Rechtsrock-Open-Air-Saison in Thüringen

Auch nach dem Ableben des einstigen Groß-Events „Rock für Deutschland“ bleibt der Freistaat ein beliebtes Bundesland für große Rechtsrock-Veranstaltungen – bis Anfang Juli sind bereits vier braune Musikveranstaltungen unter freiem Himmel angekündigt.

Freitag, 01. April 2016
Kai Budler

Mit rund 4000 Teilnehmern war das Jahr 2009 für das Neonazi-Festival „Rock für Deutschland“ im ostthüringischen Gera das Highlight seit der Premiere der jährlichen Veranstaltung, die sechs Jahre vorher unter dem Motto „Rock gegen Krieg“ aus der Taufe gehoben worden war. Doch eine solche Teilnehmerzahl konnten die Organisatoren um den NPD-Funktionär Gordon Richter anschließend nicht mehr erreichen. Beim bislang letzten Mal nahmen 2014 nur noch etwa 300 Neonazis teil; wegen eines indizierten Liedes der Band „Helle & die RAC’ker“ war das Open Air vor dem Bahnhof frühzeitig beendet worden und fand seitdem nicht mehr statt.

Doch zu diesem Zeitpunkt hatte der mehrfach verurteilte Neonazi Thorsten Heise dieser Thüringer Tradition rechtsextremer Großveranstaltungen unter freiem Himmel mit dem „Eichsfeldtag“ bereits sein eigenes Kapitel hinzugefügt. Seit der Premiere 2012 findet das braune Spektakel jährlich auf einem Fußballplatz in Leinefelde statt. Wie in den vergangenen Jahren werden sich am 28. Mai dieses Jahres rechte Redner und Rechtsrock-Bands auf der Bühne abwechseln, um die Veranstaltung nach dem Versammlungsrecht genehmigen zu lassen. Neben Heise selbst ist der frühere NPD-Funktionär Karl Richter als Redner angekündigt, der seit 2008 für die NPD-Tarnliste „BI Ausländerstopp“ im Münchner Rathaus sitzt. Außerdem soll der ehemalige Bundesvorsitzende der „Deutschen Partei“ und Ex-NPD-Bundesvorständler Ulrich Pätzold in Leinefelde ans Mikro treten, ebenfalls angekündigt ist der Chef der Dänischen Volkspartei, Daniel Carlsen.

„Rock für Identität“ am 7. Mai

Doch auch beim „Eichsfeldtag“ locken erfahrungsgemäß nicht die Redner, sondern die angekündigten Bands das rechte Publikum an. Dafür greifen die Organisatoren um Thorsten Heise auf den unvermeidbaren Barden Frank Rennicke ebenso zurück wie auf die Gruppen „Tätervolk“  und „Söhne Potsdams“. Publikumsmagneten in Leinefelde dürften im Mai jedoch die Bands „Sturmwehr“ und „Oidoxie“ sein. Von der Anfang der 1990er gegründeten Rechtsrock-Formation „Sturmwehr“ aus Gelsenkirchen tritt beim Open Air im Mai zwar nur der Mitinitiator Jens Brucherseifer solo auf, dafür soll die 1995 aus der Taufe gehobene Band „Oidoxie“ komplett auf der Bühne stehen. Sie kommt aus dem Umfeld des 2000 in Deutschland verbotenen Netzwerks „Blood&Honour“ und scheute schon auf ihrer ersten Produktion keine klaren Worte: „Wir kämpfen für Deutschland, und bleiben dabei. […] Und schreien immer wieder: Heil, heil!“.

Doch schon bevor der „Eichsfeldtag“ in diesem Jahr bereits zum sechsten Mal stattfindet, eröffnet am 7. Mai ein anderes Neonazi-Event die Open Air-Saison für Rechtsrock in Thüringen. Für den Raum Südthüringen kündigen die langjährigen Neonazis Tommy Frenck und Patrick Schröder ein Konzert unter dem Motto „Rock für Identität“ an. (bnr.de berichtete) Es dürfte sich um die Neuauflage der Veranstaltung aus dem Mai 2015 handeln, bei der Frenck und Schröder etwa 1500 Personen aus dem gesamten Bundesgebiet, der Schweiz, Österreich, Polen und Russland zu einem der größten Events der extremen Rechten mobilisieren konnten. Neben der aus dem vergangenen Jahr dort schon bekannten Combo „Sleipnir“ sind „Act of Violence“, „Blitzkrieg“, „Blutbanner“ und „Übermensch“ angekündigt. Auf der Rednerliste stehen unter anderem Frenck, Schröder, die „Thügida“-Aktivisten David Köckert und Axel Schlimper sowie der baden-württembergische JN-Funktionär Maximilian Reich.

„Politisches Fest der Nationalen“ am 2. Juli

Am 10. Juni steht auch der Stadt Sömmerda nördlich von Erfurt ein Rechtsrock-Event unter freiem Himmel bevor, dort soll der „Thüringentag der nationalen Jugend“ (TdnJ) stattfinden. Die seit 2002 vom mutmaßlichen NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben begründete und an landesweit wechselnden Orten organisierte Veranstaltung ist laut der Mobilen Beratung in Thüringen (Mobit) „der älteste Bestandteil des jährlichen neonazistischen thüringischen Open Air Sommers“. Doch auch hier ist über die Jahre ein Rückgang der Teilnehmerzahlen zu verzeichnen: Waren es im Jahr 2011 noch 800 Personen, kamen bei der bislang letzten Veranstaltung zwei Jahre später nur etwa 160 Besucher nach Kahla bei Jena. Das vom NPD-Funktionär Patrick Weber für den Juni 2014 angekündigte Open Air in Sömmerda wurde erst auf den 1. November verschoben und fiel dann sang- und klanglos aus.

Nach einer zweijährigen Pause soll es nach dem Willen des stellvertretenden NPD-Landesvorsitzenden Weber nun in Sömmerda eine Neuauflage des zuletzt als Flop verspotteten TdnJ geben. Dabei sollen neben Weber unter anderem seine NPD-Landesvorstandskollegen Thorsten Heise, Tobias Kammler und Philipp Rethberg auf einer Wiese südwestlich des Bahnhofs als Redner aufreten. Als musikalische Acts sind die völkische Metal-Band „Nordglanz“, der rechtsextreme Rapper „Makss Damage“ aus Gütersloh und „Sachsenblut“ aus Freiberg im Landkreis Mittelsachsen angekündigt.

„Sachsenblut“ waren im August 2013 als „beliebteste Nachwuchsband“ auch bei der Premiere von Webers Open Air „In.Bewegung“ aufgetreten und hatten neben vier weiteren Rechtsrock-Bands gespielt. Nach einer Neuauflage im August 2014 mit anschließender Pause soll es in Webers Heimatort, dem thüringischen Sondershausen, am 2. Juli 2016 auch mit dem als „politisches Fest der Nationalen“ beworbenen Neonazi-Event „In.Bewegung“ weitergehen. Neben dem Headliner „Lunikoff-Verschwörung“ um Michael Regener, dem ehemaligen Sänger der verbotenen Band „Landser“, kündigt Weber die Auftritte von zwei weiteren Bands an.

Gestiegene Anzahl von Rechtsrock-Konzerten

Auf der Bühne soll „Randgruppe Deutsch“ stehen, ein Projekt um den ehemaligen „Hammerskin“ und Sänger der Neonazi-Band „Endlöser“, Andreas Lohei. Von den zwischen 2002 und 2011 veröffentlichten neun Produktionen seiner Band indizierte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien sechs Alben. Loheis neues Projekt „Randgruppe Deutsch“ steuerte zuletzt den Mobilisierungs-Song für den in Hamburg geplanten „Tag der deutschen Patrioten“ im September 2015 bei.  Außerdem wird die Band „Ex Umbra in Solem“ angekündigt, deren Demo- CD „Aus dem Dunkel ins Licht“ im vergangenen Jahr in Webers Germania Versand erschienen ist. Mit einem Teil des Kaufpreises sollen nach Webers Angaben „inhaftierte Kameraden“ unterstützt werden.

Als Redner sind an der ehemaligen Schachtanlage im Kyffhäuserkreis in Sondershausen am 2. Juli Patrick Weber und der ehemalige Bundesvorsitzende und jetzige Europaabgeordnete der NPD Udo Voigt angekündigt.

Die Verdoppelung der Großveranstaltungen gegenüber dem vergangenen Jahr geht einher mit einer ohnehin gestiegenen Anzahl von Rechtsrock-Konzerten in Thüringen. Für 2015 registrierte Mobit landesweit 46 Konzerte und Liederabende, im Vorjahr waren es nur 27 derartige Veranstaltungen. Deutlich wird hier die immens wichtige Rolle von Immobilien, die sich im Besitz von Neonazis befinden oder auf die sie problemlos zugreifen können. Dazu gehören in Thüringen die NPD-Zentrale in Eisenach, die Gaststätte des Neonazis Tommy Frenck in Kloster Veßra und das „Veranstaltungszentrum Erfurter Kreuz“ in Kirchheim. Hier fand 2015 mehr als die Hälfte der gezählten Konzerte statt.

Kategorien
Tags