von Martin Hagen und Emilie Kuhl
   

"Radikalisierungsbeschleuniger": Die Gefahr der Querdenker

Die Szene der „Querdenker“ tritt immer aggressiver auf. Aufmärsche der verschwörungsgläubigen Corona-Leugner in Berlin und Leipzig endeten zuletzt in Ausschreitungen – nicht das erste Mal, dass Anhänger der Bewegung zu Gewalt greifen. Experten warnen schon seit Monaten vor einer Radikalisierung in den Milieus der „Querdenker“. Eine Einordnung.

In der Querdenker-Szene ist immer wieder die Rede von einer "Corona-Diktatur"

In Leipzig brachen sich am Samstag der Hass auf "das System" und die Frustration über den Teil-Lockdown Bahn: Menschenmassen schieben sich durch die Einkaufsstraßen der Innenstadt und nehmen den Marktplatz in Beschlag. Während vermummte Neonazis versuchen Journalisten einzuschüchtern, schlendert ein Seniorenpaar mit Strickmützen in den Farben der Reichsflagge wie auf einem Sonntagsspaziergang über den Platz. Auf Schildern fordern Teilnehmer einen Friedensvertrag für das vermeintlich besetzte Deutschland, daneben steht ein AfD-Politiker mit einer Trump-Kappe. Aggressionsgeladene, aber auch skurrile Szenen spielen sich ab. Um die Corona-Pandemie geht es oft nur am Rand.

Die Polizisten wirkten beim Versuch, die hunderten Demonstranten unter Kontrolle zu bringen, mehr als überfordert. Trotz des Verbots ziehen die Corona-Leugner in einem unangemeldeten Aufzug durch die sächsische Großstadt. Die Menge feiert sich. Die Bilder wecken Erinnerungen an den Aufmarsch der "Querdenker" in Leipzig vor gut zwei Wochen: Damals endete eine aufgelöste Kundgebung in massiven Ausschreitungen. Verschwörungsgläubige und Neonazis griffen gemeinsam Pressevertreter und Polizisten an.

Als die Corona-Leugner aber am späten Nachmittag des 21. November in eine Gasse einbogen, werden sie von der Polizei eingekesselt. Über Stunden stehen die Demonstranten dort. Die Menschen werden immer aggressiver und versuchen teils gewaltsam ihren Aufzug fortzusetzen. Ohne Zweck: Nach langem Warten lösen die Einsatzkräfte die Spontandemonstration auf. Die Querdenker haben den historisch bedeutsamen Innenstadtring diesmal nicht erreicht.

Expertin: Gewalt und Verschwörungsideologien hängen zusammen

Der Kontrollverlust über die Verschwörungsgläubigen blieb dieses Mal aus. Die Gesellschaft und die Behörden sollten sich aber nicht in falscher Sicherheit wähnen. Experten warnen bereits seit Monaten vor einer Radikalisierung der Protestbewegung. Die Sozialpsychologin Pia Lamberty hält nicht nur die Gewalt im direkten Umfeld der Demonstrationen für gefährlich: "Die Frage ist, ob wirklich die aktuell stattfindenden Demonstrationen die Hauptgefahr sind oder ob das nicht auch dazu führen kann, dass Menschen Anschläge begehen", so Lamberty in einem Interview mit dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" im Mai.

Die Akteure hinter solchen Aufmärschen appellieren immer wieder an den Tatendrang ihrer Anhänger: Der Organisator der Demonstration am Samstag in Leipzig, der Heilpraktiker und frühere Neonazi-Liedermacher Manuel Zieber, bewarb die Kundgebung mit dem Motto "Zeit, es zu beenden!", unterlegt mit einem Bild der Montagsdemonstrationen 1989. Solche Diktatur-Vergleiche delegitimieren nicht nur die offene, demokratische Gesellschaft. Sie geben den Querdenkern auch noch den Anlass, sich auf ein Recht auf gewaltsamen Widerstand zu berufen. Eine gefährliche Kombination.

Tatsächlich hängen Verschwörungsideologien und Gewalt eng miteinander zusammen. Die kruden Mythen, die auch unter Corona-Leugnern zirkulieren, bezeichnet Pia Lamberty als "Radikalisierungsbeschleuniger". In einer aktuellen Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung erklärt die Forscherin, dass Menschen mit verschwörungsideologischem Weltbild eher dazu tendieren, Gewalt zu befürworten oder sogar anzuwenden: "Wer meint, die Regierung sei nur eine Marionette von dahinterstehenden Mächten, [...] nimmt weniger teil am demokratischen Diskurs. Stattdessen, auch das belegen Studien, werden tendenziell eher anti-demokratische Wege gewählt, um die eigenen politischen Ziele durchzusetzen."

Münden die Proteste in Anschläge?

Die Ereignisse der letzten Wochen haben gezeigt, dass die Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen sind: Zahlreiche Angriffe auf Journalisten und Journalistinnen, gewalttätige Ausschreitungen und Attacken auf Polizeikräfte. Zudem werden mehrere Anschläge der verschwörungsideologischen Szene zugerechnet: Ende Oktober wurde ein Sprengsatz in der Berliner Invalidenstraße gezündet - unweit des Sitzes der Leibnitz-Gemeinschaft. Der Verband verschiedener wissenschaftlicher Einrichtungen betreibt auch Forschung über das neuartige Corona-Virus. Ermittlern zufolge wurde in einem Bekennerschreiben das Ende der pandemiebedingten Einschränkungen gefordert. Zudem untersuchen die Behörden eine mögliche Verbindung zu einem Brandanschlag auf das Robert-Koch-Institut. Auch der Fall von dutzenden beschädigten Exponaten in mehreren Berliner Museen deute laut Medienberichten auf einen ähnlichen Hintergrund hin. Prominente Vertreter von Verschwörungsideologien wie etwa Attila Hildmann brachten die Einrichtungen auf der Museumsinsel wiederholt mit frei erfundenen Geschichten von satanischen Kulten und Menschenopfern in Verbindung.

Jedoch werden nicht nur Repräsentanten der vermeintlichen "Corona-Diktatur" zur Zielscheibe. Laut Pia Lamberty besitzen Verschwörungsideologien auch das Potential, Antisemitismus und Rassismus zu verbreiten. "Im Frühjahr 2020 kam es deutschlandweit zu verschiedenen Protesten gegen die staatlichen Anti-Corona-Maßnahmen. In vielen Städten gab es antisemitische oder geschichtsrevisionistische Aussagen oder Darstellungen im Rahmen der Kundgebungen. Immer wieder wurden auch antisemitische Übergriffe oder Beleidigungen im Kontext der Pandemie gemeldet", erklärt die Psychologin.

Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass auch Rechtsextremisten an den Protesten teilnehmen. In Leipzig marschierten so zwischen den bürgerlich wirkenden Corona-Leugnern auch der verurteilte Holocaustleugner Nikolai Nerling oder der Dortmunder Neonazi Michael Brück. AfD-Rechtsaußen Hans-Thomas Tillschneider mischte sich ebenfalls unter die Demonstrierenden.

Vor allem die in Teilen rechtsextremistische AfD versucht verstärkt sich als Sprachrohr der Proteste zu positionieren. Dem dürfte auch die Partei-Basis nicht abgeneigt sein, schließlich sind ihre Anhänger verschwörungsideologischen Erklärungsansätzen zugeneigt, wie die aktuelle Auflage der Leipziger Autoritarismusstudie nahelegt. Die Forscher stellten bei über der Hälfte der befragten AfD-Wähler eine "Verschwörungsmentalität" fest.

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