Schnell zugestochen

49-Jähriger mit langjähriger Knasterfahrung steht wegen Gewalttat vor Gericht.

Mittwoch, 06. Juli 2011
Andreas Speit

Vor der Dritten Großen Strafkammer des Landgerichts Lübecks muss sich seit Wochenbeginn Manfred Th. wegen des Verdachts der Körperverletzung, Volksverhetzung und Beleidigung verantworten. Die Staatsanwältin warf bei der Prozesseröffnung am 5. Juli dem 49-Jährigen vor, Wahidullah S. mit einem Messer stark verletzt und zuvor verbal bedroht und beleidigt zu haben. „Sie haben auf die Folgen keine Rücksicht genommen“, sagte die Staatsanwältin und hob hervor, „das war eine schwere Körperverletzung“.

Im Gerichtssaal 136 verfolgte S., der aus Afghanistan stammt, am Montag den ersten Verhandlungstag. Schnell war der Termin in dem schleswig-holsteinischen Gericht aber zu Ende. Ein Sachverständiger, welcher über die Gesinnung von Th. etwas sagen sollte, war verhindert. Etwas zurückhaltend wirkte S. neben seiner Anwältin, als er beim Verlassen des Saales schnell ein Basecape auf seinen Kopf ohne Haare aufsetzt.

„Der ist eigentlich in Ordnung“

Ohne eine Miene zu verziehen, hörte sich zuvor Th. die Anklage an. Mit leicht nach rechts geneigtem Kopf schaute der Graumelierte fast gelangweilt drein. Vor Gericht, in Haft, das ist für ihn keine neue Erfahrung. In den 90er Jahren saß er bereits ein. Mit einem Komplizen in Neumünster überfiel er während eines Hafturlaubes zwei Obdachlose, einer der beiden wurde tot getreten. Zehn Jahre war der im Gefängnis, erzählte Th.s Ex-Vermieter, nicht ohne zu betonen: „Der ist eigentlich in Ordnung, versucht auch nur über die Runden zu kommen“. Ihn überraschte es aber nicht, dass sein ehemaliger Mieter mit dem Sachverständigen nicht reden wollte. „Warum sollte er?“, fragte er in einer Verhandlungspause zurück.

Vor gut fünf Monaten geschah in der Hansestadt der Angriff auf S. Der damals 30-Jährige war am 11. Januar auf dem Weg nach Hause. Nur zufällig traf er um 0.30 Uhr auf Th., der mit seinem Kumpel und Nachbarn Horst-Dieter C. ebenso auf dem Heimweg war. Angetrunken grölten sie auf der gegenüberliegende Straßenseite „Heil Hitler“ und „Deutschland den Deutschen“. Als sie S. bemerkten, stellten sie ihm nach, begannen ihn anzupöbeln. „Du Arsch hast den gleichen Weg, den wir gehen müssen“, soll Th. gesagt haben, so die Staatsanwältin.

Drohend sei Th. mit Worten wie „Kanake, Fixer und Arschloch“ auf S. zugegangen. Der versuchte ihn wegzuschubsen. Mit einem Klappmesser, das eine sieben Zentimeter lange Klinge hatte, soll Th. sogleich mehrmals von unten in den Bauch von S. gestochen haben.  „Bei einer Abwehrhandlung wurde mein linker Unterarm stark verletzt“, sagte S. Im Krankenhaus musste er operiert und stationär behandelt werden.

„Rechts ist der nicht“

In den frühen Morgenstunden war es S. dennoch gelungen, seinen Angreifern zu folgen, die nach der Tat einfach unbeirrt weggingen. Als sie bei ihrer Wohnanschrift ankamen, rief S. die Polizei. Umgehend suchen Beamte den 49-Jährigen und 43-Jährigen in einer Wohnung auf. Beide bestreiten die Tat. Unter einem Bett fand die Polizisten aber ein Messer mit rötlicher Anhaftung. Seitdem ist Th. in Haft.

Der Ex-Vermieter indes wird nicht müde zu betonen: „Rechts, nee das ist er nicht, würde ich nicht so sagen.“ Jeder hätte doch so seine Meinung. Und irgendwie klingt das so, als wenn er selbst wohl nicht viel anders „über Ausländer“ denkt. Nimmt er doch ungefragt in der Pause seinen ehemaligen Mieter immer wieder in Schutz, der sei nichts „rechts“, nicht in der NPD hebt er wiederholt hervor. Zu C., gegen den separat verhandelt wird, meint er aber: „Na, der schon, der hörte auch so ‘ne Musik.“ Vier Gerichtstermine sind im Verfahren gegen Th. geplant. Am 25. September soll das Urteil verkündet werden.

 

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