Rendezvous der Verschwörungstheoretiker

Umsturzträume sowie antiamerikanische und nationalistische Töne – auf dem „Alternativen Wissenskongress“ am Sonntag in Witten kochen die Redner ihre ideologischen Süppchen.

Montag, 23. März 2015
Rainer Roeser

Bundessprecher Bernd Lucke war höchst unglücklich, als im vorigen Herbst die Planung der fünf nordrhein-westfälischen AfD-Bezirksverbände für einen „Alternativen Wissenskongress“ bekannt wurde. „Unter den Referenten scheinen sich Verschwörungstheoretiker und Wirrköpfe zu befinden“, klagte er damals. Hätte Lucke am Sonntag den Kongress im westfälischen Witten besucht und es dort sogar bis zum Schluss ausgehalten, hätte er sich allerspätestens zu diesem Zeitpunkt in seiner Vermutung vollauf bestätigt fühlen können.

Kurz vor Ende des Kongresses ist es, als der politisch von weit links nach weit rechts gewanderte Jürgen Elsässer vor den rund 800 Zuhörern sein ganz eigenes Revolutionsszenario entwickelt: „Das Volk muss auf die Straße!“, fordert er. Pegida nennt er als Vorbild, allerdings sei es „egal, unter welcher Überschrift“ sich das Volk versammele. Wichtig aber sei, dass man in den Städten stabil fünf Prozent der Menschen mobilisiere. Die sollten, ginge es nach Elsässer, „Volksvertreter“ wählen, die eine „alternative Verfassung“ zu beraten hätten. Über die wiederum solle in einer „Volksabstimmung“ entschieden werden, die man halt selbst organisieren müsse, wenn das „Regime“ nicht gewillt sei, an dem Prozedere seiner Abwicklung mitzuwirken. „Die alte Regierung wird in den Ruhestand geschickt“, skizziert Elsässer das Ergebnis seiner Umsturzträume.

Jede Menge AfDler trotz Distanzierung der Parteioberen dabei

Die Peinlichkeit, dass solche Phantasien ganz offiziell unter dem Label seiner Partei verbreitet worden wären, ist Lucke erspart geblieben. Nachdem er selbst und der AfD-Landesvorsitzende Marcus Pretzell sich Ende Oktober von dem Kongress distanziert hatten – freilich ohne die Organisatoren vollends vor den Kopf zu stoßen –, hatte ein neu gegründeter „Verein zur Förderung des politischen Dialogs“ die weitere Vorbereitung übernommen. Zwar führten dort nach wie vor jene AfD-Funktionäre Regie, die schon vorher im Namen der Partei in Sachen „Alternatives Wissen“ zugange waren, aber nun quasi ohne AfD-Logo. „Wir sind standhaft geblieben“, lobt Sebastian Schulze, Vorsitzender des Vereins und stellvertretender Sprecher der Partei im Bezirk Arnsberg, in Witten sein Organisationsteam.    

Die „Standhaftigkeit“ hat sich nach Ansicht der Veranstalter gelohnt. Komplett ausverkauft war der Kongress. Aus ganz Deutschland hatte das Treffen Neugierige nach Witten gelockt. Sogar Besucher aus der Schweiz, Österreich, Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Norwegen konnte Schulze im Saal begrüßen. Mit dabei trotz der Distanzierung der Parteioberen waren auch jede Menge AfDler, die für einen weiteren Rechtstrend in der Partei stehen, darunter Sven Tritschler, Mitglied im NRW-Landesvorstand der AfD und Landeschef der „Jungen Alternative“, AfD-Mitbegründer Martin Renner, der nun als Vorsitzender einer „Konservativen Avantgarde“ unterwegs ist, oder Alexander Heumann, der Landessprecher der „Patriotischen Plattform“ in Nordrhein-Westfalen.

Anschläge vom 11. September 2001 als die „Mutter aller Lügen“

„Hochkarätige Referenten“ hatte Cheforganisator Schulze versprochen. „Hochkarätig“ ist nach seinem Verständnis zum Beispiel Elsässer. Der Herausgeber des verschwörungstheoretischen „Compact“-Magazins wettert im Wittener Theatersaal gegen die „Lizenzmedien der Besatzungsmacht“ und die „Lügenpresse“ („Wir haben eine Gleichschaltung ohne Goebbels“), um zugleich das eigene Blättchen zu loben: „Meine Zielgruppe ist das einfache Volk.“ Bei diesem „einfachen Volk“ will er mit Antiamerikanismus und Nationalismus punkten. Die Anschläge vom 11. September 2001 nennt er etwa die „Mutter aller Lügen“ – „Lügen“, die im Übrigen bereits „mit Hausfrauenverstand zu erkennen“ seien. Zum „Alternativen Wissen“ gehört offenbar auch Elsässers Überzeugung, dass Deutschland „immer noch ein besetztes Land“ sei, geknebelt von „internationalen Finanzdynastien, die überall versuchen, ihr Süppchen zu kochen und Strippen zu ziehen“, während die Politiker „immer hündischer gegenüber der Supermacht“ würden. „Das ist eine Schande!“, ruft er, und der Saal jubelt.

Noch mehr Beifall als Elsässer erhalten aber Eberhard Hamer und Andreas Popp nach ihren Referaten. Während Popp klagt, die Deutschen seien zum „Eigenhass“ erzogen worden, sorgt Hamer phasenweise dafür, dass der angebliche „Wissenskongress“ zum verspäteten politischen Aschermittwoch mutiert. TTIP nennt er kurz „das beschissene Abkommen“, die Europäische Union ist nach „Sowjetvorbild“ aufgebaut. Doch der emeritierte Professor hat auch Positives entdeckt: „Pegida ist der erste anständige Aufstand des Mittelstands“, weiß er zu berichten.

Karl Albrecht Schachtschneider arbeitet sich derweil ein wenig an den AfD-Oberen ab: „Wer einen Wissenskongress, bei dem Jürgen Elsässer und Andreas Popp angesagt sind, nicht unterstützt, hat den ,Mut zur Wahrheit' nicht.“ In Frageform kleidet er seine Distanz zur Parteispitze: „Wir brauchen eine Alternative. Aber haben wir eine?“ „Transatlantiker“ seien jedenfalls „nicht die Alternative, die ich gemeint habe“. Lob hat er hingegen für Elsässer parat: „Compact lese ich vom ersten bis zum letzten Satz mit Freude.“ Beinahe schon folgerichtig erscheint es da, dass Schachtschneider, immerhin emeritierter Staatsrechtslehrer, Elsässers Revolutionsvisionen am Ende nicht kommentiert. Und auch die Kongress-Organisatoren aus den Reihen der AfD widersprechen nicht. Zumindest wird so deutlich, was Teile der Partei für „Alternatives Wissen“ halten.

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