Razzia bei NRW-Neonazis

Dresden/Köln/Düren/Erftstadt – Im Rahmen von Ermittlungen wegen eines Angriffs auf ein linkes Wohnprojekt in Dresden haben Polizei und Justiz Hausdurchsuchungen bei sechs Neonazis im Rheinland durchgeführt, darunter bei zwei Führungskadern der Szene.

Donnerstag, 13. Oktober 2011
Michael Klarmann

Am 19. Februar war es in Dresden während der Aufmärsche von Neonazis zum Jahrestag der Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg zu Ausschreitungen von Linken und Neonazis gekommen. Angesichts antifaschistischer Blockaden waren auch mehrere Hundert Neonazis von Freital aus in einem spontanen Aufmarsch in Richtung Dresdener Innenstadt gezogen. Teile der Neonazis hatten dabei im Stadtteil Löbtau das linke Wohn- und Kulturprojekt „Praxis“ attackiert. Dabei waren Türen und Fenster eingeschlagen sowie das Haus mit Steinen beworfen worden.

Im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft Dresden hat deswegen am Donnerstag das Landeskriminalamt Sachsen sechs Wohnungen im Großraum Köln und Aachen durchsucht. Nach Recherchen von bnr.de fanden Hausdurchsuchungen auch bei Paul B. in Köln, einem der Köpfe des „Freien Netzes Köln“ und des aufgelösten „Kampfbunds Deutscher Sozialisten“ (KDS), sowie Ingo Haller in Niederzier (Kreis Düren) statt. Haller ist der Organisator der fremdenfeindlichen Aufmärsche in Stolberg (Städteregion Aachen), die sich gegen „Ausländerkriminalität“ richten. Bis Mitte 2010 fungierte Haller als Beisitzer im NRW-Landesvorstand der NPD, war stellvertretender Landesorganisationsleiter und Vorsitzender des NPD-Kreisverbandes Düren.

Überdies wurden vier weitere Wohnungen durchsucht, unter anderem in Erftstadt bei Sebastian Z., einem Fotografen der „Anti-Antifa“ im Rheinland. Insgesamt richten sich die Ermittlungen gegen sechs Beschuldigte im Alter zwischen 23 und 40 Jahren. Alle werden verdächtigt, bei dem Angriff beteiligt gewesen zu sein. Laut Ermittler entstand durch den Angriff auf die „Praxis“ ein erheblicher Sachschaden. Auf einem später im Internet von Anwohnern veröffentlichtes Video von dem Angriff waren auch Z. und B. als Steinewerfer zu identifizieren gewesen. B. war unter anderem wegen eines Angriffs auf einen Nazigegner von 2006 bis 2008 schon inhaftiert gewesen.

Die Staatsanwaltschaft Dresden ermittelt wegen des Angriffs auf die „Praxis“ gegen die sechs Neonazis wegen des Verdachts des besonders schweren Falls des Landfriedensbruchs. Bei den Durchsuchungen wurden unter anderem Computer, Speichermedien, Mobiltelefone und eine Fotokamera sichergestellt.

 

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