von Claudia Naujoks
   

Reichspogromnacht – „Ritual der Erniedrigung und Demütigung“ von Juden

„Reichskristallnacht“, „Reichspogromnacht“ oder „Novemberpogrom“: alle drei Worte bezeichnen ein und dasselbe historische Ereignis. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 waren die Novemberpogrome vom nationalsozialistischen Regime organisiert worden. Sie sollten die Zerstörung von Eigentum, religiösen Stätten und Leben der Juden im Deutschen Reich (zu dem seit März auch Österreich gehörte) bedeuten. Die Pogrome kennzeichneten den neuen Umgang mit den Juden – von Diskriminierung und Ausgrenzung hin zur systematischen Verfolgung der deutschen Juden. Im Zeitraum vom 7. bis 13. November 1938 wurden hunderte jüdische Menschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben. 

Synagoge nach Reichspogromnacht (Foto: Bundesarchiv)

Der Ausspruch Hermann Görings am 14. Oktober 1938, dass die „Judenfrage jetzt mit allen Mitteln angefasst“ und die Juden „aus der Wirtschaft raus müssen“, führte im Herbst 1938 zu einer Welle antisemitischer Aktivitäten. Nur zwei Wochen später schloss die deutsche Regierung zwischen 15.000 und 17.000 Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit aus dem Deutschen Reich aus, ohne dass Polen bereit war, diese aufzunehmen. Der Aufenthalt der polnischen Juden im Niemandsland zwischen den Grenzen erregte das Aufsehen der internationalen Öffentlichkeit. Herschel Grynszpan, dessen Eltern zu den Vertriebenen gehörten, entschloss sich, durch ein Attentat gegen diese Politik zu demonstrieren. Sein Attentat auf den deutschen Legationssekretär Ernst vom Rath bot der NS-Führung den Anlass, „eine Gewaltwelle gegen die noch im Deutschen Reich lebenden Juden loszutreten“. Vor allem sollte die allmählich stagnierende Emigration der Juden wieder beschleunigt werden.

Ernst vom Rath erlag am 9. November seinen Verletzungen. Zu diesem Zeitpunkt waren im Alten Rathaus in München NS-Größen versammelt, um den Jahrestag des Putschversuches von 1923 zu feiern. Nach Rücksprache mit Adolf Hitler verkündete Goebbels den Tod des Diplomaten und predigte „Rache und Vergeltung“. Eine Pressekampagne heizte die Stimmung bereits im Vorfeld an. So fanden in Nordhessen und Anhalt bereits am Vortag Angriffe auf Synagogen und jüdische Geschäfte statt. Als Goebbels dann noch ausführte: „Der Führer habe auf seinem Vortrag entschieden, dass derartige Demonstrationen von der Partei weder vorzubereiten noch zu organisieren seien, soweit sie spontan entstünden, sei ihnen aber auch nicht entgegenzutreten“, telefonierten die Gauleiter die Hinweise zu „wünschenswerten antijüdischen Aktionen“ an ihre Kreis- und Ortsgruppenleitungen bzw. zu den SA-Stäben im ganzen Reich. Die Aufforderung fand Gehör, nur wenige Stunden nach den Telefonaten brannten im ganzen Land Synagogen, wurden Juden öffentlich misshandelt und ihr Eigentum zerstört und geraubt. Werte wie der Respekt vor dem Privateigentum und der Schutz religiöser Stätten galten für die jüdische Bevölkerung nicht mehr. Vielmehr waren es nicht nur Parteimitglieder der NSDAP, die Juden schlugen, töteten und Synagogen in Brand steckten, auch parteilose Bürger beteiligten sich am Vandalismus.

Im gesamten Deutschen Reich war ein ähnliches Bild zu sehen. Häufig in Zivil gekleidete SA-Männer und Angehörige anderer Parteigliederungen erschienen vor Gebäuden der Jüdischen Gemeinden und vor Wohnungen bekannter Juden. „Sie johlten und warfen Fenster ein.“ Vor allem Synagogen waren bevorzugte Ziele, die „krawallseligen Horden“ brachen in die Gotteshäuser ein, verwüsteten das Innere und legten schließlich Feuer. Gelöscht werden durfte nicht – die Feuerwehr hatte ausdrücklich den Befehl erhalten, brennende Synagogen nicht zu löschen, lediglich benachbarte Häuser sollten vor den Flammen geschützt werden. Der Mob aus SA, Anhängern der NSDAP und Teilen der Bevölkerung drang in jüdische Wohnungen ein, zerstörte das Mobiliar und verängstigte, misshandelte und demütigte die Bewohner. „Zunächst Unbeteiligte gerieten in den Sog des Pogroms, Neugierige mischten sich mit den tobenden Fanatikern zum marodierenden, johlenden, gewalttätigen Mob.“ Die Sensationslust trieb die Menschen auf die Straße und machte aus Nachbarn „plündernde Eindringlinge“. Das Täterspektrum umfasste fanatische Nationalsozialisten ebenso wie „normale“ Bürger, Frauen und Kinder. Aber genauso gibt es Beweise, dass viele Deutsche im November 1938 Scham empfanden und erschrocken waren über diesen „Rückfall in die Barbarei“. Zu diesem Zeitpunkt waren die Juden bereits entrechtet, im Herbst 1935 waren sie per Gesetz von Vollbürgern zu Staatsangehörigen minderen Rechts herabgestuft worden.

Wolfgang Benz beschreibt die Novemberpogrome als „[inszeniertes] Ritual der Erniedrigung und Demütigung der jüdischen Minderheit“. Neben der Zerstörung von Eigentum und Misshandlung der Menschen gab es den Befehl zur Inhaftierung von ungefähr 30.000 jüdischen Männern in den drei Konzentrationslagern Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen. Ziel dieser Aktion war es, Druck auf Juden auszuüben, damit sie schließlich auswanderten. Aus diesem Grund wurden vor allem wohlhabende Juden inhaftiert, die dann frei gelassen wurden, wenn Angehörige Visa und Fahrkarten vorweisen konnten.

Die Bilanz des Pogroms nach einem Bericht von Reinhard Heydrich ergab, dass 7.500 jüdische Geschäfte zerstört, dass „dem Volkszorn“ und der „gerechten Empörung“ der Deutschen Fensterscheiben im Wert von zehn Millionen Reichsmark zum Opfer gefallen waren und dass durch Vandalismus und Plünderung ein Schaden von mehreren hundert Millionen Mark entstanden war. Fast alle Synagogen und Bethäuser waren abgebrannt. Es gab hunderte Todesopfer durch Morde, tödliche Misshandlungen und Selbstmord, begangen aus Verzweiflung und Entsetzen. Zur Zeit des Novemberpogroms befanden sich von ehemals rund 100.000 jüdischen Betrieben noch 40.000 in Händen ihrer rechtmäßigen Besitzer. Im Einzelhandel hatte die „Arisierung“ am stärksten gewirkt, von 50.000 Geschäften waren noch 9.000 übrig. Weiterhin war das Pogrom ein unmissverständliches Zeichen an die jüdischen Deutschen, dass es keine Hoffnung auf ein Überdauern im Deutschen Reich gibt.



Literatur zum Thema:

Wolfgang Benz (2008): „Geschichte des Dritten Reiches“, Deutscher Taschenbuch Verlag, München
Magnus Brechtken (2004): „Die nationalsozialistische Herrschaft 1933-1939“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt
Dieter Pohl (2003): „Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933-1945“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003

Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1970-041-46, Lizenz: CC-BY-SA

Kommentare(16)

Prof.Erhard Samstag, 13.November 2010, 23:22 Uhr:
Tatsächlich liefen die Planungen nicht über Göring, sondern die längst entmachtete und im wörtlichen Sinne seit Juni 1934 "kopflose" SA wurde anderweitig geführt - und natürlich auch zugunsten der mit Reichsführer SS Himmler ausgekungelten neuen Rolle manipuliert.

Nun gut, Wolfgang Benz ist eben mittlerweile eine recht fragwürdige Quelle. Er hält Norbert Blüm für "einen der schlimmsten Antisemiten der Gegenwart" (das hat er wiederholt gegenüber verschiedenen Personen, auch in meiner Gegenwart geäußert) und hat andererseits das totalitäre Wesen des Islamismus leider bis heute nicht begriffen. Antisemitismus ist für ihn zwar ein praktisches Thema, aber er erkennt ihn nicht - und definieren kann er diese Sonderform des Rassismus ebenfalls bis heute nicht. Wer seine zunehmend wirren Thesen hinterfragt, bekommt dumme Sprüche über die angebliche "Wissenschaftlichkeit" seiner fixen Ideen und über die intellektuelle Unfähigkeit anderer, diese wertvollen Thesen zu verstehen, von ihm zu hören... Aber es hat für ihn immerhin dazu gereicht, von einer rot-grünen Bundesregierung eines äußerst lukrative Stelle spendiert zu bekommen, die er nun ganz im Sinne seiner politischen Auftraggeber auszufüllen versucht. Soweit sein Ego nicht so stark dominiert, daß es nur noch um ihn selbst geht...

Wie auch immer.

Ein stets unterschlagener Sachverhalt ist die zeitgleiche Durchführung der organisierten rassistischen Übergriffe und Verbrechen in Polen und bestimmten Teilen Osteuropas. Dazu wird man aus taktischen Gründen auch von Benz als ideologischem Geschichts-Verwerter mit persönlichen, auch finanziellen Interessen, natürlich nicht viel hören.

Mit einem Satz: Dieser Mann ist aufgrund seiner persönlichen Entwicklung der letzten ca. 15 Jahre als Wissenschaftler eigentlich nicht mehr tragbar.

Die Aufarbeitung des von oben organisierten, angeblichen "Pogroms", bei dem es sich in Wahrheit eben um eine staatliche Mordaktion in Deutschland, Polen und anderen antisemitisch geführten Ländern gehandelt hat, ist bisher nicht besonders weit vorangekommen. Die Gründe liegen zweifellos auch im lausigen wissenschaftlichen Niveau mancher Bearbeiter.
 
B.C. Montag, 15.November 2010, 09:49 Uhr:
@ Prof. Erhard
bisher fallen sie im wesentlichen durch persoenliche eingefaerbte kritik auf, die den boden der sachlichkeit verlassen zu haben scheint (siehe auch statement zu frau schwan).
nehmen sie es dem leser ihrer kommentare deshalb nicht uebel, wenn diese durch die vorgetragene form zuersteinmal auf sie zurueckfallen.
 
B.C. Montag, 15.November 2010, 15:34 Uhr:
@ Autorin Claudia Naujoks
lassen sie sich den guten artikel nicht durch virtuelle professoren verderben ;o)
ich hab ihn gern gelesen und fand ihn informativ.
 
bc Freitag, 09.November 2012, 08:40 Uhr:
???
eine frischer artikel mit 2 jahre alten kommentaren?
 
Alter Fritz Freitag, 09.November 2012, 11:02 Uhr:
„Wenn man ein Land besucht, sieht man normalerweise in jeder Stadt ein Zeugnis

des Nationalstolzes. In Deutschland gibt es in jeder Stadt etwas, das dem großen

deutschen Volk einredet, dass die Väter und Großväter Mörder gewesen sind.“
 
John Freitag, 09.November 2012, 11:19 Uhr:
@Fritz: Ich empfehle Dir dringend zwei Dinge. 1. einen Rundreise durch Deutschland und 2. einen Grundkurs in Geschichte.
 
bc Freitag, 09.November 2012, 12:05 Uhr:
@fritz
in meiner stadt faellt mir adhoc so ein ort nicht ein. oder meinen sie sowas wie einen juedischen friedhof?
 
Björn Freitag, 09.November 2012, 12:37 Uhr:
@bc

Und du willst Rostocker sein? Noch nie im Rosengarten gewesen?
 
Biene Freitag, 09.November 2012, 14:31 Uhr:
@Alter Fritz

Wer hat das denn gesagt?

@Björn

Was ist denn im Rosengarten?
 
WW Freitag, 09.November 2012, 18:54 Uhr:
Fritz, kaum anzunehmen, dass Sie wirklich das Ausland kennen, wo nach Ihrem Verständnis das Böse höchstselbst wohnt. Ihre Verallgemeinerung bestätigt diese Annahme.
 
Dresdner Samstag, 10.November 2012, 01:40 Uhr:
@ Fritz

Sie verwechseln schon wieder das "große deutsche Volk" mit Nazis. Wann begreift Ihr endlich, dass das nicht dasselbe ist? Auf den Nazismus kann man nun mal nicht stolz sein. Informieren Sie sich ein bisschen über den deutschen Widerstand gegen das Naziregime, vielleicht hilft das gegen Ihren Minderwertigkeitskomplex.
 
General Samstag, 09.November 2013, 12:33 Uhr:
Der 9. November ist und bleibt ein Feiertag für Deutschland.
Der Fall der Mauer ist von historischer Bedeutung.
Die Hervorhebung von Dingen die sich auf 12 Jahre deutscher Geschichte
beziehen, dient offensichtlich nur dem Zweck etwas zu inszenieren und oder
zu etablieren, was es real gar nicht gibt, nämlich eine gewisse Kollektivschuld
eines Volkes.
Erschreckend in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass heute 2013
viele Schüler glauben die Mauer sei ein Schutzschild gegen Sowjetrussland
gewesen.Zu der Zeit von 1933-1945 fehlt den heutigen Schülern sowieso
jegliches Vorstellungsvermögen u.a. auch durch die einseitige und manipulierte Darstellung von Geschichte.
Der Ersatz für Mitteldeutschland lautete ab dem 9.November 1989 bis heute
"Toleranz und Demokratie".Dieser Ersatz kommt zunehmend in eigene
Erklärungsnöte, weil auch hier Realität und Darstellung auseinandergehen.
 
schmuffi Samstag, 09.November 2013, 14:33 Uhr:
Fritz. Na wenn sie ihr Gewissen so leicht auslagern können: hier mal Nation, da mal Gott, dort mal Hinz und Kunz und Deutschländer Würstchen. Dann Gute Nacht Deutschland. Man kann auch "guten Gewissens" töten. Wer ist ihr Gewissen? Nazi's bleiben auch heute verfickte Nazi's wenn sie nicht das Recht einfordern für sich selbst zu denken. Bei wem fordern die das ein? OBEN? In der REICHSKANZLEI? In ihrem eigenen Dachstübchen? Nationalstolz dich selbst, du Elbopfer. Mein Urgroßvater war der beste Schütze im Dorf und hat als die Pfeifen mit ihren Kanonen und Abzeichen zur Musterung kamen nur daneben geschossen. Dann hat er Essen angebaut. Erst für die Nazis, dann für die Stalins. Dann kam die Wende. Keiner wollte mehr aufs Feld, aber alle Essen. Als mein Großvater genug von dem Klimbim hatte, hat er dann Tabak angebaut wie die Indianer. Kannste rauchen wenn Frieden ist. Ist Krieg, rauchst du eine nach der anderen. Zigaretten können dich auch mit deiner Deutschländer Würstchen Genusssucht ins Grab bringen. Mein Urgroßvater war Bauer, kein Faschist. Alle anderen wollten "Faschisten", "Stalins", "Kapitalisten" und jemand anderes Schicksal sein, weil sie zu Eitel waren mal daneben zu schießen. Wie viele rennen heute noch an die Front? Faschisten. Vergewaltiger. Selbst wenn ich heute in die Kneipe gehe höre ich noch das alte Gewäsch, Hitler hier, Hitler dort, mein Kampf, Judenfrage. Deutschland ist noch lange nicht aus der Schule raus. Du bist Deutschland. Steht dir das oder nicht?
 
Roichi Sonntag, 10.November 2013, 23:16 Uhr:
@ Generalhenriette

Außer Relativierung von Verbrechen des dritten Reiches fällt dir also nichts mehr ein.
Da ist es dann auch mit der beschworenen Realität nicht weit her.

Aber was will man von einem rechten Troll auch erwarten.
 
Die Mauer Freitag, 13.November 2015, 12:42 Uhr:
Aber General, man glaubt doch nicht das die Mauer ein Schutz gegen Russland war.
Man weiß doch seit der NSU und Pegida das die Mauer wirklich ein "Antifaschistscher Schutzwall" war.
Sie hat die Menschen im Westen von den Nazis im Osten beschützt.
 
B aus MV Samstag, 14.November 2015, 17:36 Uhr:
@ Die Mauer

"Sie hat die Menschen im Westen von den Nazis im Osten beschützt."

Ich darf dir widersprechen. Gern geschehen ;o)
Die wenigsten hier im "Osten" sind Nazis. Sie tun sich leider nur sehr schwer damit, dass auch zu zeigen.
 

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