Rückzug aus Bad Nenndorf

Niedersächsische Neonazis scheitern mit ihrem diesjährigen braunen „Trauermarsch“ an massivem Gegenprotest und zunehmendem Desinteresse des eigenen Lagers.

Montag, 05. August 2013
Andrea Röpke

Der alljährliche „Trauermarsch“ in Bad Nenndorf hat 2013 an Bedeutung verloren. Keine 300 Neonazis beteiligten sich in diesem Jahr am so genannten „Marsch der Ehre“ gegen ein ehemaliges Verhörzentrum der britischen Armee, welches kurze Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in dem niedersächsischen Kurort existiert hatte. Bei sengender Hitze kam der Aufzug nur bis „abgewandten Seite“ des Gebäudes, heute als Wincklerbad bekannt. Zum ersten Mal seit Beginn der braunen Bad Nenndorf-Initiative wurde nicht das Ziel erreicht. „Endstation Seitenstraße“ und „Bad Nenndorf bremsen Nazis aus“ titelten die Medien. Damit  büßt auch der letzte verbliebene Traditionsevent der Szene seine Stellung ein.

Rund 1800 Gegendemonstranten aus zahlreichen Organisationen und Gruppierungen hatten die Kleinstadt in der Nähe von Hannover nicht den Neonazis überlassen, sondern bunt geschmückt, gefeiert und vor allem eine große, friedliche Sitzblockade vor dem ehemaligen Militärgefängnis, dem Wincklerbad, errichtet. Stundenlang harrten dort überwiegend junge Nazigegner  aus, während die Neonazis zunächst etwa hundert Meter entfernt an der Hauptstraße einen Zwangsstopp einlegten. Dumpf hallten deren Trommeln über den Platz. Lange hielt die Marschformation jedoch nicht, lustlos suchten die Teilnehmer schattige Plätze auf. Einige eifrige Nationalisten reihten sich in die Schlange vor dem italienischen Eiscafé ein, vergaßen ihr oft propagiertes Motto: Essen nur bei Deutschen.

Viele Neonazis aus dem Umfeld der „Rechten“

Mit der angeblichen Disziplin haperte es ohnehin bei den Kameraden unter der Organisationsleitung des NPD-Unterbezirksvorsitzenden Marco Borrmann aus Scharzfeld im Harz. Bereits kurz nach 14.00 Uhr wurden die ersten Fotografen und Journalisten  vor dem Bahnhof bedrängt, einem in den Bauch geschlagen. Besonders ein älterer tätowierter Neonazi aus Thüringen war mit verbalen Ausfällen und Drohungen kaum zu stoppen. Immer wieder musste der bullige Hitzkopf, Vater eines bekannten Weimarer Neonazis, von mehreren Teilnehmern gebändigt werden, damit er nicht auf Polizeibeamte oder Pressevertreter losging. Zu verärgert schienen die Rechtsextremisten auch darüber, dass es zwei Gegendemonstrantinnen gelungen war, sich mit einer mit Beton gefüllten Mülltonne an der Tür eines Nahverkehrszuges anzuketten. Aufgrund dieser Aktion im Bahnhof wurde die Anreise eines Großteils der braunen Marsch-Besucher lange verzögert, sie mussten aufwendig in Bussen umgeleitet werden.

Viele Neonazis kamen aus dem Umfeld der Partei „Die Rechte“ (DR) in Nordrhein-Westfalen, darunter der ehemalige „Autonome Nationalist“ Alexander Deptolla, sowie die DR-Bundestagskandidaten Michael Brück und Sascha Krolzig. Die NPD-Niedersachsen zeigte sich kaum in Bad Nenndorf, einzig völkische Vertreter wie Manfred Börm und Christian Fischer waren dabei. Aus der Landeshauptstadt Hannover waren nur einige Aktivisten um Ronny Damerow oder Sabrina Drost erschienen, ehemalige Anführer der verbotenen Kameradschaft „Besseres Hannover“ waren nicht zu sehen. Auch die zum Teil als terroristische Vereinigung „Werwolf Kommando“ ins Visier gerückten Anhänger der „Weißen Wölfe Terrorcrew“  ließen sich kaum blicken. Nur Sebastian Rudow mischte sich unter die Marschierer. Aus Sachsen-Anhalt kamen einige Kameradschaftsaktivisten und aus Halle ein älterer NPD-Mann. Teilnehmer stammten auch aus Kiel und aus Hessen. Die Hamburger NPD war durch Thomas Wulff, Uwe Schubert und Steffen Holthusen vertreten.

Angereiste Riege von internationalen Holocaust-Leugnern

Wulff kümmerte sich gemeinsam mit dem Bremer Henrik Ostendorf und dem US-amerikanischen NPD-Anhänger Roy Godenau aus dem Schwalm-Eder-Kreis um eine angereiste Riege von prominenten internationalen Holocaust-Leugnern und Antisemiten. Darunter die ehemalige Schönheitskönigin Michele Renouf, geboren in Australien, die als Unterstützerin dieser Szene und als „große Freundin des deutschen Volkes“ („Hamburger Beobachter“) gilt. Unter einem Regenschirm mit dem britischen Union Jack präsentierte sie ein Schild mit der Aufschrift: „Grausames Britannien“. Ehrfurchtsvoll sprach Riefling die ältere Blondine mit dem Strohhut als „Lady“ an.

Die kurze Eingangsrede hielt Ursula Haverbeck aus Vlotho. Die mehrfach Verurteilte mit dem weißen Dutt prangerte die Weigerung der Bad Nenndorfer nach einer Gedenktafel an, sprach von angeblichen Geschichtslügen und fragte: „Sind nur die Rechten die wirklich menschlichen Menschen?“

Etwas verhuscht, mit einer Plastiktüte in der Hand, wirkte ein älterer Begleiter, der als Übersetzer für Richard Edmonds, Anhänger der „British National Party“ und der „National Front“, auftrat. „Besatzer raus“ oder „Opfer Britischer nach Kriegs Folter“ stand auf den zum Teil improvisierten Schildern und Transparenten. Die „Düütschen Deerns“ hatten pathetisch auf ihr Transparent geschrieben: „Menschlichkeit nennt ihr das Leichentuch, das ihr über unser Volk gebreitet.“

„Von volksfeindlichen Politikern gekaufte Polizisten“

Lautes Gezeter gab es, als niedersächsische Politikerinnen und Politiker wie die SPD-Landtagsabgeordnete Doris Schröder-Köpf sowie Vertreter der Linken und der Grünen sich ein Bild vom braunen Spuk machen wollten. Der aggressive Hildesheimer Dieter Riefling übernahm am Ende das Wort und reizte das Maß an Beleidigungen bis zum Exzess aus. Er sprach in seinen Redebeiträgen, die er mit „Achtung, Achtung – hier spricht die Einsatzleitung“ wichtigtuerisch einleitete, von den Verantwortlichen der Polizei als „unfähige Kretins“ und von „volksfeindlichen Politikern gekauften Polizisten“. Der gefährliche Schreihals forderte, den einbetonierten Gegendemonstranten die Finger doch einfach abzuschneiden, schrie nach Selbstjustiz durch seine schlagkräftige Ordnertruppe und frohlockte in Richtung von Doris Schröder-Köpf, ein „Polizeiknüppel“ solle auch diese „vermeintlichen Prominenten“ treffen, denn der gehöre seit Stunden eigentlich „freigegeben“. Ungestört hetzte er die eigenen Anhänger auf, die frenetisch bei jeder Gewaltaufforderung klatschten.

Die Stimmung war angespannt. Ohnehin zeigten Teilnehmer von Anfang an großes Verständnis für inhaftierte Gewalttäter und verurteilte Kriegsverbrecher, so forderten sie mit Parolen und Schriften: „Freiheit für Philipp“, gemeint war wohl der süddeutsche Neonazi Philipp Hasselbach oder die Freilassung des in Rom in Hausarrest befindlichen Altnazis Erich Priebke.

„Marschleitung“ gibt kleinlaut den Rückzug bekannt

Die Einsatzleitung der Polizei hatte den Organisator Borrmann bereits zuvor direkt vor das Wincklerbad eskortiert, damit er sich ein Bild vom besetzten Platz und den Abräumaktionen der Einsatzkräfte machen konnte. Scheinbar gelangweilte Marschierer wie der NPD-Mann Hans-Jochen Voß aus Unna versuchten im Laufe der stundenlangen Wartezeit, die bunte Protestmeile zu besuchen.

Tatsächlich waren es gegen Samstagabend noch neun junge Menschen, die an eine kleine Betonpyramide gekettet den Neonazis ihren Kundgebungsort streitig machten. Mit Erfolg. Kurz nach 19.00 Uhr gab die „Marschleitung“ um Dieter Riefling dann schließlich kleinlaut den Rückzug bekannt. Schreiend zogen die Restbestände der Demonstration zurück zum Bahnhof. Sie drohten, noch in diesem Jahr wieder zu kommen. Zu diesem Zeitpunkt waren zahlreiche Teilnehmer vorzeitig gegangen, darunter auch Anführer wie Thomas Wulff aus Hamburg oder Matthias Behrens von der Kameradschaft „Snevern Jungs“. Matthias Schulz aus Verden, der den Bad Nenndorfer Aufmarsch gemeinsam mit Neonazis aus dem Weserbergland um Marcus Winter seit 2006 iniitiert hatte, war erst gar nicht erschienen. Schulz scheint nicht der einzige Aktivist, der inzwischen eher das Rotlicht-Milieu bevorzugt.

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