Dritter Weg

Rechtsmilitante „Jugendoffensive“ für Niedersachsen

Die radikale Kleinstpartei „Der Dritte Weg“ will in Niedersachsen Fuß fassen. Räumlichkeiten findet sie im Haus eines langjährigen Neonazis im Landkreis Nienburg.

Donnerstag, 26. März 2026
Andrea Röpke
Das ehemalige Gasthaus in Lichtenhorst wirkt von außen unscheinbar, wird aber offenbar vom Dritten Weg genutzt, Foto: isso.media
Das ehemalige Gasthaus in Lichtenhorst wirkt von außen unscheinbar, wird aber offenbar vom Dritten Weg genutzt, Foto: isso.media

Dichter Nebel verschleiert die Sicht auf der Kreisstraße 37. Wie aus dem Nichts tauchen junge Männer in dunkler Kleidung mit Rucksäcken am Straßenrand auf. In mehreren Gruppen laufen sie vom ehemaligen Gasthaus „Am Stern“ in Lichtenhorst kommend in Richtung Rethem an der Aller. So schnell sie gekommen sind, sind sie auch wieder auf einen der vielen Seitenwege verschwunden.

Am 7. Februar waren die Dächer des ehemaligen Gasthaus in Lichtenhorst weiß von Schnee. Die kleinen Fenster des Anbaus in dem sich ein Saal für rund 200 Gäste befindet, waren hell erleuchtet. Seit dem Morgen parkten Fahrzeuge aus Zwickau, Schaumburg, Dortmund, Hamburg und dem hessischen Hersfeld vor dem Gebäude. Unter den Gästen: Norik E., ehemals bei der „Scheiteljugend Kassel“, inzwischen ist er bei der völkisch-nationalistischen Kleinstpartei „Der Dritte Weg“ aktiv.

Neonazi bietet Location

Im Januar 2025 verkündete „Der Dritte Weg“ in seinem Telegramkanal: „Die nationalrevolutionäre Bewegung kommt in Niedersachsen an!“ Demnach stellte Julian Bender aus dem nordrhein-westfälischen Hilchenbach im gutgefüllten Saal im „Großraum Hannover“ die Parteiarbeit vor, auch ein „Regionalbeauftragter für das Gebiet Weser-Leine“ sei aufgetreten. Es wurde betont, dass „Der Dritte Weg“ nun einen „Anlaufpunkt“ dort hat, „um schon bald eine feste Struktur unserer Partei hervorzubringen“.  

Das ehemalige Hotel „Am Stern“ in Lichtenhorst einem Ortsteil der Gemeinde Steimbke im Landkreis Nienburg scheint ein wichtiger Ort für den geplanten Strukturaufbau der radikalen Neonazi-Partei in Niedersachsen zu sein. Dorthin ist im Frühjahr 2025, etwa zeitgleich mit den Aufbauplänen des „Dritten Weg“, der langjährige Neonazi Malte Bormann gezogen. Bormann gehörte als junger Mann zu den gewaltbereiten NPD-Aktivisten aus Verden an der Aller, die den „Heisenhof“ von Jürgen Rieger bewohnten. Der Hamburger NPD-Chef hatte mit dem Geld aus einer Altnazi-Erbschaft 2004 das Bundeswehrgelände gekauft, um dort„Super-Arier“ zu züchten.

Als „unpolitischer“ Eigentümer in Lokalblatt

Jahrelang fiel Bormann als aggressiver Akteur der NPD in der Region auf. 2016 fand in seinem Garten in Nordkampen nahe Walsrode eine Veranstaltung des Verdener Ortsverbands der zwischenzeitlich aufgelösten Kleinstpartei „Die Rechte“ mit der mittlerweile gestorbenen Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck statt. Bormann trat mit anderen als Ordner auf. Einschlägige Gäste kamen aus mehreren Bundesländern. Fotos zeigen Bormann neben Jan E. Der frühere „Die Rechte“-Aktivist wurde 2025 wegen des Brandanschlags auf das Bremer Kulturzentrum „Friese“ zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Gemeinsam mit E. zeigte sich Bormann auch 2019 beim „Schild & Schwert“-Rechtsrockfestival im sächsischen Ostritz. Der Neu-Lichtenhorster trug ein schwarzes Shirt mit der Aufschrift „National Sozialist“.

Am 14. März 2025 stellte sich der neue Gasthof-Besitzer in der Lokalzeitung „Die Harke“ öffentlich vor. Der politische Hintergrund blieb außen vor. Im Dorf waren viele froh, dass es in dem leerstehenden Haus nicht zum geplanten „Swinger-Club“ gekommen war und nun ein Handwerker einzog. Knapp ein Jahr später versammelten sich im Untergeschoss des weitläufigen Gebäudes Anhänger des „Dritten Weg“ zu einem „Sport- und Gemeinschaftstag im Großraum Hannover“.

Klimmzüge an Baugerüst

Wahrscheinlich nicht das erste Treffen dieser Gruppe in Lichtenhorst. Bei Telegram heißt es , nach der Begrüßung durch den Gastgeber stand „Ganzkörper-Kraftausdauer-Einheit“ auf dem Programm, dabei mussten angeblich „100 Klimmzüge, 300 Liegestütz und 300 Kniebeugen in unter einer Stunde“ absolviert werden. „Alle Teilnehmer, ob jung oder bereits im gehobenen Alter, gingen dabei an ihre körperlichen Leistungsgrenzen und meisterten die sportliche Herausforderung mit eisernem Willen“, so die Selbstdarstellung.

Nach dem Mittagessen sei dann ein intensiver weltanschaulicher Austausch erfolgt, denn als „Nationalrevolutionäre sehen wir es als unabdingbar an, unsere Parteimitglieder zu souveränen Individuen in dieser vom dekadenten Zeitgeist geprägten Gesellschaft zu formen.“ Gegen Abend folgte dann der „anspruchsvolle Orientierungsmarsch“. Abschließend wird vermerkt: „Die von den einzelnen Teilnehmern bei der Durchführung des sportlichen Teils entdeckten Schwächen werden weiter ausgemerzt.“ Fotos zeigen acht Männer bei Klimmzügen an einem Baugerüst. 

Stille Expansion brauner Revolutionäre

Die seit 2013 bundesweit auftretende Neonazi-Partei „Der Dritte Weg“ zeigt unverhohlen eine Nähe zum Nationalsozialismus. Sie pflegt uniformierte Militanz und geschichtsrevisionistisches Brauchtum. Nach außen werden Gehorsam, Disziplin und Nüchternheit der rund 1.000 Mitglieder starken Truppe propagiert. 27 „Stützpunkte“ soll es bundesweit geben. Die wichtigsten Drahtzieher stammen wie Parteichef Matthias Fischer und Karl-Heinz Statzberger aus der 2014 verbotenen Kameradschaftsszene des „Freien Netz Süd“.

Statzberger gehörte wie Martin Wiese zu einer Gruppe terroristischer Neonazis, die 2003 einen Sprengstoffanschlag auf das Jüdische Zentrum München planten. „Der Dritte Weg“ fordert die Wiederherstellung des Deutschen Reiches. Die völkische Kleinstpartei vertritt antikapitalistische Positionen und plädiert für die Schaffung eines „Deutschen Sozialismus“. Entsprechend dem völkischen Weltbild hat Kinder- und Jugendarbeit einen hohen Stellenwert in diesen Reihen.

„Lust auf Gewalt“

Mit der „Nationalrevolutionären Jugend“ (NRJ) mobilisiert die Partei seit 2021 verstärkt männliche Jugendliche mit Lust auf Gewalt“, zitiert „Table.Briefings“ die Berliner Polizei. Dort würden Teile des Verbands regelmäßig durch Ausschreitungen auffallen. Die Aktivitäten reichen von Kampfsport, über Wanderungen bis hin zu politischen Schulungen. Drohungen und Gewalt säumen den Weg dieses als äußerst gefährlich geltenden Kameradschaftsnetzwerks, welches sich nur aus strategischen Gründen als „Partei“ institutionalisiert hat.

Es ist eine Reaktion der Neonazis auf das Aus für das „Freie Netz Süd“, denn ein Parteiverbot gilt als unwahrscheinlicher. Im brandenburgischen Wittstock wurde jüngst ein „Parteibüro“, das sogenannte Herbert-Schweiger-Haus eingeweiht. Schweiger, ehemals Freiwilliger der verbrecherischen Waffen-SS, galt bis zu seinem Tod 2011 als einer der bekanntesten Neonazis Österreichs. Für viele bundesdeutsche gilt der mehrfach wegen NS-Wiederbetägigung inhaftierte Schweiger bis heute als Idol.

Kampf gegen „das System“

Im nordrhein-westfälischen Hilchenbach hat „Der Dritte Weg“ nicht nur ein Parteibüro, sondern der laut Welt „braune Systemsprenger“ Julian Bender sitzt auch im Stadtrat. 237 Personen der 15.000-Einwohner-Stadt wählten ihn mit knapp über drei Prozent. Im März soll Bender bei einer Kundgebung in Berlin gesagt haben: „80 Jahre sind mehr als genug. (..) Die Republik müsse „gegen eine deutsche Zukunft und eine Neuordnung der Verhältnisse eingetauscht werden“. Seine Partei wolle „den Abriss“ vornehmen, „unser Kampf gilt ihrem System“.

„Obwohl `Der III. Weg´ vorgibt, gewaltlos zu sein, lehnt er Gewalt keineswegs grundsätzlich ab: Sie wird lediglich offiziell und für den Moment als strategisch nicht förderlich betrachtet“, warnt die Präventionsstelle „Mobirex“ in ihrer Broschüre „Gefährlicher Irrweg“ zum „III. Weg“. 

Mobilisierungsversuche von Jugendlichen in Niedersachsen

„Mit unserer bundesweiten Kampagne `Unsere Alternative heißt Revolution´ zeigen wir auch in Niedersachsen, dass die Zustände in der BRD nicht in Stein gemeißelt sein müssen und es echte Alternativen zum herrschenden System gibt“, prahlt die Kleinstpartei, die noch kaum Mitglieder in diesem Bundesland hat. Jedoch werden in vielen Orten wie u.a. Hildesheim, Hannover oder Bückeburg aber auch im Mittelweserraum verstärkt Flyeraktionen bekannt. Jugendliche verbreiten in Schulen Propaganda der Partei.

Laut Kriminalstatistik für das Jahr 2025 sind die Straftaten der 14- bis 17-Jährigen auf 3.545 Delikte gestiegen, während sie bei 18- bis 20-Jährigen bei weniger als der Hälfte liegen. Während Pandemie und Lockdown verstanden es rechtsextreme Gruppierungen wie „Der Dritte Weg“, sich per Social Media bei Jugendlichen als relevanter Widerstand bemerkbar zu machen.

Gezielt junge Menschen adressiert

Wissenschaftler*innen wie Daniel Mullis weisen zudem daraufhin, dass Jugendliche mit einer nach rechts verschobenen politischen Kultur aufwachsen. Die AfD bestimmt innerhalb und außerhalb der Parlamente Diskurse. Während Rechtsextreme immer selbstbewusster in die Öffentlichkeit drängen, mangelt es den anderen Parteien an mutiger Positionierung. Das bemerken insbesondere junge Menschen. Braune Rattenfänger zeigen Interesse an ihnen, gaukeln eine ernstgemeinte Partizipation vor.

Bei sogenannten „Jugendoffensiven“ verteilen jugendliche Anhänger*innen der „Nationalrevolutionären Jugend“ Werbematerial, doch dabei bleibt es nicht. Die „Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus“ in Verden warnt: „Vor dem Hintergrund gewachsener Netzwerke in der Region, der aktivistischen Mobilisierung in den letzten Jahren, die sich gezielt an junge Menschen gerichtet hat sowie ersten Polizeimaßnahmen in diesen Zusammenhängen müssen diese Entwicklungen ernst genommen werden. Die Mobile Beratung ist niedersachsenweit ansprechbar für Kommunen, Betroffene und demokratisch Engagierte, die sich zu Handlungsoptionen austauschen wollen."

Zerstörte Kreuze gegen die Neonazis

Dass die Aktivitäten des Dritten Weg in Lichtenhorst nicht unbemerkt stattfinden konnten, ist der Wachsamkeit zivilgesellschaftlicher Akteur*innen zu verdanken. Engagierte Menschen vom „Runden Tisch Steimbke“ haben vor wenigen Tagen gelb-pinkfarbene „Kreuze ohne Haken – für Vielfalt“ in Lichtenhorst neben einem Gedenkstein zur Gründung des Dorfes und ein historischen Torflore aufgestellt.

In der Nacht wurde das Kreuz samt Pfosten von Unbekannten entfernt. In den benachbarten Orten Wenden, Stöckse und Rodewald wurden die Symbole gegen NS-Ideologie  mit schwarzer Farbe überschmiert. „Ein fatales Zeichen“ (taz) sind dahingehend die Pläne des Bundesfamilienministeriums, das Programm „Demokratie leben“ umzubauen und 200 Demokratie-Projekten die finanziellen Mittel zu streichen. Damit werden ausgerechnet jene Strukturen geschwächt, die als zivilgesellschaftliches Frühwarnsystem die Demokratie schützen wollen.

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