Rassismus in Deutschland: Wie lebt es sich unter Weißen?

Der Journalist Mohamed Amjahid hat ein Buch über das Leben unter „Biodeutschen“ geschrieben: Was es heißt, von den Privilegien der Weißen ausgeschlossen zu sein. Lesen Sie sein Buch – und machen Sie den Test: Wie weiß sind Sie?

Buchcover

„Wir alle hegen rassistische Vorurteile. Auch ich. Niemand ist frei von Rassismus.“ Das schreibt Mohamed Amjahid in seinem Buch „Unter Weißen“. Für viele dürfte dieser Satz eine Provokation sein. Glauben wir doch gerne, in einer aufgeklärten Gesellschaft zu leben, in der Rassismus keinen Platz hat. Aber trifft das wirklich zu? Sicher nicht, sagt Mohamed Amjahid: Rassismus sei ein echtes Problem in Deutschland.

Die Privilegien der Weißen sichtbar machen

In seinem Buch geht es nicht um Neonazis, die Asylunterkünfte anzünden oder Bomben legen. Es handelt vielmehr von einem tiefen Riss in der Mitte der Gesellschaft. Von einer Spaltung in Weiße und Nicht-Weiße. Das Buch richtet sich an die „Biodeutschen“, die weiße Mehrheit im Land, die Privilegien genießt, von denen Nicht-Weiße ausgeschlossen sind. Dafür will der Autor ein Bewusstsein schaffen: „Privilegien können subtil, unsichtbar, selbstverständlich sein. In diesem Buch will ich sie sichtbar machen“.

So werden weiße Deutsche mit hoher Wahrscheinlichkeit „noch nie selbst die Erfahrung gemacht haben, grundlos als kriminell, gefährlich oder faul dargestellt zu werden“, schreibt Amjahid. Für Männer wie ihn zähle die Konfrontation mit solchen Vorurteilen hingegen zum Alltag: Allein aufgrund Ihres Aussehens haben es Nicht-Weiße hierzulande viel schwerer als „Biodeutsche“, eine Wohnung oder einen Job zu bekommen.

„Hilfe! Weiße wollen mein Leben retten!“

Doch das Rassismus-Problem geht weit darüber hinaus, wie Amjahid zeigt, wenn er etwa den „unreflektierten weißen Paternalismus“ anspricht. „Hilfe! Weiße wollen mein Leben retten“, heißt ein Kapitel in dem Buch. Der Abschnitt handelt davon, wie sich „Biodeutsche“ oft berufen fühlen, Nicht-Weißen ungefragt Hilfe anzubieten: Zum Beispiel die junge Frau aus Europa, die zwar keine pädagogische Ausbildung hat, aber trotzdem meint, an einer Schule in Afrika ein paar Wochen lang Englisch unterrichten zu müssen. Für schwarze Schulkinder tut es auch eine Hobby-Lehrerin, scheint sie zu denken.

„Je privilegierter eine weiße Person relativ zu ihrem nichtweißen Gegenüber ist, desto höher ist die Gefahr, dass der weiße Retterkomplex ins Spiel kommt“, analysiert Amjahid. Der Autor will nicht falsch verstanden werden – natürlich sei es richtig, Menschen in Not zu helfen. Für alle Weißen hat er allerdings einen Tipp: Helfen? Ja, aber bitte auf Augenhöhe und mit der nötigen Selbstreflexion. Ansonsten werde durch den weißen Retterkomplex nur „die Einteilung der Menschheit in Opfer und Helfer je nach Hautfarbe“ zementiert.

Das Privileg, über rassistische Sprache lachen zu können

Ein zentraler Punkt in Amjahids Buch ist der Umgang mit rassistischer Sprache. Seine Position ist klar: Weiße können nicht mitreden, wenn es um Rassismus geht. Der Grund: Als Privilegierte wissen sie nicht, wie sich Rassismus anfühlt. „Nur derjenige, der nicht von rassistischer Sprache betroffen ist, besitzt das Privileg, eine solche erst gar nicht als rassistisch auffassen zu müssen und darüber zu lachen.“ Deshalb sollten Weiße aufpassen, welche Worte sie wählen, wenn sie über Nicht-Weiße reden, fordert Amjahid: „Ich selbst darf über mich ‚Kanaken’-Witze reißen – aus dem Mund eines Biodeutschen ist und bleibt dieses Wort jedoch rassistisch.“

Mohamed Amjahid hat ein sehr kluges, scharfsinniges Buch geschrieben, das den Nagel auf den Kopf trifft. Von täglicher Diskriminierung in Deutschland über die Folgen des Kolonialismus bis hin zu Konflikten unter Nicht-Weißen behandelt es viele Aspekte des Rassismus. Damit hat sich der Autor eines Themas angenommen, bei dem Weiße oft ungehalten reagieren, weil sie ihre eigene privilegierte Position in der Gesellschaft ungern hinterfragen. Ihnen sei umso mehr geraten: Lesen Sie dieses Buch.

„Der ultimative Selbsttest: Wie weiß sind Sie?“

Im letzten Kapitel hat der Autor einen Fragebogen aufgeführt, mit dem weiße Leser ihre eigenen Einstellungen durchleuchten können. Auch wenn der Test – so viel sei verraten – mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist, könnten seine Fragen treffender nicht sein. Ein Beispiel: „Was denken Sie spontan, wenn Sie das Wort ‚Ausländer’ hören?“ Der Leser kann wählen: von „Gegen die habe ich nichts, aber ...“ über die Antwort „ ... raus“ bis hin zu „Das Wort ist so was von Neunziger!“ Machen Sie den Test.

Mohamed Amjahid
Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein
Hanser Literaturverlag Berlin
ISBN 978-3-446-25472-5
188 Seiten, 16,00 Euro

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zuerschienen beim vorwärts, Autor Paul Starzmann

Kommentare(1)

Heidi Dettinger Mittwoch, 01.März 2017, 12:42 Uhr:
Wunderbares Beispiel:Karneval und die Verkleidung von Biodeutschen als "Neger" mit Baströckchen und Knochen im Haar oder als "Indianer"... Wann lernen die Narren?
 

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