Rassistische Kolonial-Nostalgiker

Dass der deutsche Kolonialismus vor über hundert Jahren in Afrika unzählige Menschenleben gefordert hat, ist heute beinahe vergessen. Rechtsextremisten hingegen erinnern sich gerne an die Kolonialzeit. Ihre Spur führt bis zum NSU.

Donnerstag, 06. Oktober 2016
Paul Starzmann

Es ist verboten, in den Gebäuden des Deutschen Bundestags Kleidung der Firma „Thor Steinar” zu tragen. Wer mit einem T-Shirt dieser Marke das Parlament betreten möchte, wird vom Sicherheitsdienst gleich am Eingang abgewiesen. Der Grund: „Thor Steinar” ist ein bei Rechtsextremisten beliebtes Modelabel, dessen T-Shirts, Kapuzenpullis und Jacken in der Neonazi-Szene als Erkennungszeichen gelten.

Neben Sweatshirts mit Totenkopf-Motiv oder nordischen Runen finden sich im Sortiment der Brandenburger Modefirma auch Produkte für die Fans des deutschen Kolonialismus: T-Shirts mit der Aufschrift „Ostafrika-Expedition” oder „Heia Safari” sollen an die vermeintlich glorreiche Kaiserzeit erinnern, als deutsche Kolonialtruppen in Teilen Afrikas das Sagen hatten – und ganze Landstriche verwüsteten sowie abertausende Kinder, Frauen und Männer töteten.

Träume vom „Platz an der Sonne“

Das Beispiel „Thor Steinar” zeigt: Manche Rechte halten die Erinnerung an die Kolonialzeit bis heute hoch und träumen noch immer von „unserem Platz an der Sonne”. Dass sich die deutsche Gesellschaft im Gegensatz dazu nur wenig für diesen Teil der eigenen Vergangenheit interessiert, spielt den Rechten in die Hände: Ungestört können sie die Geschichte verklären, historische Verbrechen ungestraft leugnen. So findet der deutsche Publizist Claus Nordbruch viel Zuspruch bei National-Konservativen und Rechtsextremen, wenn er behauptet: Der Völkermord an den Herero und Nama, begangen durch deutsche Kolonialtruppen zu Beginn des 20. Jahrhunderts im heutigen Namibia, sei nichts anderes als eine „Lüge”.

Durch solche Thesen wurde der promovierte Historiker zu einem Ideengeber in der rechten Szene und trat in der Vergangenheit immer wieder bei einschlägigen Organisationen wie der „Gesellschaft für freie Publizistik” als Redner auf. Nordbruch hat beste Verbindungen in die rechtsextreme Szene, darunter auch zum „Hilfskomitee Südliches Afrika” (HSA). Der rassistische Verein wurde 1976 von deutschen Apartheids-Unterstützern im fränkischen Coburg als gemeinsame Plattform für Konservative und Rechtsextreme gegründet. Mit dabei: Adolf von Thadden, Ex-NPD-Vorsitzender und früheres NSDAP-Mitglied, der seinerzeitige NPD-Funktionär Peter Dehoust sowie die damaligen CSU-Bundestagsabgeordneten Lorenz Niegel und Paul Röhner. Die alte Garde der Kolonialromantiker ist zwar inzwischen bis auf wenige Ausnahmen tot. Der Verein jedoch existiert weiter und weist zum Teil personelle Überschneidungen mit dem bürgerlich-konservativen „Verein für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland” auf, der bis 1970 offiziell die Pflege des „Deutschtums” im Ausland zum Auftrag hatte.

Wollte der NSU nach Südafrika fliehen?

Dazu zählt für manche auch die Unterstützung weißer Siedler in Südafrika, dem ehemaligen Apartheids-Staat, der bei radikalen Rassisten noch immer als Sehnsuchtsort gilt. Auch der rechtsextreme Autor Claus Nordbruch lebt seit 1986 dort auf einer Farm. Mittlerweile scheint es um den einstig umtriebigen Publizisten jedoch ruhiger geworden zu sein: Seine Webseite ist offline, laut Verfassungsschutz ist er längere Zeit in Deutschland nicht mehr öffentlich aufgetreten. Der Grund könnte sein, dass sein Name Ende 2011 im Zuge der polizeilichen Ermittlungen zum „Nationalsozialistischen Untergrund” aufgetaucht ist: Nordbruchs Visitenkarte fand sich in den Trümmern der Frühlingsstraße 26 in Zwickau – in der Wohnung des NSU-Trios, die Beate Zschäpe im November 2011 kurz vor ihrer Festnahme in Brand setzte.

Heute gehen Ermittler im NSU-Fall davon aus, dass die drei mutmaßlichen Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe nach ihrem Untertauchen im Jahre 1998 zeitweise erwogen, sich nach Südafrika abzusetzen. Den Kontakt des NSU ans so genannte Kap der Guten Hoffnung vermittelte vermutlich der Neonazi Tino Brandt, ein ehemaliger NPD-Funktionär und früher V-Mann des Verfassungsschutzes, der als Chef der militanten Truppe „Thüringer Heimatschutz” in den 1990ern enge Verbindungen zu Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe unterhielt. Brandts Kontakte reichten jedoch schon damals weit über die Grenzen Thüringens hinaus – bis ins südliche Afrika: Im Jahr 1999 besuchte er Claus Nordbruch in Südafrika, um mit anderen deutschen Neonazi-Kadern in der Nähe von Johannesburg schwer bewaffnet Wehrsportübungen durchzuführen. Nicht auszuschließen, dass auch Gelder des Thüringer Verfassungsschutzes, die Brandt bis 2001 für seine Spitzeltätigkeit kassierte, in die Reise geflossen sind.

Gegen koloniale Klischees

Die Begeisterung der Rechten für die Kolonialzeit kommt nicht von ungefähr: Mit ihren revisionistischen Ansichten knüpfen sie an heute noch weit verbreitete Klischees an, wie dem rassistischen Mythos von den überlegenen Kolonialisten, die angeblich „Zivilisation” und „Entwicklung” nach Afrika gebracht hätten. Die unzähligen Opfer in den ehemaligen deutschen Kolonien werden dabei meist vergessen. Die Täter dagegen werden in vielen deutschen Städten bis heute mit Straßennamen und Denkmälern geehrt.

So ist es für Rechtsextremisten wie Claus Nordbruch einfach, die deutsche Geschichte zu verklären, ohne dabei in der Öffentlichkeit auf größeren Widerspruch zu treffen. Bei der Relativierung historischer Verbrechen stehen die Revisionisten vom rechten Rand nicht alleine da: Auch die Konservativen treten bis heute immer wieder auf die Bremse, wenn es um die politische Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte geht. Um das Feld nicht rechten Kolonialromantikern und Geschichtsrevisionisten zu überlassen, sind Politik, Medien und Gesellschaft daher gefordert, sich endlich der deutschen Kolonialvergangenheit zu stellen.

Kategorien
Tags