Salonfähigkeit der neuen Rechten? Über den „sekundären Antisemiten“ Clemens Heni und den „völkischen Beobachter“ Henning Eichberg

Wissenschaft, so die weit verbreitete normative Wunschvorstellung, soll die möglichst vorurteilsfreie Analyse eines Gegenstandes auf der Suche nach der Wahrheit über eben diesen sein. Wirft man einen Blick auf die bittere Realität so mancher geisteswissenschaftlicher Praxis, ist von dieser Wunschvorstellung in der Realität häufig kaum etwas zu spüren. Das zeigte nun auf fast 500 Seiten auch der Politikwissenschaftler Clemens Heni, indem er den neurechten Vordenker Henning Eichberg als einen „völkischen Beobachter“ entlarven wollte.

Freitag, 13. März 2009
Mathias Brodkorb

Dr. Clemens Heni, der 2007 als Autor der renommierten Tageszeitung „Die Welt“ auch den konservativen und gefeierten Schriftsteller Martin Mosebach des „sekundären Antisemitismus“ bezichtigen durfte, wird von seinem Doktorvater Anton Pelinka in einem Vorwort bezeugt, dass er seine Doktorarbeit „Salonfähigkeit der Neuen Rechten“ mit „großem Fleiß“ geschrieben habe. Und in der Tat hat sich Heni der umfangreichen Mühe unterzogen, möglichst allen publizistischen Produkten der letzten Jahrzehnte des neurechten Vordenkers Eichberg nachzuspüren. Aber genau hierin liegt zugleich die vielleicht größte Schwäche des Textes. Denn eine analytische Verdichtung des umfangreich gesichteten Materials gelingt kaum. Stattdessen werden umgekehrt die in erkenntniskritischer Hinsicht wenig aufregenden und überschaubaren Thesen mit allerlei Material umspült, ganz so als glaubte der Autor an die Wunder der Hegelschen Dialektik, nach der doch irgendwann eine ausreichend große Quantität in eine neue Qualität umschlagen müsse. Und so müht man sich als Leser von Seite zu Seite, ohne in der Sache so recht vorwärts zu kommen. Beinahe beschleicht einen dabei das Gefühl, Heni glaube selbst nicht recht an seine Thesen und müsse sie sich daher immer und immer wieder selbst beweisen.

Und die sind wirklich simpel:

1. Henning Eichberg ist kein harmloser Rechter, sondern ein angeblich gerissener Apologet des Nationalsozialismus mit weit reichendem Rezeptionseinfluss auf die mentale Mitte der Gesellschaft. Heni scheut sich dabei auch nicht, das geschmacklose und im Grunde den Nationalsozialismus verharmlosende Etikett des „völkischen Beobachters“ (217) zu bemühen, das er Eichberg – selbst im Titel seiner an der Universität Innsbruck eingereichten Doktorarbeit – ein ums andere Mal ans Revers heftet. Daher wolle er, Heni, Eichbergs Texte „ideologiekritisch (...) dechiffrieren“ und auch seine Verbindungen „zum Mainstream der Forschung“ (250) nachweisen. Womit wir bei der zweiten These wären:

2. Der „Neuen Rechten“ könne man nicht mittels Instrument der Kleingruppenforschung beikommen, weil zentrale ihrer Ideologeme „peu à peu zu einer gesamtgesellschaftlichen Soziokultur geronnen“ seien (418). Eichberg und die „Neue Rechte“ dienen Heni so lediglich als „Anschauungsmaterial zur Analyse der deutschen Gesellschaft“ (29) insgesamt. Bei diesem uferlosen Anspruch sind es dabei nicht zuletzt zahlreiche renommierte deutsche Rechtsextremismusforscher, die unter Dauerbeschuss genommen werden: Jesse, Pfeiffer, Stöss, Greiffenhagen, Pfahl-Traughber, Gessenharter. Der eine sei fast schon apologetisch, der nächste verharmlose Eichberg, indem er ihn nicht in unmittelbare Kontinuität zum Nationalsozialismus setze etc. Man reibt sich die Augen und wundert sich.

Machen wir es uns einfach und greifen zur Veranschaulichung dieses angeblichen Durchgriffs des lunatic fringe auf die Mitte der Gesellschaft die absurdeste der Henischen Beweisführungen heraus. In dem Abschnitt „’Vorsprung durch Technik’ (1971): Eichberg, V2 und ‚Mondsucht’“ versucht der fleißige Wissenschaftler doch ernsthaft, den Autohersteller Audi der 1970er Jahre in eine Kontinuitätslinie mit dem industriell organisierten Massenmord der Nazis und deren Rüstungsproduktion zu stellen und rührt in diesen „ideologiekritischen“ Eintopf auch noch Eichberg rein: „1971 fing die deutsche Automarke Audi an, ihren Slogan ‚Vorsprung durch Technik’ zu verbreiten. Schon wieder diese Dreieinigkeit Deutsche, Technik und Vorsprung? (...) so ist der Slogan Vorsprung durch Technik – auch die V2 sollte ja ein Vorsprung im wörtlichen Sinne sein! – nichts als Zynismus und Affirmation der Barbarei.“ (150f)

Das alles wäre ja vielleicht noch verdaubar, wenn Heni nicht mit dem Gestus des wahrhaften Wissenschaftlers operierte. So betont er ausdrücklich die Wichtigkeit eines adäquaten „Wissenschaftsverständnisses“ (132) und mokiert sich darüber, dass bestimmte Texte in der Literatur immer wieder nicht im Original, sondern nur aus der Sekundärliteratur zitiert würden (136), um permanent selbst gegen genau diese Standards zu verstoßen. Nur ein Beispiel von vielen ist das des JF-Chefredakteurs Dieter Stein. Diesen will Heni ebenfalls als gerissenen Mimikry-Apologeten des Nationalsozialismus entlarven, indem er zeigt, dass Stein den Begriff „Neue Rechte“ eigens zur Reinwaschung des eigenen Milieus von den Verbrechen des Nationalsozialismus zur Verwendung empfehle. Heni zitiert hierzu aber nicht Stein direkt, sondern einen Text von Brigitte Bailer. Diese wiederum zitiert Steins Text allerdings auch nicht im Original, sondern nach einer Vorlage von Volkmar Wölk aus dem Jahre 1997. Das Ergebnis ist außerdem schreiend komisch. So wurde der kritisch und zynisch gemeinte Hinweis des angeblichen Rechtsextremen Stein (22) aus dem Jahre 1989, dass der Begriff „Neue Rechte“ von vielen Vertretern der so genannten „Neuen Rechten“ wohl deshalb verwendet würde, weil er „nach aprilfrischer Weste“ rieche, „mit der man sich mit antifaschistischer Jungfräulichkeit von den blutbesudelten Jacken älterer Generationen abhebt“, gar als eine Selbstentlarvung Steins aufgefasst. Heni schreibt in einer ausdeutenden Fußnote: „Der patriarchalische Duktus Steins sticht hier stark hervor: Die alte Rechte ist bereits ‚entjungfert’ und hat schon ‚geblutet’ (mit allen Implikationen, welche die deutsche Geschichte zu bieten hat), die ‚Neue Rechte’ sei noch ‚rein’.“ (103) Ganz entgangen zu sein scheint dabei nicht nur der zitierten Autorin Brigitte Bailer sondern auch Heni, dass sich Stein mit diesen Sätzen gegen erhebliche Teile des eigenen Lagers richtete – eine Debatte, die in den letzten Monaten bekanntermaßen neue Fahrt gewann. Heni hätte dies bemerken können, wenn er zumindest das im Jahr 2003 erschienene und für seine Doktorarbeit eigentlich essentielle Buch Steins „Phantom ‚Neue Rechte’“ zur Kenntnis genommen hätte. Aber wer selbst einen Hammer im Kopf hat, muss alle Probleme fast zwangsläufig in Form eines Nagels sehen.

Dabei träte man Heni vermutlich nicht einmal zu nahe, wenn man ihn selbst im linksradikalen Spektrum verortete. Nach eigenen dürftigen methodischen Hinweisen in apodiktischer Form stützt er seine Arbeit auf die Marxsche Wert- und Ideologiekritik sowie deren postmarxistische Weiterentwicklung in der „Kritischen Theorie“ (27ff). Dies könnte immerhin erklären, warum er sich nicht nur mit konservativen Kollegen anlegt, sondern seine Schneise der vernichtenden Kritik auch durch die Mitte und die Arbeit eher links orientierter Wissenschaftler zieht. Und so wäre auch erklärlich, warum er ohne jede begriffliche Bestimmung und Begründung sämtliche Vertreter der deutschen "Neuen Rechten" und der französischen "Nouvelle Droite" zum rechtsextremen Spektrum zählt. Nimmt man nämlich den Abstand zwischen der demokratischen Mitte und den extremen Rändern als gegeben an und rückt selbst an den linken radikalen Rand, verschieben sich freilich auch die Demarkationslinien des Extremismus – in beide Richtungen freilich.

Der nach Heni einzig analytisch überzeugende Zugriff auf Eichberg und die „Neue Rechte“ offenbare zugleich eine profitable „Forschungslücke“ (69), in die er vorstoßen zu können glaubt. Nach seiner festen Überzeugung müsse nämlich die Neue Rechte „von Auschwitz her“ (21) analysiert und Eichberg folgerichtig als „Revitalisator antisemitischer Denkfiguren nach Auschwitz“ (69) entlarvt werden. Begründung für diese schwerwiegende methodische Vorentscheidung? Fehlanzeige! Aber Heni ist sich gewiss, dass der „Fall Auschwitz“ etwas „Unvergleichbares“ (171) sei. Jeder, der Auschwitz mit anderen Katastrophen vergleichen oder sie in Beziehung zu ihnen setzen will, sei ein Verharmloser. Dass er dies ganz wörtlich meint, machte er am 3. November 2007 in seiner Kritik an Martin Mosebach überdeutlich: „Wer die Shoah mit ganz normalen Verbrechen gewaltförmiger, revolutionärer, gegenrevolutionärer Zeiten vergleicht, verharmlost sie. Deutschland verliert seine Schuld, wenn diese projiziert werden kann auf den alten ›Erzfeind‹ Frankreich.“

Was der Autor allerdings in all’ diesem Eifer nicht bemerkt, ist die schlichte Tatsache, dass er sich damit selbst das größte Schuldzeugnis ausstellt: Denn woher sollte Heni denn wissen, dass Auschwitz den Status des „Unvergleichbaren“ im Sinne eines Einzigartigen inne hat, ohne zuvor selbst verglichen und eben Nicht-Identität festgestellt zu haben? Heni müsste sich also bei strikter Ausdeutung selbst als einen sekundären Antisemiten klassifizieren. Unter „sekundärem Antisemitismus“ versteht er dabei, wenn jemand als Deutscher den „Fall Auschwitz“ nicht zum Dreh- und Angelpunkt seiner eigenen Identität machen will oder die Einzigartigkeit des Ereignisses z.B. angeblich durch Vergleiche, also Relativierungen, „entweiht“. Heni spricht in diesem Zusammenhang von einer „Erinnerungsabwehr an den Holocaust“ (25). Wer sich der Anforderung nach Dauerrepräsentation verweigert, beleidigt im Grunde die Opfer des Holocaust und „derealisiert“ (151) so deren Leid. Eine solche Position basiert jedoch gleich auf drei zumindest begründungsbedürftigen Prämissen:

a) dass es so etwas wie ein ethnisches Kollektiv „Deutsche“ überhaupt gebe,
b) dass heute Geborene im Sinne einer Kollektivschuld für die Taten ihrer Vorfahren zu büßen hätten,
c) dass der „Fall Auschwitz“ ein Ereignis mit absoluter, herausgehobener Ausnahmeerscheinung sei und daher mit Recht für sich in Anspruch nehmen könne, zum Epizentrum identitätsbildender Akte zu avancieren.

Prämisse a) gehört eigentlich zum Werkzeugkasten der politischen Rechten und Prämisse b) zum wichtigsten Inventar der nationalsozialistischen, antisemitischen Weltverschwörungstheorie. Dass politische Linke diese Ungereimtheiten nicht bemerken und vor allem nicht reflektieren, sagt dabei auch etwas darüber aus, wie viel Wissenschaft und wie viel Politik Bestandteil ihrer eigenen Arbeit ist. Nicht, dass sich die Prämissen a), b), und c) nicht vertreten ließen. Aber von einem Doktor einer europäischen Universität würde man zumindest erwarten, dass er seine essentiellen Prämissen expliziert, damit der wissenschaftlichen Diskussion zugänglich macht und vor allem Gründe für ihre Richtigkeit anführt. Bei Heni hingegen herrscht hier komplette Fehlanzeige.

Und dabei ist auch offenkundig, dass die Beweislast für die Prämissen a) und b) getrost aus dem Weg räumen könnte, wer sich allein auf Prämisse c) stützte. Die beständige Erinnerung an den Holocaust wäre dann allerdings keine „deutsche“ Kampfaufgabe mehr, sondern eine Anforderung an die gesamte Menschheit. Und jeder, der sich dieser Herausforderung nicht in ganzer Totalität stellte, fiele nach Heni unter das Diktum der „Erinnerungsabwehr“ und wäre ein sekundärer Antisemit. Es handelte sich um die Verwandlung aller Menschen dieser Erde in mentale Holocaust-Mahnmale. In der menschlichen Praxis einfach eine Unmöglichkeit.

Und es wäre übrigens auch das Ende aller Wissenschaft zum Thema Holocaust. Wenn Wissenschaft im begründeten Feststellen von Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen unterschiedlichen Erkenntnisobjekten besteht – und dies will ja auch Heni am Ende leisten, angebliche Gemeinsamkeiten zwischen Eichberg und der Ideologie des NS herausstellen – , dann verweisen schon die Worte „Unterschied“ und „Gemeinsamkeit“ darauf, dass es sich hierbei aus logisch zwingenden Gründen um relationale Konzepte handelt. Eine Relation dieser Art lebt jedoch von zwei Instanzen, die zueinander in Beziehung gesetzt werden. Umgangssprachlich nennt man das einen „Vergleich“. Indem Heni das für das wissenschaftliche Arbeiten unerlässliche Instrument des Vergleichs im Falle des Holocaust außer Kraft setzt, verkündet er zugleich das Ende aller Wissenschaft in diesem Bereich. Es ist dies letztlich eine konsequente Verlängerung des Diktums Adornos, dass nach Auschwitz nur noch Barbaren Gedichte schrieben. Durchdenkt man Henis eigene wissenschaftliche Prämissen konsequent, so ist nach Auschwitz auch Wissenschaft nicht mehr zulässig – jedenfalls über Auschwitz. Der Holocaust wird dem rationalen Diskurs somit entzogen und erhält als negativer Gegenentwurf einen quasi-religiösen Status. Und wer sich dieser Absage an die Wissenschaft verweigert, wird a priori zum „sekundären Antisemiten“ gestempelt. Die eine oder andere Tageszeitung wird einen solch’ griffigen Vorwurf schon abdrucken.

Dabei muss man gar nicht finden, dass Henning Eichberg ein harmloser Kerl sei. Heni selbst hat eben durch seine intensive Lektüre und Beweissammlung eine Reihe von Details aufgespürt, die beim Leser in der Tat dicke Fragezeichen hinterlassen. So z.B. die Tatsache, dass Eichberg sich in seinem Selbstbild gern bereits seit Anfang der 1970er Jahre auf dem Weg von der Rechten zur Linken sieht oder teils in der Tat „bemerkenswerte“ Kontakte pflegt bzw. Publikationsorte wählt. In dieser und anderen Fragen gelingt es Heni durchaus, interessante Fragen herauszuarbeiten. Nur: Wer sollte die eigentlich beantworten?

Für einen Wissenschaftler ist es eine Selbstverständlichkeit, dass er sich direkt mit seinen Erkenntnisobjekten auseinandersetzt. Heni hingegen sieht das - mit Unterstützung seines akademischen Lehrers Pelinka - ganz anders: „Ich habe mich nicht mit Eichberg in Verbindung gesetzt. Wer ein solches Theoriegebäude nicht aus den bekannten Texten – und den Leerstellen – heraus dechiffrieren kann, sollte es vielleicht gar nicht erst versuchen.“ (35f) Angesichts der gravierenden Interpretationsmängel, die Henis Arbeit aufweist, ist das starker Tobak und es müsste dann eigentlich das Umgekehrte gelten: Wenn Heni so ein glänzender Wissenschaftler ist, wovor hat er dann im direkten Gespräch mit Eichberg eigentlich Angst? Aber damit nicht genug. Er wirft dem Journalisten Toralf Staud, der in seiner Arbeit nicht davor zurück schreckt, auch mit Akteuren der politischen Rechten wie Eichberg zu sprechen und in diesem Zusammenhang in jüngerer Vergangenheit Texte produziert hat, die diesbezüglich zu dem Besten gehören, was überhaupt publiziert wurde, vor, sich durch eben diese eigentlich auch für Wissenschaftler selbstverständliche Arbeitsweise der „wissenschaftlichen Unredlichkeit“ schuldig zu machen, „mit Rechtsextremen oder Nazis zu debattieren“ (35). Ein wissenschaftliches Grundlagenwerk über das Wirken und Denken Henning Eichbergs muss also immer noch geschrieben werden. Wer wird es tun?

clemens_heni_salonHeni, Clemens
Salonfähigkeit der Neuen Rechten
"Nationale Identität", Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland 1970-2005: Henning Eichberg als Exempel
Tectum-Verlag 2007, 510 Seiten
ISBN: 978-3-8288-9216-3
Preis: 24,90 Euro


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