrenzung ist für Cremer passé. Gut möglich, dass ihm sein Auftritt in Dortmund Schelte im eigenen Landesvorstand einträgt. Dessen Mitglied Matthias Pohl hatte erst vor Kurzem empfohlen, die NPD solle sich um mehr Seriosität bemühen, während die „Jungs, die eher auf den Krawall auf der Straße aus sind“, doch bitte zur Worch-Partei gehen sollten. (bnr.de berichtete) Dorthin also, wo an diesem Tag sein Landesvorsitzender zu finden war.

Cremer war auch noch mit dabei, als die Neonazis zu einer zweiten, zuvor nicht öffentlich angekündigten Kundgebung an diesem Tag im Dortmunder Norden auftauchten. Anwohner protestierten gegen den unerwarteten Auflauf. Darunter ein Kioskbetreiber. „Pass auf, dass Du Dir keine Kugel fängst“, drohte ihm einer der Neonazis. In der Nähe war 2006 der Kioskbesitzer Mehmet Kubasik mutmaßlich von den Mördern des NSU erschossen worden.

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