Razzia gegen militante Neonazi-Gang

In Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen und Brandenburg hat die Staatsanwaltschaft Flensburg Wohnungsdurchsuchungen gegen Mitglieder des selbst ernannten rechtsextremen Personenzusammenschlusses „Aryan Circle Germany“ veranlasst.

Dienstag, 03. März 2020
Horst Freires

Als Kopf der Gruppierung gilt Bernd T. (45), der den deutschen Ableger der eigentlich US-amerikanischen Vereinigung im Sommer des Vorjahres in Bad Segeberg ausgerufen hatte. Es gibt allerdings erhebliche Zweifel, ob dies in Ab- und Rücksprache mit der US-Organisation geschehen ist.

Laut Staatsanwaltschaft Flensburg gibt es in dem Ermittlungsverfahren derzeit zwölf Beschuldigte im Alter von 19 bis 57 Jahren, aber womöglich weit mehr Mitglieder im Umfeld des rassistischen „Aryan Circle“ (AC). Mit gemeinsamen Emblemen haben sich die Anhänger auch optisch zu erkennen gegeben. Die Polizei hat bei ihrer Aktion nach eigenen Angaben unter das Waffengesetz fallende Gegenstände, Betäubungsmittel und Speichermedien beschlagnahmt. Die Auswertung letzterer wird nun einige Zeit in Anspruch nehmen.

Kriminelle Vereinigung?

Zielgerichtet soll dahingehend ermittelt werden, ob die Beschuldigten um T. eine kriminelle Vereinigung gebildet haben, um fremdenfeindlich motivierte Körperverletzungen und Sachbeschädigungen sowie Straftaten nach dem Waffenbesetz zu begehen. Zu Festnahmen ist es bei den Razzien in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen und Brandenburg nicht gekommen.

Zusammenkünfte mit T. zeigten im Vorjahr neonazistische Aktivisten vornehmlich aus dem Kreis Segeberg. Aber auch Aktivitäten in Hamburg, Lübeck, Bad Oldesloe und Neumünster wurden beobachtet. Innerhalb des ACs sind Aktivisten der extrem rechten Gruppe „Nordic Division“ aufgegangen, die wiederum als neu auftauchende Untergruppe „Nationalsozialisten Bad Segeberg“ (NSBS) in der Öffentlichkeit wahrzunehmen waren. Als treibende Kraft entpuppte sich dabei Marcel S.

Persönliche Bedrohungen von Menschen

Was T. mit internen Chat- und Forumsgruppen virtuell im Netz als aufstrebende Organisation darstellte, untermauerte er höchstpersönlich durch öffentliche Auftritte in Form von Rekrutierungsversuchen an Schulen und durch persönliche Bedrohungen etwa von Menschen, die in der Segeberger „Fridays for Future“-Bewegung aktiv sind.

Die enorme Gewaltbereitschaft innerhalb des „Aryan Circles“ hatte sich im vergangenen Oktober gezeigt, als engagierte Bewohner in der Gemeinde Sülfeld (Kreis Segeberg) verbreitete AC-Aufkleber entfernen wollten und dabei von zwei Aktivisten angegriffen wurden. Außerdem bezog ein Hamburger Neonazi im November in Bad Segeberg nach internen Streitigkeiten Prügel von AC-Anhängern, sodass das Opfer der Schläge ins Krankenhaus musste.

Diverse Haftstrafen wegen Gewalttaten

Der mutmaßliche Rädelsführer Bernd T. hat eine lange braune Karriere aufzuweisen. In seiner Geburtsstadt Bad Segeberg hatte er als 19-Jähriger mit einem Mittäter einen Obdachlosen zu Tode geprügelt, wofür er eine Jugendstrafe in Neumünster verbüßte. In der Folge scharte er Gleichgesinnte in der „Kameradschaft Nordmark“ um sich. Im Februar 2000 entdeckte die Polizei ein Waffenarsenal bei ihm. Anschließend siedelte T. nach Hessen um. Bei einer Hausdurchsuchung dort im Jahr 2002 wurden seine Kampfhunde von der Polizei erschossen.

In der neuen Umgebung von Kassel baute T. den „Sturm 18 e.V.“ auf, der 2015 verboten wurde. Da er zwischendurch immer wieder durch unterschiedliche Gewalttaten auffiel, saß der Neonazi diverse Haftstrafen ab. Im Juni 2019 gerade erst wieder aus dem Gefängnis entlassen, zog es ihn dann zurück nach Bad Segeberg, wo er sich sofort wieder der rechtsextremen Agitation widmete.

Hat mutmaßlicher Lübcke-Mörder bei „Sturm 18“ mitgemischt?

„Aryan Circle“ ist eine rechtsextreme Knastorganisation aus den USA. Sie wurde in den 80er Jahren in Texas gegründet und hat US-weit Anhänger. Die rassistische Gruppierung ist vor allem innerhalb von Gefängnissen aktiv. Bereits 2012 gründete T. in der JVA Hünfeld die extrem rechte Knastgruppe „Aryan Division Jail Crew“. Die Strafverfolgungsbehörden gehen seit einigen Monaten dem Hinweis nach, inwieweit es eine mögliche Verbindung zwischen Bernd T. und Stephan Ernst gegeben hat, dem mutmaßlichen Mörder von Kassels ehemaligen Regierungspräsidenten Walter Lübcke, denn auch Ernst soll bei „Sturm 18“ mitgemischt haben.

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