von Tim Schulz
   

Rechtsrock in Ostritz: Erneute Angriffe auf Journalisten

Bei einem Rechtsrock-Konzert in Ostritz kam es am Samstag wieder zu Übergriffen auf Journalisten und Sicherheitskräfte. Gut 500 Neonazis reisten zu dem Event, das von NPD-Vize Thorsten Heise veranstaltet wurde. Könnten nun Konsequenzen auf die Rechtsrock-Unternehmer zukommen?

Neonazis aus dem gesamten Bundesgebiet kamen nach Ostritz

Bierbecher fliegen, Drohungen und wüste Beschimpfungen folgen – als Journalisten am Samstag im Rahmen einer Pressebegehung ein Rechtsrock-Konzert im sächsischen Ostritz betraten, zeigte sich, worin Enthemmung und Alkoholkonsum bei den neonazistischen Musikfans gipfeln können: Angestachelt von Beleidigungen und Parolenrufen versammelt sich ein Mob aus sichtlich gewaltbereiten Rechtsextremisten um die Medienvertreter. Immer mehr werden sie bedrängt, auch Tritte und Schläge folgen. Gezielt schütten einige Konzertbesucher Bier über die Kameraausrüstung von Fotografen. Einige Neonazis drängen sich dazwischen, versuchen die „ungebetenen Besucher“ voneinander und vom Polizeischutz zu isolieren. Die Beamten können dem wenig entgegensetzen, werden zum Rückzug aus dem Festzelt genötigt. Im Hintergrund johlt die Menge und skandiert „All Cops are Bastards“. Einer der Rechten setzt noch einmal nach und entleert einen Feuerlöscher auf den Polizisten. Die Botschaft ist klar.

Skinheads aus ganz Deutschland

Auf Einladung von NPD-Vize und Szeneunternehmer Thorsten Heise zog es erneut hunderte Neonazis in den kleinen Grenzort an der Neiße. Die angemeldete Teilnehmerzahl von 500 Personen dürfte dabei sogar überschritten worden sein. Aus dem gesamten Bundesgebiet reisten Kameradschafter und eher lose organisierte Neonazi-Gruppen an. Dazu kam das Umfeld von Heise selber. Die „Arische Bruderschaft“ fungierte am Samstag erneut als Ordnerdienst. In den Reihen der kameradschaftsähnlichen Gruppierung war auch Gianluca B., der verdächtigt wird, im April 2018 an einem brutalen Überfall auf zwei Journalisten beteiligt gewesen zu sein. In Ostritz war B. allem Anschein nach mit dem Schutz von Pressevertretern betraut.

Rechtsrock-Konzert Ostritz

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Die selbsternannte Szene-Elite trifft sich in Ostritz nach wie vor nicht: Wie bei den vergangenen Rechtsrock-Events auf dem Gelände des Hotel „Neisseblick“ dürfte die „Politik“ für die teils schon bei der Anreise stark alkoholisierten Teilnehmer im Hintergrund stehen. Auffällig war zudem, dass kaum bedeutende NPD-Kader vor Ort waren. Zur Erinnerung: Das Konzert war - wie bereits die letzten rechten Großevents in Ostritz - als politische Versammlung angemeldet.

Das Motto des Abends - „Skinheads Back to the Roots“ - war Programm. Mit „Endstufe“ und „Kraft durch Froide“ lud Heise zwei Bands ein, die bereits seit Jahrzehnten in verschiedenen Besetzungen die rechten Konzertsäle der Republik bespielen und deren Platten regelmäßig auf dem Index landen. Entsprechend den betagten, „Oi“-lastigen Headlinern zog es vor allem rechte Skinheads und vorwiegend älteres Publikum nach Ostritz. Den Geschmack jüngerer Szenekreise traf das Event derweil weniger. Unterstützt wurden die deutschen Rechtsrocker durch die spanischen Neonazi-Bands „Irreductibles“ und „Last Chance“.

Ermittlungen gegen Neonazis laufen

Die Szenen während des Presserundgangs werden wohl juristische Konsequenzen nach sich ziehen: Mindestens sechs Ermittlungsverfahren stehen im Zusammenhang mit den Angriffen auf Polizei und Presse. Darunter Tatbestände wie Sachbeschädigung, Verstoß gegen Waffen- und Versammlungsgesetze, Volksverhetzung und Beleidigung. Zudem ermittelt der polizeiliche Staatsschutz. Zwischen den Musikeinlagen waren immer wieder mutmaßliche Sieg-Heil-Rufe zu vernehmen. Inwiefern die Ermittlungen aber tatsächlich zu Ergebnissen führen werden, ist mehr als fraglich. Schließlich wurde die Plane zum Festzelt von den Ordnern pedantisch zugehalten - zeitgleich reckten sich dahinter vermutlich hunderte Arme in die Luft. Heise dementiert die Anschuldigungen derweil. Seine Gäste hätten lediglich „Skinhead“ skandiert.

Der Zugang zum Festzelt, dem eigentlichen Veranstaltungsort, blieb der Presse weitestgehend verschlossen

Der NPD-Politiker und Kameradschaftsführer, der sich sonst gerne als smarter Macher inszeniert, reagierte sichtlich gereizt auf die anwesende Presse. Kein Wunder: Für Heise könnten Bilder wie die von den hunderten Hitlergrüßen bei einem Rechtsrock-Festival in Themar unangenehme Konsequenzen haben. Das härtere Vorgehen der Thüringer Behörden kostete die Rechtsrock-Veranstalter im Freistaat zuletzt viel Geld und Reputation. Erfolg oder Misserfolg der rechten Großevents unter dem Schutz des Versammlungsgesetzes hängen auch von der Haltung der Politik ab.

Eine Bedrohung für das braune Businessmodell in Sachsen?

Ob Heises Konzerte in Zukunft verboten oder sogar unter Zwang aufgelöst werden könnten, ist schwer zu beurteilen. Allerdings dürfte die neue Qualität der Feindseligkeiten - vor allem gegenüber den Polizeikräften - den Handlungsdruck auf Staatsregierung und Sicherheitsbehörden merklich erhöhen. So merkte die Polizei Sachsen in einer Pressemitteilung mit „Blick auf zukünftige, ähnlich gelagerte Versammlungslagen“ an, dass der massive Alkoholkonsum mit einem erheblichen „Gefährdungspotential“ für die Einsatzkräfte einhergehe. Ein Verbot von alkoholischen Getränken wäre Fatal für den rechtsextremen Festivaltourismus.

Im Nachgang des abgebrochenen Presserundgangs wurde Heise zudem bereits die Beendigung der Veranstaltung angedroht. Dass es bei Worten blieb, dürfte nicht zuletzt an der geringen Präsenz der Polizeikräfte gelegen haben: Mit nur 300 Beamten waren die Sicherheitskräfte am Wochenende vergleichsweise schwach aufgestellt.

Zeitgleich mit dem Großkonzert in Ostritz fand etwa eine Autostunde entfernt im sächsischen Mücka ein deutlich kleineres, klandestin organisiertes Neonazi-Konzert statt. Auf einer Gewerbefläche spielte die Band „Oidoxie“ vor etwa 100 bis 200 Rechten. Die Rechtsrocker gelten als Hausband des militanten Neonazi-Netzwerks „Combat 18“. Heise gilt als einer der einflussreichsten Neonazis und ist vor allem im Rechtsrock-Geschäft eine feste Größe. Umso verwunderlicher also, dass die lokale Szene eine Konkurrenzveranstaltung zum Event in Ostritz organisierte. Ein Einzelfall ist dies allerdings nicht: Gerade in Ostsachsen finden immer wieder kleine und geheime Konzerte der rechten Szene statt.

Friedensfest beendet historischen „Bier-Krieg“

Auch diesmal blieb das rechtsextreme Spektakel nicht unwidersprochen. Auf dem Ostritzer Marktplatz fand das Friedensfest der Stadt mittlerweile in dritter Auflage statt. Mit großem Zuspruch: Die Organisatoren sprechen von vierstelligen Besucherzahlen. Am bunten Rahmenprogramm beteiligten sich bürgerliche und linke Gruppen und Initiativen. Den Auftakt machte am Freitag ein besonderer, symbolischer Akt. Die Bürgermeister von Zittau und Görlitz verkündeten offiziell das Ende einer Stadtfehde, die im 15. Jahrhundert im Streit über einige Fässer Bier ausgebrochen war.

Der nächste Anlass für die Ostritzer aktiv zu werden, lässt nicht lange auf sich warten: Am 21. und 22. Juli soll im Hotel „Neisseblick“ die dritte Auflage des „Schild und Schwert“-Festivals stattfinden.

 

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