von Thomas Witzgall
   

Razzia entlarvt Neonazi-„Intensivtäter“

Die schwäbische Polizei veröffentlichte am Dienstag die Ergebnisse einer Razzia gegen einen der größten rechtsextremen Versandhändler Deutschlands, der von Memmingen aus mit dem Geschäft einen Großteil seines Lebensunterhalts bestritt. Über 900 Straftaten wurden ihm zur Last gelegt, gegen 13 weitere Personen wird ermittelt. Rund 280 Kunden wurden von der Polizei vorgeladen.

Durch die Polizei sichergestellte Gegenstände (Foto: Polizeipräsidium Schwaben Süd/West -Pressestelle)

Am 13. Mai dieses Jahres rückte die bayerische Polizei aus, um acht Wohn- und Geschäftsräume im bayerischen Regionalbezirk Schwaben und in Baden-Württemberg zu durchsuchen. Darunter befand sich laut Polizeiangaben ein Tonstudio in Laupheim, Landkreis Biberach, sowie zwei Internetdienstleister, über welche die Geschäfte abgewickelt wurden. Die Maßnahme richtete sich gegen einen 31-jährigen Rechtsextremisten, der zudem eine Führungsrolle bei der im Allgäuer Raum aktiven Skinheadgruppierung „Voice of Anger“ innehaben soll. Bei dieser Razzia wurden von rund 2.100 verschiedenen Tonträgern insgesamt über 23.500 Exemplare sichergestellt.

Zur Last gelegt werden dem neonazistischen Jungunternehmer 907 Vergehen, die sich auf folgende Straftatbestände verteilen:

  • Volksverhetzung
  • Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen
  • verfassungsfeindlichen Verunglimpfung von Verfassungsorganen
  • Straftaten der Gewaltdarstellung
  • Verstößen nach dem Jugendschutzgesetz
  • dem öffentlichen Auffordern zu Straftaten
  • Beschimpfung von Religionsgesellschaften

Die Polizei warf einen genaueren Blick auf den Händler, nachdem über das Kontaktformular der Behörden ein Hinweis erfolgt war, dort könnte man einen Pullover mit dem SS-Totenkopf käuflich erwerben.

Im Zuge der Ermittlungen wurden über 280 Kunden des Handels polizeilich vorgeladen, hieß es weiter aus dem zuständigen Präsidium. Gegen 13 weitere Personen seien Ermittlungen eingeleitet worden.

Ermittlungsakten und ein Teil der sichergestellten Tonträger (Foto: Polizeipräsidium Schwaben Süd/West -Pressestelle)

Die Beschreibungen könnten mutmaßlich auf „Old School Records“, die über ein Postfach in Memmingen zu erreichen sind, passen. Der Blog zur Seite bewirbt auch die „OSR Tonstudio“ mit Hinweis auf einen 30 Quadratmeter großen Aufnahmeraum und einer beabsichtigten „Talentförderung“.

Obwohl der Versandhandel als einer der größten bundesweit gilt, versuchte sich der mutmaßliche Beschuldigte Benjamin S. in einem bürgerlichen Geschäftsfeld. Auf seinen Namen läuft auch eine Werbetechnik-Firma, die lokalen Szenebeobachtern zufolge Textilien von Vereinen und Abiklassen bedrucken soll.

Aktive Neonazis

„Voice of Anger“ ist nach Informationen der bayerischen Sicherheitsbehörden eine der subkulturellen Skinheadszene nahestehende Kameradschaft mit knapp 100 Mitgliedern. Der Mittelpunkt der Aktionen liege im Raum Memmingen. Die Kameradschaft fällt vor allem durch Aktivitäten im vorpolitischen Raum auf, durch Konzertbesuche und gemeinsame Freizeitgestaltung, so der bayerische Verfassungsschutz. Im vergangenen Herbst veranstaltete die Gruppe laut Behörden ein „braunes Oktoberfest“, zudem würden häufiger „Heldengedanken“ abgehalten. Auch an der Buchvorstellung des früheren NPD-Bundesvorsitzenden Udo Voigt in Augsburg nahm mindestens ein Anhänger teil, der sich mit seinem Outfit zu „Voice of Anger“ bekannte. Aus den Reihen der Neonazi-Gruppierung soll außerdem die Band „Codex frei“ hervorgegangen sein. Zu einem der größten Rechtsrock-Konzerte des Jahres, veranstaltet im 380-Seelen-Dorf Nienhagen in Sachsen-Anhalt, reisten laut Bayerischem Rundfunk Angehörige der Kameradschaft an.

Damals standen auch „Faustrecht“, eine der ältesten und bekanntesten Bands der rechten Szene, auf der Bühne. Sie galt als eine Art Hausband der verbotenen Gruppierung Skinheads Allgäu. Teile der Musikgruppe werden dem verbotenen Netzwerk „Blood and Honour“ zugerechnet. Ihre CDs können bei Old School Records erworben werden, zu finden in der Kategorie „Eigenproduktionen“.

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