Querdenken in Düsseldorf: Kessel für Hogesa-Anhänger

Mit einem massiven Aufgebot und der Drohkulisse zweier Wasserwerfer hat die Polizei in Düsseldorf bei dem Revival der „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa) eine Eskalation verhindert. Sie wollten sich einer „Querdenken“-Kundgebung anschließen.

Montag, 07. Dezember 2020
Michael Klarmann

Wie berichtet, wollten Hooligans, Rechtsextremisten und Rocker-ähnliche „Bruderschaften“ am gestrigen Sonntag an die Gegner der Corona-Schutzmaßnahmen andocken. Seit geraumer Zeit kursierten in Chats und den sozialen Medien der rechtsextremen Szene Grafikflyer, in denen man unter dem Label HoGeSa dazu aufrief, am 6. Dezember in Düsseldorf erneut aktiv zu werden. Weitere Pläne – Anreise, Vorabtreffpunkte, Wegstrecken durch Düsseldorf – waren danach konspirativ und klandestin kommuniziert worden. „Querdenken 211“ schloss indes die rund 250 überwiegt schwarz gekleideten und teils vermummten Personen von der Versammlung auf den Rheinpark-Wiesen aus.

Ähnlich wie in den Hochzeiten von HoGeSa wirkte das Label als Anziehungspunkt für Rechtsextremisten. Neben einer größeren Abordnung der „Bruderschaft Deutschland“ waren auch Parteivertreter der „Die Rechte“, der NPD sowie der elitären Splitterpartei „Der III. Weg“ vor Ort. Hinzu kamen rechtsoffene Hooligans und vereinzelt „Reichsbürger“. Anwesend waren der frühere Sänger der rechtsextremen Hooligan-Band „Kategorie C“ (KC), Hannes Ostendorf, der bis zum Verbot als Vertreter von „Combat 18“ (C18) geltende Robin S. und Alexander Deptolla, Organisator des neonazistischen Fight-Events „Kampf der Nibelungen“ (KDN). Sebastian Schmidtke, NPD-Bundesorganisationsleiter, sowie Nikolai Nerling alias der „Volkslehrer“ waren als Medienaktivisten vor Ort.

Dritter Weg-Kader wollte Eilversammlung anmelden

Im HoGeSa-Block befand sich auch die ehemalige AfD-Kandidatin aus Emmerich am Niederrhein, Stefanie „Steff“ van L. Auch Edwin Wagensveld, der zwar in Süddeutschland lebt, gleichwohl als Chef von „Pegida Netherlands“ auftritt, war auf den Rheinpark-Wiesen. Der Leiter des „Gebietsverbandes West“ der Splitterpartei „Der III. Weg“, Julian Bender, versuchte eine Eilversammlung „gegen Polizeirepression“ anzumelden. In einer Mitteilung der Kaderpartei hieß es, die Polizei sei gegen „volkstreue Fußballfans und Nationalisten“ vorgegangen.

Schon bei der Anreise war es in Duisburg zu Auseinandersetzungen zwischen Hooligans und Neonazis sowie Antifaschisten gekommen. Letztlich bewegten sich gegen Mittag dann in der Landeshauptstadt kleinere und größere Gruppen, die dem HoGeSa-Aufruf gefolgt waren, zur „Querdenken“-Kundgebung im Rheinpark Golzheim. Dort befürchteten nicht wenige der „Querdenker“, die überwiegend schwarz gekleideten und vermummten Gruppen seien Störer aus der linksautonomen Szene. „Querdenken“-Organisator Michael Schele forderte die Polizei auf, diese „kleinen Paramilitärs“ und „Schwachköppe“ abzudrängen.

Hooligans wegeskortiert

Kurzfristig drohte die Lage vor der Bühne sogar zu eskalieren. HoGeSa-Aktivisten hatten sich dort mit einem Banner präsentiert. Bianca P. von der „Querdenken“-ähnlichen Initiative „Köln ist aktiv“ rief Schele über Megaphon zu, hier würden Hooligans „diskriminiert“. P. hatte am ersten November-Wochenende bei einer Kundgebung in Leipzig schon dazu aufgerufen, Rocker, Hooligans und andere „Gangs, Clans und Gruppierungen“ sollten sich den Gegnern der Corona-Schutzmaßnahmen anschließen. Marcel „Wojna“ W. von dem verschwörungsideologischen Musikprojekt „Die Bandbreite“, der auch als Moderator auftrat, teilte mit, die Personengruppen sähen aus „wie die Antifa“ und verunsicherten die Menschen. Schele sagte später dem WDR, man habe diese Personen auch ausgeschlossen, weil Familien mit Kindern auf der Kundgebung seien.

Letztlich schritt die Polizei massiv ein, zuvor hatten sich die HoGeSa-Anhänger am Rande erneut gesammelt und immer wieder auch Journalisten bedroht und bedrängt. Vereinzelt kam es zu vorläufigen Festnahmen. Viele der Hooligans und Rechtsextremisten wurden von behelmten Beamten und der Reiterstaffel eingekreist. Zwei Wasserwerfer und ein Räumpanzer rückten an. Am Ende eskortierte man die Gruppen im engen Polizeikordon zwecks Abreise zu Haltestellen der Rheinbahn und zum Hauptbahnhof. Skandiert wurden dabei Parolen wie „Hier marschiert der Nationale Widerstand“ und „Lügenpresse – auf die Fresse“.

Verharmlosung des Nationalsozialismus

An der „Querdenken“-Kundgebung selbst nahmen rund 1.500 bis 2.000 Personen teil. Mit einigen davon will Matthias Helferich, einer von drei stellvertretenden Landessprechern der AfD, ins Gespräch gekommen sein. Via Facebook teilte er dazu am Abend mit, er habe mit „besorgten Ärzte[n], Mütter[n] oder Selbständigen“ gesprochen, diese „zeigten sich schockiert, dass sie Nazis, Reichsbürger und Antisemiten sein sollen. Unsere Pflicht als demokratische Opposition ist es, friedlichen Bürgerprotest vor derartigen Stigmatisierungen der Herrschenden zu schützen.“
 
Mögen sich die „Querdenker“ bürgerlicher oder intellektueller darstellen als HoGeSa. Die Reden teils prominenter Köpfe transportierten auch Fake-News, Geschichtsrevisionismus, NS-Verharmlosung, Opfer- und Verschwörungsmythen sowie Häme und Diffamierungen gegenüber Gegnern, Politikern und Wissenschaftlern. Marcel „Wojna“ W. behauptete etwa, an diesem Sonntag finde in Düsseldorf die „bedeutendste antifaschistische Veranstaltung seit 1945“ statt. Andere Redner relativierten den Nationalsozialismus, verglichen etwa die Bücherverbrennungen kultureller Werke durch die Nazis mit dem Löschen von Videos oder dem Sperren von Kanälen bei YouTube, über die verschwörungsideologische oder irreführende Informationen verbreitet werden.

Bodo Schiffmann und der „tiefe Staat“

Michael Ballweg arbeitete sich unter anderem an der Kritik des Antisemitismusbeauftragten der baden-württembergischen Landesregierung, Michael Blume, ab. Der kenne sich wohl mit Antisemitismus aus, nicht aber mit dem Grundgesetz, spekulierte Ballweg. Bodo Schiffmann griff den auch von dem rechtsextremen, antisemitischen QAnon-Netzwerk verbreiteten Mythos eines „tiefen Staates“ linker Eliten auf, den der Noch-US-Präsident Donald Trump nach der Wiederwahl austrocknen und zerschlagen werde. Und als am Ende die Helfer aus dem Bühnenbereich die Bühne zwecks Finale betraten, war unter ihnen auch der „Reichsbürger“ und Rechtsextremist Sascha V., aktiv als verschwörungsideologischer Rapper „Master Spitter“.

Als Musiker und Redner ist „Master Spitter“ wiederholt auch bei den „Corona Rebellen“ und bei „Querdenken“ in Düsseldorf aufgetreten. Nach einer Demonstration im September hatte „Zeit Online“ Schele auf V.s Auftritt angesprochen, immerhin verbreite dieser auch antisemitische Anspielungen in seinen Songs. Seinerzeit war Schele Anmelder der „Querdenken“-Versammlung in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt gewesen. Er sah in V.s Engagement demnach aber kein Problem. „Das ist nicht so tragisch, oder? Der ruft nicht zur Gewalt auf. Das kann der ja als Nachdenkbotschaft meinen“, zitierte ihn „Zeit Online“.

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