Rechtsrock im Thüringer Wald

Die selbst ernannte „Hausgemeinschaft Jonastal“ in Crawinkel lädt zu Treffen der Neonazi-Szene und braunen Konzerten – die Kommune will die Immobilie jetzt selbst erwerben.

Donnerstag, 23. August 2012
Kai Budler

Unter den 1500 Einwohnern der Gemeinde Crawinkel am Nordrand des Thüringer Waldes herrscht Unruhe. Seit dem Verkauf eines Hauses in der Ortsmitte an Neonazis finden dort immer wieder Szene-Treffen und Konzerte mit extrem rechten Bands statt. Das bislang fünfte Konzert in diesem Jahr wurde jetzt  von der Polizei aufgelöst.

Gegen 23.00 Uhr stellten die Beamten am vergangenen Samstag die Personalien von 38 Personen fest und erhoben fünf Anzeigen wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und zwei Anzeigen wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz. Nach Polizeiangaben wurden ein Messer und ein Schlagring sichergestellt.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Ortschaft zwischen Gotha und Erfurt in die Schlagzeilen gerät: seitdem die einschlägig bekannten Neonazis die Immobilie gekauft haben, zieht es die extrem rechte Szene immer wieder nach Crawinkel. In dem historischen Gebäude in der zentralen Bahnhofstraße ist die selbst ernannte „Hausgemeinschaft Jonastal“ zuhause, ihre Abkürzung „HJ“ dürfte kein Zufall sein, sondern spielt offenbar auf die „Hitler-Jugend“ an. Sie lädt zu Konzerten mit in der Szene beliebten Bands wie „12 Golden Years“, „Projekt Werwolf“, „Treueorden“, „Ostfront“ oder „Wiege des Schicksals“. Es erstaunt nicht, dass besonders „Sonderkommando Dirlewanger“ (SKD) auffallend oft in dem Gebäude auftritt, denn die Käufer stammen aus dem direkten Umfeld der Band mit Verbindungen zu dem Neonazi-Netzwerk „Blood&Honour“.

Groß angelegte Razzia erst im Juni

Marco Z. ist seit Mitte der 1990er Jahre in der Neonazi-Szene in der Region aktiv, aus der später „SKD“ hervorging, mit dessen Kopf den Neonazi eine lange Freundschaft verbindet. Nachdem Z. 1997 eine Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Suhl-Goldlauter antreten musste, wird er Mitglied der mittlerweile verbotenen „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene e.V.“ (HNG) und gründet das Gefangenennetzwerk „Kameradschaftsbund für Thüringer POWs“ (POW steht für „Prisoners of war“). Nach seiner Haftentlassung fasst Z. mit der Organisation von Rechtsrock-Konzerten erneut in der Szene Fuß, im Dezember 2011 kauft er für 100 000 Euro das Gebäude in Crawinkel. Für Pea Pawelskus von der Mobilen Beratung in Thüringen (Mobit) ist die Ortswahl kein Zufall: „Es ist vor allem der ländliche Raum, in dem Neonazis im Fall eines Immobilienerwerbs wenig Gegenwehr der ansässigen Bürger vermuten. Bei allen Überlegungen zu möglichen Reaktionsweisen muss berücksichtigt werden, dass Neonazis in der Gemeinde als ganz normale Bürger anerkannt werden wollen.“

Erst im Juni dieses Jahres wurde im Zuge einer groß angelegten Razzia auch das Haus in Crawinkel durchsucht. Das Landeskriminalamt ermittelte gegen Z. und einen weiteren Neonazi aus Thüringen wegen des Verdachts der Vorbereitung einer „schweren staatsgefährdenden Gewalttat“. Auch Thomas W. aus der „Hausgemeinschaft“ ist den Behörden seit mindestens 15 Jahren bekannt. Er gilt als mitverantwortlich für ein Wehrsportlager bei Gotha, das 1997 ausgehoben worden war. Die Ermittler stießen unter anderem auf Waffen, Kampfausrüstung, Hakenkreuze, SS-Runen, Luftgewehre und  Drosselschlingen. Die Staatsanwaltschaft ermittelte damals wegen Bildung einer bewaffneten Bande.

Neue Einwohner in Crawinkel nicht erwünscht

Doch mit dem extrem rechten Treiben in Crawinkel könnte schon bald Schluss sein, denn die  Gemeinderäte haben beschlossen, von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch zu machen. Statt der Neonazis soll die Gemeinde in den Vertrag eintreten und für 110 000 Euro das Gebäude erwerben.  Schon früh hatten die Bürger von Crawinkel deutlich gemacht, dass die neuen Einwohner nicht erwünscht sind. Das aus der Taufe gehobene „Crawinkler Bürgerbündnis für Demokratie“ mobilisierte im Februar unter anderem zu einem Schweigemarsch durch den Ort, an der Spitze prangte ein Tranparent: „Nazis raus, Crawinkel gehört uns“. Bürgermeister Onno Eckert überlegt, aus dem Gebäude ein Heimatmuseum zu machen, die Rolle eines Museumsführers könnte der Wirt der darin gelegenen Gaststätte „Drei Linden“ übernehmen. Der klagt über Umsatzrückgänge und Stornierungen, seitdem die Neonazis öffentlich in Erscheinung getreten sind.

Wann solche Zukunftspläne aber umgesetzt werden können, ist bislang noch offen. Weil mögliche juristische Schritte der Neonazis abgewartet werden müssen, ist es ungewiss, wann die Immobilie in das Eigentum der Gemeinde übergeht. Bis dahin ist zu befürchten, dass die „Hausgemeinschaft“ noch häufiger für Unruhe sorgt.

 

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