Ravensbrück. Das Leben in einem Konzentrationslager für Frauen 1939-1945.

Der Überlebenskampf im KZ-Alltag

Donnerstag, 06. Mai 2004
Stefan Rudschinat
Das Konzentrationslager Ravensbrück, cirka 85 Kilometer nördlich von Berlin gelegen, war das zentrale Frauenlager des nationalsozialistischen KZ-Systems. Es bestand von Mai 1939 bis April 1945. In dieser Zeit wurden über 130 000 Frauen aus über 20 Nationen dorthin verschleppt. Jack G. Morrison, emeritierter Professor der Universität Shippensburg/Pennsylvania, beschreibt Aufbau, Zweck und Alltag des KZs, wobei es ihm in seiner Darstellung besonders auf den letzten Punkt ankommt. Die Studie wendet sich sowohl an Fachleute als auch an ein breiteres Publikum. Morrison beginnt seine Arbeit mit der Entstehungsgeschichte und der Verwaltung des Lagers durch die SS. Im Mai 1939 wurden die ersten 867 weiblichen Häftlinge nach Ravensbrück gebracht. Während des sechsjährigen Bestehens standen dem KZ nur drei Kommandanten vor. Das Aufsichtspersonal bestand ohne Ausnahme aus Frauen. 1944 gab es etwa 150 Aufseherinnen. Die Häftlingszahlen entwickelten sich von etwa 1100 (1939), über cirka 7000 (1942), 10 000 (1943), 70 000 (1944) und schließlich rund 35 000 (1945). Die verschiedenen Häftlingsgruppen werden anhand ihrer „Winkel“ vorgestellt. Morrison erläutert dabei die von der SS aufgestellten Häftlingskategorien und stellt die Bedeutung der einzelnen Gruppen innerhalb der NS-Ideologie dar. Hier gelingt es ihm, zahlreiche Einzelschicksale vorzustellen und dennoch die größeren Zusammenhänge nicht aus den Augen zu verlieren. Bis Ende 1939 waren die Zeuginnen Jehovas („Lila Winkel“) die größte Häftlingsgruppe. Danach war die sehr heterogene Gruppe der „Asozialen“ („Schwarzer Winkel“), zu denen auch die Sinti und Roma gezählt wurden, zahlenmäßig am stärksten. Ab Spätsommer 1941 bildete schließlich die Gruppe der politischen Häftlinge („Roter Winkel“) die Mehrzahl, da von nun an viele Frauen aus den von Deutschland besetzten Gebieten inhaftiert wurden und dieser Gruppe zugeteilt wurden. Diese Gruppe hatte ab 1942 die Schlüsselrollen der Häftlingsverwaltung inne. Bis dahin hatte die Gruppe der Kriminellen („Grüner Winkel“) diese Aufgabe übernommen. Die fünfte große Gruppe bildeten die Jüdinnen („Gelber Winkel“). Die Einstufungen in Häftlingskategorien bestimmten den Alltag der Insassinnen, zum Beispiel was die Art der Arbeit oder die Größe der Essensrationen anging. In der Beschreibung Morrisons war der Zusammenhalt unter den Nationalitäten meist viel stärker als unter den eingeteilten Häftlingsgruppen. Die Polinnen bildeten mit etwa einem Viertel der Häftlinge die größte nationale Gruppe. Deutsche, zu denen auch die Österreicherinnen zählten, folgten mit etwa 20 Prozent. Zahlenmäßig bedeutsam waren ebenfalls die Russinnen (etwa 15 Prozent) und die Französinnen (rund 7,5 Prozent). Die Jüdinnen, die keiner Nationalität zugerechnet wurden, bildeten mit etwa 15 Prozent die drittgrößte Gruppe. Diese Angaben beruhen auf Schätzungen und Berichte Überlebender, da fast alle Unterlagen, wie auch bei anderen Konzentrationslagern, gegen Kriegsende vernichtet wurden. In erster Linie bestimmten die katastrophalen hygienischen Verhältnisse, Hunger und Krankheit, die Streitigkeiten unter den Häftlingen, das strenge Strafsystem sowie die schwere Arbeit innerhalb des Lagers beziehungsweise in den Fabriken (ab 1940 in der Textilfabrik, ab Mitte 1942 im Siemenswerk in der Rüstungsindustrie) und die etwas leichtere Arbeit in der Landwirtschaft den Alltag des Lagerlebens. Die Situation im Lager wurde gegen Kriegsende für die Inhaftierten immer unerträglicher. Für die hohe Zahl an Gefangenen – die Kapazität wurde um das Drei- bis Vierfache überschritten – bestand nicht genügend Platz zur Unterbringung. Viele Häftlinge erfroren, verhungerten oder erlagen den sich rasch ausbreitenden Krankheiten im letzten Winter. Insgesamt starben zwischen 20 000 und 30 000 Frauen in Ravensbrück. Mehrere Tausend ehemalige Insassinnen starben in anderen KZs oder auf den Todesmärschen bei der Räumung. Auf einen Forschungsüberblick, die Einordnung der Untersuchung in größere Forschungszusammenhänge oder die Herausarbeitung von Unterschieden zwischen einem Frauen- und einem Männer-Konzentrationslager verzichtet Morrison. Aber das ist auch nicht seine Absicht gewesen. Ihm ist eine gut zu lesende, für die politisch-historische Bildung nützliche Einführung gelungen.
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