von Tim Schulz
   

Rechte Esoteriker: Anastasia in Ostsachsen

Die sogenannte Anastasia-Bewegung wirkt auf den ersten Blick harmlos. Gerade im ländlichen Raum finden die Öko-Aussteiger immer mehr Anschluss, machen sich mit ehrenamtlichen Engagement in abgehängten Dorfgemeinden beliebt. Hinter der grünen Fassade aus New-Age-Esoterik und Biolandbau verstecken sich aber auch Antisemitismus, Rassenglaube und Verschwörungstheorien. Die völkische Sekte ist auch in Sachsen aktiv.

Anastasia-Propagandist Frank Willy Ludwig in einem seiner Youtube-Videos, Foto: Screenshot

Es sind harmonische Szenen, die sich in Grabow abspielen. Frauen in alten Trachten, Männer in Zimmermannskluft bei der Landarbeit. „Goldenes Grabow“ lautet der verheißungsvolle Name der skurril anmutenden Gemeinschaft. Sitzkreise, Gesangsabende, Volkstanz – für viele mag das zwar befremdlich und irgendwie aus der Zeit gefallen wirken, eine Bedrohung für die Demokratie würde man hinter der grünen Aussteiger-Fassade allerdings nicht vermuten. Aber die Siedler sind keine Hippies oder Reenactment-Truppe: Die Bildern einer aktuellen RBB-Dokumentation zeigen Anhänger der sogenannten Anastasia-Bewegung, einer sektenartigen Gruppierung mit völkischem Weltbild.

Aber woher kommt die skurrile Gruppierung? Ihren Ursprung hat die „Bewegung“ in Russland. Anastasia – das ist eigentlich eine fiktive Figur aus der esoterischen Romanreihe „Die klingenden Zedern Russlands“. Ein blonde, weiße Frau, die zurückgezogen und im Einklang mit der Natur in der sibirischen Taiga lebt. Eine Mischung aus allmächtigem Waldgeist und völkischer Reinheitsfigur – für Autor Wladimir Pusakow ist sie ein Sprachrohr, um seine esoterischen Theorien zu verbreiten.

Radikale Ideologie hinter spiritueller Fassade

Und das mit Erfolg: Mittlerweile umfasst die Anastasia-Reihe zehn Titel mit einer Auflage in Millionenhöhe, übersetzt in mehrere Sprachen – insgesamt über 2.000 Seiten auf denen Pusakow seinen Anhängern, die skurril anmutende Mischung aus Esoterik-Theorien ausbreitet. Okkulte Überlieferungen, parawissenschaftliche Ausführungen über Auren, Wiedergeburt und Ufologie wechseln sich in seinen Büchern ab mit Bezügen zu Naturreligionen und dem christlichem Fundamentalismus. Hinter der Fassade aus New-Age-Spiritualität und Naturverbundenheit verbergen sich aber auch Reichsbürger-Ideologie, Rassenlehre und offene Judenfeindlichkeit. Mitglieder der Sekte seien „offen für alle Thesen von Hohlerde, Flacherde über Chemtrails, Reptiloide bis hin zu klassischen antisemitischen Verschwörungstheorien wie Holocaustleugnung, jüdische Weltverschwörung“, so Raimond Lüppken, Journalist und Kenner der rechtsesoterischen Szene.

Willkommene Gäste

Über ein Dutzend Anastasia-Gruppen mit gut 800 Mitgliedern existieren mittlerweile in Deutschland. Die Gruppen sind über das ganze Bundesgebiet verteilt. Anastasia-Sympathisanten zieht es allerdings vermehrt in ländliche Gegenden, die mit Bevölkerungsschwund zu kämpfen haben – so wie das brandenburgische Grabow. Vielerorts werden die Sekten-Ableger deshalb anscheinend geduldet und in manchen Ortschaften sogar willkommen geheißen. Frischen Wind würden die harmlos wirkenden Esoteriker in die verstaubten Dörfer bringen, sich engagieren und leerstehende Gebäude sanieren. Für die Lokalpolitik in den abgehängten Regionen auf den ersten Blick ein Glücksfall, entsprechend schauen Bürgermeister und Ortsvorsteher anscheinend oft großzügig weg, wenn es um die rechtsextreme Ideologie der völkischen Siedler geht.

Das es sie aufs Land zieht, hat aber noch einen anderen Grund: Außerhalb der Städte wollen die Siedler sogenannte „Familienlandsitze“ gründen: Die Anhänger der sektenartigen Gruppierung wollen kleine Selbstversorger-Höfe aufbauen, sich unabhängig machen vom „System“. Aus den einzelnen Landsitzen sollen so nach und nach ganze Siedlungen entstehen - eigene, „reine“ Gemeinschaften. Ein Konzept, dass auch andere rechtsextreme Siedlergruppen in Deutschland seit geraumer Zeit verfolgen.

Dringt Anastasia nach Sachsen vor?

Auch in Sachsen wird die Szene zunehmend aktiv. In Bautzen etwa vernetzen sich Anhänger der evangelikalen Sekte „Organische Christus Generation“ (OCG) mit dem Reichsbürger-Milieu. Das Umfeld der AfD, Identitäre und Teile der Stadtgesellschaft soll sich gegenüber den Rechtsesoterikern in der Vergangenheit offen gezeigt haben. Das zieht auch Anastasia-Leute an: Im März trat Frank Willy Ludwig in einem Yoga-Studio in der ostsächsischen Stadt auf.

Der Rassenideologe und Verschwörungstheoretiker gilt als einer der prominentesten Vertreter der Gruppierung im deutschsprachigen Raum. Seine konspirativ organisierten Vorträge sind wirre Darbietungen über germanische Götter, außerirdisches Leben und: Rassenkunde. Immer wieder ist die Rede vom „slawisch-arischen Wissen“, von der vermeintlich kosmischen Herkunft der „weißen Rasse“. Ludwig selber zeigt sich inspiriert von der „Ahnenforschung“ der SS, seine Veröffentlichungen schmücken unzählige Hakenkreuze. Und er ist bestens vernetzt in der rechten Verschwörungsszene: Regelmäßig zeigt er sich in seinen Videos im Gespräch mit dem schweizerischen Antisemiten Heinz-Christian Tobler oder trat in der Vergangenheit bei Veranstaltungen von Reichsbürger Meinolf Schönborn auf.

Und das ist nicht die einzige Regung des Anastasia-Umfelds im Freistaat: Laut dem Newsletter eines OCG-Anhängers aus Bautzen bestünden seit Anfang 2018 Pläne zur Gründung einer sogenannten Schetinin-Schule im ostsächsischen Görlitz. Das Konzept und die verwandten LAIS-Schulen sind eng mit der Anastasia-Philosophie verbunden. Experten gelten sie als „sektiererisch“. Ebenso wie bei den Siedlungsprojekten sollen auch in den Anastasia-Schulen völkische und antisemitische Vorstellungen eine zentrale Rolle spielen. Eine LAIS-Aktivistin aus Deutschland etwa gehört, Recherchen der Wieder Zeitung zufolge, zur Bundesführung der neonazistischen Jugendorganisation „Sturmvogel“.

Inwiefern das Projekt in Görlitz tatsächlich den Ideen Schetinins verschrieben ist, ist fraglich. Dass rechte Esoteriker aber alternative Schulmodelle oftmals als Sprungbrett in bürgerliche Kreise nutzen, ist keine neue Entwicklung. In Österreich sollen bereits mehrere LAIS-Projekte bestehen. In der Reichsbürger-Szene erfreuen sie sich großer Beliebtheit, aber auch unter alternativen und nicht-extremistischen Esoterikern gewinnen sie anscheinend Freunde.

Und auch Ludwig mischt weiter in der sächsischen Esoterik-Szene mit: Für den Juli hat der völkische Prediger zwei weitere Voträge im Freistaat angekündigt. In Chemnitz und Dresden will Ludwig sein "Urahnenerbe" vorstellen.

Verfassungsschutz: Keine Kentnisse

Die Behörden geben sich derweil unbedarft. Auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Martina Renner antwortete das Bundesamt für Verfassungsschutz Anfang Februar, es lägen keine Kenntnisse zur "Anastasia-Bewegung" in Deutschland vor. Ähnlich sieht es bei diversen Landesämtern aus: Sowohl der brandenburgische, der sachsen-anhaltische als auch der bayrische Verfassungsschutz konnten ähnliche Anfragen kaum beantworten.

Oder wollten sie nicht? Die Linken-Abgeordnete Andrea Johlige aus Brandenburg kritisierte die Sicherheitsbehörde zuletzt. Der Grund: Nur wenige Tage, nachdem die Abgeordnete ihre Anfrage praktisch ohne Antwort zurück erhielt, erschien der oben genannte Beitrag des RBB – mit einer Einschätzung des Verfassungsschutzes. Während der Dienst gegenüber der Abgeordneten angab, die "Anastasia-Bewegung" sei kein Beobachtungsobjekt, erläuterte man den Journalisten, dass die Gruppierung im Blick der Behörde sei und eine „mögliche Rutschbahn in den Rechtsextremismus“ darstelle.

Keine Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen