von Tim Schulz
   

Rechtsextreme "Entwicklungshelfer" - Wenn eine IB-„Kampagne“ floppt

Die Identitären drängen sich immer wieder mit wohl-inszenierten Aktionen in die Schlagzeilen. Nachdem sie bereits als selbsternannte „Grenzschützer“ durch das Mittelmeer irrten, wollen einige der rechtsextremen Aktivisten nun ein humanitäres Hilfsprojekt im Libanon gegründet haben. Die skurrile Idee scheint allerdings kaum zu verfangen. Am Beispiel der „Alternative Help Association“ zeigt sich, wie sehr Erfolg oder Misserfolg des identitären Marketings von den Medien und sozialen Netzwerken abhängt.

Foto: Screenshot

Lachende Kinder beim Ballspiel, zwei junge, europäische Männer vertieft im Gespräch mit Einheimischen, im Hintergrund eine Berglandschaft im Libanon – das Werbevideo der „Alternative Help Association“ (AHA) könnte jeder beliebigen NGO entsprungen sein. Hinter der Kampagne stehen mit Sven Engeser und Nils Altmieks allerdings Führungskader der Identitären Bewegung.

Humanitäre Hilfe im Dienste des Rassismus?

Auf der Website des „ersten patriotischen Hilfsprojekts“ setzt sich dies fort: Neben finanzieller Direkthilfe kündigen die rechtsextremen Aktivisten auch Patenschaftsprogramme für notleidende Familien und die Finanzierung von Schulen an. Sogar eigene Sympathisanten wolle man als Aufbauhelfer in die Krisengebiete schicken. Im Gegensatz zu den großen Hilfsorganisationen und den westlichen Regierungen gehe es der „alternativen Hilfe“ allerdings darum zu verhindern, dass Menschen ihre Heimat Richtung Europa verlassen. Logisch, schließlich propagieren die Identitären unentwegt ein völkisches, „ethnopluralistisches“ Weltbild. Wie viel die Rechtsextremen vor Ort aber wirklich leisten, ist ungewiss. Lokalen Hilfsorganisationen sind entgegen der vollmundigen Versprechungen keine Aktivitäten der Gruppierung vor Ort bekannt.

Verbirgt sich hinter AHA also nur eine weitere neurechte Marketingkampagne? Angesichts der Medienstrategie der Identitären erscheint dies durchaus plausibel. Den Aktivisten geht es in erster Linie darum, wirkungsmächtige Bilder zu produzieren, wie aus geleakten Strategiepapieren hervorgeht. Die eigentliche Aktion sei nachrangig, solange sie richtig inszeniert wird. So werden aus ein paar rechtsextremen Aktivisten vor dem Eingang des Justizministeriums eine „Besetzung“, aus einer ergebnislosen Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer eine „Anti-NGO-Flotte“ und aus einer Website mit Imagefilm eine ganze „Hilfsorganisation“.

Keine Schlagzeilen, Kein Hype

Bisher verlief die Selbstinszenierung der Entwicklungshelfer von rechts allerdings wenig erfolgreich. In den sozialen Netzwerken stieß die Initiative kaum auf Interesse. Nur wenige hundert Likes verzeichnet AHA auf Facebook – verschwindend wenig im Vergleich zu anderen Accounts der Identitären. Auf anderen Plattformen ergibt sich ein ähnliches Bild. Wirklich zünden will die Idee in den rechten Milieus scheinbar nicht. So ernteten die Macher der „alternativen Hilfe“ mitunter Kritik aus den eigenen Reihen, werden ironischerweise als „naive Gutmenschen“ bezeichnet, die sich lieber für Bedürftige hierzulande einsetzen sollen. Die massiven Löschungen mit denen die Onlineaktivisten momentan auf beliebten Social-Media-Plattformen zu kämpfen haben, dürften da ihr Übriges getan haben. Eine breite Öffentlichkeit konnten die rechtsextremen „Philanthropen“ nicht herstellen.

Währenddessen läuft auch die Berichterstattung auf Minimalniveau. Deutsche Leitmedien griffen das Thema nur vereinzelt und weitestgehend kritisch auf. Eine Bühne wie noch im letzten Jahr mit der Mission „Defend Europe“ bot sich den Identitären diesmal nicht. Ein Hype blieb, zum Unmut der Köpfe hinter der „Kampagne“, aus. Die verlautbarten jüngst auf Twitter, das „patriotische Hilfsprojekt“ würde in Deutschland „totgeschwiegen“ werden. Die Verärgerung der Verantwortlichen vermag kaum zu überraschen, schließlich sind sie trotz aller Medienschelte abhängig von den Schlagzeilen der großen Blätter.

Spendenleitung nach Österreich?

Ob die Spendengelder tatsächlich ihren Weg in den Nahen Osten finden, bleibt derweil offen. Dass die Verantwortlichen die strenge organisatorische Trennung zwischen Identitärer Bewegung und der „Alternative Help Association“ betonen, mag nicht zuletzt an den aktuellen Problemen der Identitären mit der österreichischen Justiz liegen. Nach mehreren Hausdurchsuchungen erhob die Staatsanwaltschaft Graz vor wenigen Wochen Anklage gegen mehr als ein Dutzend Führungskader der Identitären, darunter auch Martin Sellner.

Zuvor hatten mehrere Banken die Konten der rechtsextremen Aktivisten gesperrt. Dass AHA der Spendenakquise für die gescholtenen, österreichischen „Kameraden“ dienen könnte, ist daher nicht auszuschließen. Die oberflächliche Distanzierung und der mangelnde Bekanntheitsgrad dürfte die Organisation vorerst vor Konsequenzen schützen.

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