Schützenhilfe für die griechischen Kameraden
Deutsche Neonazis reisten Ende Januar nach Athen. Sie sahen ein daniederliegendes Land – und erlebten eine Neonazi-Partei, die von der Krise zu profitieren hofft.
Den Anlass für ihre Reise bot der „Imia-Marsch“, organisiert von der Neonazi-Partei „Chrysi Avgi“, zu deutsch: „Goldene Morgendämmerung“. Eigentlich geht es bei der alljährlichen Demonstration um einen zwischen Griechenland und der Türkei schwelenden Konflikt um zwei völlig unbedeutende Ägäis-Inseln, der die beiden Länder Mitte der 90er Jahre sogar an den Rand eines militärischen Konflikts gebracht hatte. Seit Jahren geht „Chrysi Avgi“ jeweils Ende Januar mit antitürkischen Parolen auf die Straße. In diesem Jahr freilich wurde die Veranstaltung von der Wirtschafts- und Finanzkrise dominiert. Mitten zwischen mehreren Tausend „Chrysi Avgi“-Mitgliedern und -Anhängern waren auch Neonazis, die offenbar aus Nordrhein-Westfalen und Brandenburg nach Athen gekommen waren.
Zuhause haben sie aktuell wenig Anlass, Demonstrationen der eigenen Szene als Massenereignis erleben zu können. Die Großdemonstrationen früherer Jahre, ob in Wunsiedel oder Dresden, gehören der Vergangenheit an. In Athen war das anders. Der „Imia-Marsch“ sei in Griechenland „zur größten Versammlung nationaler Kräfte“ angewachsen, bilanzierte ein Teilnehmer auf der „Spreelichter“-Internetseite von Neonazis aus dem südlichen Brandenburg. Und ein anderer Neonazi schwärmt auf einer mutmaßlich von Neonazis aus dem Ruhrgebiet betriebenen Internetseite, die Veranstaltung der griechischen Kameraden gehöre gar „mittlerweile zu den größten Demonstrationen der nationalen Bewegung in Europa“.
„Feurige Gedanken eines revolutionären Willens“
So wichtig erschien den Neonazis aus Dortmund die Veranstaltung, dass sie auf ihrem Twitter-Account gar einen Live-Ticker einrichteten. Auch die Action – für Rechts-„Autonome“ aus dem Ruhrgebiet stets nicht unwichtig – kam ebenfalls nicht zu kurz. Nach der unplanmäßigen Auflösung der Demonstration sei man in „kleineren Gruppen weiter durch die Athener Innenstadt“ gezogen, was weitere Polizeieinsätze zur Folge gehabt habe, weiß einer von ihnen zu berichten
Gewohnt pathetisch schildert der „Spreelichter“-Autor, was er in der griechischen Hauptstadt erlebte: „Ein Fahnenmeer, so weit das Auge reicht. Martialische Trommeln klingen durch die nunmehr wie leer gefegten Straßen und Gassen. Fackeln brennen in unzähligen Händen, das Dunkel der Nacht mit der Kraft des Lichtes einer Wiedergeburt vertreibend.“ Fest entschlossen habe sich der „gigantische Marschzug“ in Bewegung gesetzt: „Vorbei an den entglasten Banken, vorbei an den mit Brandbomben und Farbbeuteln beschädigten Demokratentempeln, eine Botschaft verkündend, bei der man der griechischen Sprache nicht mächtig sein muss, um sie zu verstehen.“ Er will gar „die feurigen Gedanken eines revolutionären Willens in der Luft“ gespürt haben. Richten soll sich dieser revolutionäre Wille gegen das „Schandwerk der Demokraten“.
Zwar errang „Chrysi Avgi“ bei der letzten Stadtratswahl in Athen im Herbst 2010 mit 5,3 Prozent der Stimmen ein Mandat. Auf nationaler Ebene hatte die neonazistische Partei, die in der Vergangenheit nicht immer konfliktfrei mit der NPD kooperierte, jedoch bisher nichts zu bestellen. „S....H....Hellas! Die goldene Morgendämmerung lässt nicht auf sich warten“, schreibt nun ein weiterer mutmaßlicher Reiseteilnehmer aus Deutschland in einem Internetforum der Szene. Nach einer in dieser Woche veröffentlichten Meinungsumfrage könnte die Partei zumindest den Sprung über die Drei-Prozent-Hürde schaffen und damit erstmals mit mehreren Mandaten ins nationale Parlament Griechenlands einziehen.