„Saustall“ NPD

Seit Jahren liegt die hessische NPD am Boden, einen ordentlich gewählten Landesvorsitzenden gibt es nicht. Der frühere Chef, Jörg Krebs, verlässt nun die Partei – nicht ohne kräftig nachzutreten. Derweil stürzt sich die Bundes-NPD in neue Projekte.

Dienstag, 23. Juni 2015
Redaktion
NPD-Zentrale in Berlin: Sinnbild für den Zustand der Partei
NPD-Zentrale in Berlin: Sinnbild für den Zustand der Partei
Im letzten Herbst wurde die NPD 50 Jahre alt. In Feierlaune waren die meisten der nunmehr wahrscheinlich noch rund 5.000 Anhänger angesichts der anhaltenden Krise der Partei kaum. Selbst das Erscheinen der geplanten Festschrift verzögert sich auf unbestimmte Zeit, der Bearbeiter des 50 Euro und 250 Seiten starken Wälzers „Deutschland muss leben“ sei aus „persönlichen Gründen“ zurückgetreten, verkündete die NPD kleinlaut als Randnotiz in der Mai-Ausgabe ihres Sprachrohrs Deutsche Stimme. Nach dem Verlust ihrer Landtagsfraktion in Sachsen ist der dortige Landesverband nicht mehr auf die Beine gekommen; im Westen sieht es noch trüber aus. Die Bayern versanken nach dem Abgang von Karl Richter und Sigrid Schüßler bzw. der vorübergehenden Inhaftierung ihres „Bandidos“ Sascha Roßmüller in einem Führungschaos, viele Kreisverbände sind politisch handlungsunfähig. Von der hessischen NPD ganz zu schweigen, die seit rund 18 Monaten über keinen gewählten Landesvorsitzenden mehr verfügt. Das Chaos nahm der frühere Frontmann Jörg Krebs zum Anlass, mit seinen bisherigen Weggefährten abzurechnen. Chaos überall Der langjährige Funktionär trete nach 16 Jahren Parteimitgliedschaft zum 30. Juni „schweren Herzens“ aus der NPD aus, schreibt Krebs auf Facebook. Obwohl sich der Frankfurter Stadtrat nach wie vor mit dem Programm und den Zielen seiner früheren politischen Heimat identifiziere, seien „die Gräben zum hessischen Landesverband zu tief“. Er könne und wolle sich nicht länger, so der Ex-Landeschef weiter, „mit einer Entourage in einen Topf werfen lassen, die sich ohne Bedenken auf proisraelischen Versammlungen herumtreibt, im Internet mit Pornodarstellerinnen posiert, reine Saufurlaube auf `Malle´ verbringt und durch Trunkenheitsfahrten mit dem PKW zu `glänzen´“ wisse. Der Landesverband sei ein „organisatorischer Saustall“, die letzte Wahl des Landesvorstandes liege bereits dreieinhalb Jahre zurück, was satzungswidrig sei. Den Angaben von Krebs zufolge hätten unterdessen seine beiden Vorgänger im Amt, Hans Schmidt und Marcel Wöll, sowie sein Nachfolger, Daniel Knebel, ebenfalls ihre NPD-Ausweise an die Bundespartei zurückgeschickt. Zuletzt (2013) hatte die hessische NPD noch 250 Mitglieder, was laut Landesamt für Verfassungsschutz einen Rückgang um zehn Prozent zum Vorjahr entspricht. Aktivitäten entfaltete die NPD hierzulande kaum, im Schatten der Bundestagswahl 2013 schaffte sie bei der Landtagswahl trotzdem einen Zugewinn und somit den Sprung in die staatliche Parteienfianzierung. Der „nationalen Opposition“ möchte Krebs als „parteiloser freier Nationalist“ erhalten bleiben. Allerdings gedenke er, fortan die neue Neonazi-Partei Der Dritte Weg, die erst kürzlich einen auf einem NPD-Ticket in den Stadtrat von Plauen gewählten Neonazi in ihren Reihen begrüßen konnte, zu unterstützen. Scheingefechte Während es intern drunter und drüber geht, poliert die NPD-Führung weiter ihre Außenfassade – möglicherweise, um die eigenen Anhänger und Sympathisanten zu blenden. Das vom Bundesvorstand gesponserte Vorzeigeprojekt „DS TV“ soll gemeinsam mit der Printausgabe die ideologische Lücke, die „eine immer mehr in die Mitte driftende Junge Freiheit“ hinterlassen habe, schließen. Gleichzeitig dient das neue Medium dazu, „verdiente“ Anhänger wie den einstigen Bundesgeschäftsführer Jens Pühse oder Jörg Hähnel mit einer neuen Aufgabe zu versorgen. Frank Franz, seit letztem November Bundesvorsitzender ohne nachhaltige Wirkung, bleibt seiner bisherigen Linie treu und setzt auf das Weltnetz 2.0. Die abtrünnigen Truppen der freien Neonazi-Szene wird er damit kaum zurückgewinnen – ganz zu schweigen von den Wählern, die notwendig wären, die NPD wieder in die Erfolgsspur zu führen. Im Gegenteil: Sie wird immer mehr zu einem Haufen Sektierer. 
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