Rechtsextreme Parteien – eine mögliche Heimat für Frauen?

Rechtsextreme Parteien werden nach wie vor deutlich weniger von Frauen als von Männern gewählt.

Donnerstag, 06. Mai 2004
Armin Pfahl-Traughber
Betrachtet man die Wählerbasis rechtsextremistischer Parteien, so fällt auf, dass Männer über- und Frauen unterrepräsentiert sind. Diese Besonderheit lässt sich nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch in den anderen europäischen Ländern feststellen. Gleichzeitig veranschaulichen empirische Umfragen zu rechtsextremistischen Einstellungen, dass Männer nur leicht stärker als Frauen zu derartigen politischen Auffassungen neigen. Wie lässt sich bei Frauen der Gegensatz von Einstellung und Verhalten erklären? Welche Bedeutung und welche Inhalte haben frauenpolitische Themen in rechtsextremistischen Parteien? Wie versuchen diese, ihre mangelnde Unterstützung im weiblichen Teil der Wahlbevölkerung zu überwinden? Derartigen Fragen stellen sich die Autorinnen des von den beiden österreichischen Sozialwissenschaftlerinnen Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr herausgegebenen Sammelbandes "Rechtsextreme Parteien – eine mögliche Heimat für Frauen?"Beibehaltung und Aufwertung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung "Junge Freiheit" (JF), 17. Jg., Nr. 26-29/2002:Nach Ausführungen zur Begriffsdiskussion und Erklärungsmodellen enthält der Band fünf Fallstudien zu rechtsextremistischen Parteien in Europa. Nonna Mayer und Mariette Sineau analysieren den Front National in Frankreich, Sandra Riccio beschäftigt sich mit der Alleanza Nazionale in Italien, Oga Gyarfasova geht auf die Slowenische Nationalpartei in der Slowakei ein, Hanna Havelkova untersucht die Republikanische Partei in Tschechien, und Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr widmen sich der Freiheitlichen Partei in Österreich. Dabei wird jeweils ein kurzes Portrait der entsprechenden Partei gezeichnet, nach dem Frauen- und Familienbild in Parteiprogrammen und Parteipresse gefragt, die Repräsentanz von Frauen in den Strukturen untersucht sowie die Einstellungen und das Wahlverhalten von Frauen erörtert. Zum Schluss des Sammelbandes nehmen die Herausgeberinnen einen systematischen Vergleich der Parteien vor und formulieren Konsequenzen für die (Frauen-)Politik. "Junge Freiheit" (JF), 17. Jg., Nr. 26-29/2002:Folgende Ergebnisse lassen sich nach Amesberger und Halbmayr zusammenfassen: Für alle Parteien gelte, dass sie nach wie vor deutlich weniger von Frauen als von Männern gewählt würden, wenngleich es teilweise zu beträchtlichen Annäherungen käme (so bei der Alleanza Nazionale in Italien). Alle Parteien offerierten geschlechtsspezifische Rollenbilder, trotz einiger eventuell vorgenommener Modernisierungen blieben sie im Prinzip der biologistischen Argumentation verhaftet. Frauenpolitik komme als eigenständiger Politikbereich in den Programmen und Publikationen nicht vor. Über Frauen werde nur als Ehefrauen oder Mütter gesprochen. Als Wählerinnen wollte man sie nicht mittels eines emanzipatorischen Gesellschaftskonzepts, sondern mit der Beibehaltung und Aufwertung der traditionellen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung gewinnen. Nicht erklärt werden könne jedoch die Diskrepanz zwischen Einstellungs- und Verhaltensebene. Darin liege jedoch noch ein erhebliches Potenzial für rechtsextremistische Parteien. "Junge Freiheit" (JF), 17. Jg., Nr. 26-29/2002:Bei den Fallstudien handelt es sich um gut recherchierte und systematisch gestaltete Analysen zum Zusammenhang von Frauenpolitik und Rechtsextremismus, wobei man auch wichtige Informationen über ansonsten in der deutschen Diskussion kaum beachtete Parteien erhält. Die zwar nicht immer konsequent eingehaltene, aber doch bestehende gemeinsame Struktur der einzelnen Beiträge gestattet auch einen systematischen Vergleich. Obwohl dieser eher knapp ausfällt, liegt darin neben der Informationsfülle zu den einzelnen Parteien der besondere Wert des Bandes. Häufig finden sich in Sammelbänden mit länderübergreifender Perspektive nur einzelne Beiträge zu den jeweiligen Ländern, aber keine wirklich systematisch vergleichende Betrachtung. Dies ist Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr bezogen auf die Untersuchungsmerkmale gut gelungen. Leider diskutieren die Herausgeberinnen nicht näher die Diskrepanz von Einstellungen und Wahlverhalten bei Frauen. Bilanzierend betrachtet handelt es sich bei dem Sammelband jedoch um ein wichtiges Werk zur Forschung über das Verhältnis von Frauen und Rechtsextremismus.
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