von Oliver Cruzcampo
   

Reichsbürger, Hooligans und Rechtsextremisten ziehen durch Berlin

Die von „Wir für Deutschland“ organisierten Demonstrationen in Berlin sind zu einem Potpourri rechter Gruppierungen geworden, Reichsbürger und aggressiv auftretende Rechtsextreme bestimmen dabei zunehmend das Erscheinungsbild des Aufmarsches.

Unter dem Motto „Tag der Nation“ versammelten sich am Vorplatz des Berliner Hauptbahnhofes rund 1.000 Teilnehmer. Bereits seit Monaten mobilisierten zahlreiche rechte Gruppen zur vom rechtsextremen Verein „Wir für Deutschland“ angemeldeten Demonstration. In den Jahren zuvor wurde häufig unter dem Slogan „Merkel muss weg“ aufgerufen, doch der Kreis der Organisatoren um Enrico Stubbe blieb größtenteils unverändert.

Verändert hat sich hingegen die Zusammensetzung der Teilnehmer. Knapp 100 Reichsbürger um die Staatenlos-Gruppierung von Rüdiger Hoffmann hatten sich zuvor am Reichstag versammelt, dann aber der Demonstration am Hauptbahnhof angeschlossen. Dort hatte sich bereits die aus dem Raum Düsseldorf kommende Hooligan-Gruppe „Bruderschaft Deutschland“ eingefunden.

Neonazis kritisieren Neonazis

Die rund zwei bis drei Dutzend Männer, die am Donnerstag mit einheitlicher Kleidung und Bannern auftraten, reihten sich am Ende des Demozuges ein und sorgten immer für Provokationen. „Wenn wir wollen, schlagen wir euch tot“, schallte es beispielsweise aus deren Reihen. Dazu gesellten sich mehrere Neonazis, auch die „Sons of Odin“ waren mit Anhängern aus mehreren Bundesländern vertreten, u.a. Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Ein Block der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationalisten“ war ebenfalls mit einem eigenen Banner vor Ort, vereinzelt wurden Plakate mit AfD-Symbolik gezeigt.

Rechtsextremer Tag der Nation Berlin

Ein Großteil der Polizei war damit beschäftigt, die Straßen entlang der rund sechs Kilometer langen Route zum Alexanderplatz abzusperren. Vor allem entlang der geschäftigen Friedrichstraße und den dortigen Gegenprotesten kam es immer wieder zu brenzligen Situationen, vor allem auch dadurch bedingt, dass der rechtsextreme Demozug kaum Begleitung durch die Polizei erfuhr. So konnten sich die „Bruderschaft Deutschland“-Hooligans immer wieder zurückfallen lassen und bauten sich vor Demonstranten aufbauen, Drohgebärden folgten. Ordner und Polizei musste die Männer etliche Male mühsam zurück in die Demonstration drängen. Selbst Der Dritte Weg kritisierte das Auftreten der Hooligans und schreibt von „Gesten und Gepöbel“, dass „teils mehr als peinlich“ sei und „der Sache mehr schadet als diese vorantreibt.“

„Wir haben gar keine Bundesregierung“

Zwar befanden sich unter den Teilnehmern auch viele, die eher dem „Wutbürger-Spektrum“ zuzuordnen sind, doch der Personenkreis ist zahlenmäßig rückläufig und eine wie auch immer geartete Abgrenzung in das extrem rechte Milieu scheint spätestens mit diesem Aufmarsch hinfällig. Wohl auf kein einer Demo sind Reichsbürger und Verschwörungstheoretiker so prominent vertreten wie jetzt erneut in Berlin. „Wir haben gar keine Bundesregierung. Frau Merkel ist Geschäftsführerin einer Nichtregierungsorganisation“, erklärte ein Mann vom Rednerpult aus.

Weit vorne reihte sich auch der Landtagsabgeordnete und ehemalige AfD- und AdPM-Politiker André Poggenburg ein, unterwegs an dem Tag mit Neonazi Alexander Kurth, der sich neuerdings als Journalist ausgibt. Poggenburg durfte auf einer Zwischenkundgebung am Checkpoint Charlie schließlich einen kurzen Redebeitrag halten. Darin wandte an das „deutsche Volk“, das „bis heute um seine eigene vom Volke geschaffene Verfassung betrogen worden“ sei. Zudem hätte eine „gesamtumfängliche Wiedervereinigung (...) noch nicht stattgefunden.“ Nicht umsonst würde Mitteldeutschland Mitteldeutschland heißen.

Der „Volkslehrer“ greift völkische Anhänger ab

Die beiden rechten YouTuber Henryk Stöckl und Lisa H. alias Lisa Licentia streamten bzw. filmten am gestrigen Nachmittag für ihre Fans, dazu kamen etliche weitere Livestreams, in etwa von Dominik Roeseler, der im Stadtrat Mönchengladbach sitzt und am gestrigen Tag maßgeblich in die Durchführung des rechtsextremen Aufmarsches eingebunden war. So konnten die rückläufigen Teilnehmerzahlen teilweise aufgefangen werden.

Parallel zur Demo hatte auch der rechtsextreme Aktivist Nikolai Nerling zur Kundgebung „Für deutsche Kultur in Deutschland“ gerufen. Unter 100 Personen, für gewöhnlich vor allem aus dem Milieu der Völkischen und Holocaust-Leugner, folgten dem Aufruf, darunter Axel Schlimper, Gerhard Ittner und Bernhard Schaub.

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