Neonazi-Kameradschaft

Razzia bei „Voice of Anger“

Der Staatsschutz hat Räumlichkeiten von Anhängern der Allgäuer Skinhead-Kameradschaft „Voice of Anger“ in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, sowie das Clubhaus der größten derartigen Gruppierung im Süden Deutschlands durchsuchen lassen.

Montag, 28. März 2022
Sebastian Lipp
Bei gleich mehreren Anhängern der Neonazi-Kameradschaft kam es zu Hausdurchsuchungen.
Bei gleich mehreren Anhängern der Neonazi-Kameradschaft kam es zu Hausdurchsuchungen.

Ermittler*innen der Staatsschutzabteilung der Polizei in Memmingen durchsuchten vergangene Woche mehrere Objekte von Anhängern der Neonazi-Kameradschaft „Voice of Anger“ in den bayerisch-schwäbischen Landkreisen Unterallgäu, Günzburg und Memmingen sowie in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Zu den Razzien kam es bereits am Mittwoch, die Polizei teilte dies jedoch erst am Freitag mit. Sieben Anhängern der größten Skinhead-Gruppierung im Süden Deutschlands im Alter von 28 bis 46 Jahren wirft die Polizei die Verbreitung rechtsradikalen Gedankenguts in einer Gruppe eines Messenger-Dienstes vor.

Die Propagandadelikte entdeckten die Beamt*innen im Rahmen der Auswertung eines Mobiltelefons, das in einem anderweitigen Verfahren sichergestellt worden war. Bei der jetzigen Razzia fanden die Ermittler*innen weitere Mobiltelefone, digitale Datenträger, geringe Mengen Betäubungsmittel sowie ein verbotenes Messer. Zudem sei einer der Beschuldigten im Besitz eines gefälschten Impfpasses und eines Blankodokuments gewesen, welche die Polizei ebenfalls sicherstellte.

Neonazi-Skins dürfen 20-jähriges Jubiläum feiern

Ziel der Razzia war unter anderem auch das Clubhaus von „Voice of Anger“ in einer Kleingartenanlage Buxach-Hart bei Memmingen sowie die privaten Räume des Bauunternehmers Boris G., der dieses vor einigen Jahren für die Gruppe erwarb. Weitere vier Tatverdächtige traf es in der Region, sowie je einen in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Damit bestätigen die Behörden implizit die Expansion von „Voice of Anger“ nach Westfalen, über die ENDSTATION RECHTS. bereits im Oktober vergangenen Jahres berichtete.

Das Clubhaus von "Voice of Anger", Foto: Sebastian Lipp
Das Clubhaus von "Voice of Anger", Foto: Sebastian Lipp

„Voice of Anger“ ist die größte noch aktive neonazistische Skinhead-Kameradschaft im Süden von Deutschland und bis zur Expansion hauptsächlich im Allgäu aktiv. Im Vorpandemiejahr machten sie das Allgäu als Konzertveranstalter zum bayerischen Hotspot dieser Events, als rund die Hälfte aller bayerischen Konzerte von ihnen ausgerichtet wurde. Dieses Jahr dürfen die Neonazis ihr 20-jähriges Jubiläum feiern. In dieser Zeit ist es „Voice of Anger“ gelungen, sich weitgehend unbehelligt von staatlicher Repression und öffentlicher Aufmerksamkeit zu professionalisieren und ihre Vernetzung in die internationale militante Szene auszubauen. Ihre Wurzeln liegen in der gewalttätigen Skinhead-Szene und teilweise verbotenen Strukturen der 90er Jahre.

Doch obwohl sich das Extremismus- und Terrorismusabwehrzentrum des Bundes (GETZ) in den vergangenen Jahren mehrfach mit „Voice of Anger“ beschäftigte, liegen den Behörden an entscheidenden Stellen kaum Informationen über die Allgäuer Neonazi-Kameradschaft vor. Seit Jahren berichten Antifaschist*innen und Fachjournalist*innen über beste internationale Verbindungen von „Voice of Anger“ in das militante und terroristische Milieu von Blood&Honour, Combat 18 und den Hammerskins. Aber: „Der Bundesregierung liegen hierzu keine Erkenntnisse vor“, schreibt diese 2018 in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP (Drs. 19/4188).

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