„Querdenken“-Demos als Superspreader
Nach zwei Großdemonstrationen der Initiative „Querdenken“ im November in Leipzig und Berlin ist die Zahl der Covid-19-Infektionen stark angestiegen. Das ist das Ergebnis aus Beobachtungen und Analysen von regional markanten Infektionszahlen bis Ende Dezember, die vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung und der Humboldt-Universität Berlin vorgenommen worden sind.
Martin Lange und Ole Monscheuer haben sich in ihrer jetzt vorgelegten englischsprachigen Studie „Spreading the Disease: Protest in Times of Pandemics“ dafür die Sieben-Tage-Inzidenz-Entwicklung in genau den Landkreisen angeschaut, aus denen die Demonstrationsteilnehmer mit Bus-Sammelfahrten angereist sind. In Leipzig waren nach Polizeischätzungen rund 20.000 Gegner von Corona-Maßnahmen aus dem gesamten Bundesgebiet anzutreffen, etwa bis zu 10.000 waren es dann elf Tage später in der Bundeshauptstadt anlässlich der Verabschiedung der Infektionsschutzgesetz-Novellierung im Bundestag.
Verfolgung von „Honk for Hope“-Spuren
Um die Untersuchungsorte der „Querdenken“-Protestler für die Expertise festzulegen, wurde ausgewertet, welche Demo-Fahrten vom überregionalen Bus-Netzwerk „Honk for Hope“ von Alexander Ehrlich abgewickelt wurden. Der Österreicher hatte sich seit Sommer 2020 zusammen mit Thomas Kaden aus dem sächsischen Plauen auf die Koordinierung von Busbeförderungen der „Querdenken“-Demonstrierenden spezialisiert. Aktuell wirbt Ehrlich mit einem neuen Geschäftsmodell. Für die landauf landab stattfindenden Autokorsos von Corona-Leugnern und Lockdown- wie Impfgegnern bietet er Lautsprecheranlagen für bis zu 1.500 Euro das Fahrzeug an.
Im Vergleich der ausgesuchten Landkreise mit Landkreisen und Städten ohne einen Bustransfer zu den Demos ist der erfasste Anstieg des Inzidenzwertes bis Weihnachten um knapp 40 höher gewesen. Am stärksten waren dabei die Auswirkungen in Regionen mit weniger als 20.000 Einwohnern. Umgerechnet in reale Zahlen schätzen die Wissenschaftler, dass bis Weihnachten zwischen 16.000 und 21.000 Covid-19-Infektionen hätten verhindert werden können, wenn die Protestkundgebungen ausgeblieben oder behördlich nicht genehmigt worden wären.
„Ein erhebliches Risiko für andere Personen“
Hiermit haben Wissenschaftler erstmals eine mit Daten unterlegte Folgen-Erhebung zur praktizierten Ausübung der „Querdenken“-Demonstrationsfreiheit vorgelegt, die im Ergebnis den Bemühungen des unmittelbaren Gesundheitsschutzes in der Pandemie zuwider läuft, und das erst recht, wenn die Schutzregeln wie Mund-Nasen-Bedeckung und Abstandsgebot nicht praktiziert werden – sei es während der Bus-An- und Rückreise oder am jeweiligen Demonstrationsort. „Eine mobile Minderheit, die sich nicht an Hygieneregeln hält, kann so ein erhebliches Risiko für andere Personen darstellen“, fasst Martin Lange vom ZEW zusammen.
Den Autoren der Studie ist aber auch wichtig darauf hinzuweisen, dass Menschenansammlungen bei Demonstrationen nicht per se größere Gefahren darstellen müssen, sofern die Beteiligten alle Schutzmaßnahmen befolgen, und verweisen auf die großen Black-Lives-Matter-Proteste in den USA, nach denen es eben nicht automatisch zu größeren Infektionsausbrüchen gekommen ist. Die 49-seitige Untersuchung ist angereichert mit reichlich Zahlenmaterial, Grafiken, Diagrammen und statistischen Tabellen.
Querdenken-Anhänger attackieren Studie
Die Reaktion in den Reihen der „Querdenken“-Anhänger auf die wissenschaftliche Veröffentlichung ist erwartungsgemäß wenig begeisternd. Ein Blick in deren Social-Media-Kanäle zeigt zum Beispiel, dass der reichweitenbreite Szene-Blogger Samuel Eckert ganz im üblichen Leugner-Modus nüchtern feststellt: „Das behaupten sie natürlich nur.“
Die Frankfurter Sängerin Eva Rosen, auch ein Gesicht der sogenannten Corona leugnenden „Frauen-Bus-Tour“, kommentiert eine Pressenotiz zur Studie mit „So erklären die MSM Kritikern den Krieg!“, wobei MSM für Mainstreammedien steht. Rosen ist Mitglied bei der im Juli gegründeten neuen Partei „Die Basis“, die am 14. März für die Landtagswahl in Baden-Württemberg kandidiert.
Einer der im Zusammenhang mit Corona-Leugnern immer wieder in der Öffentlichkeit stehende Anwalt Ralf Ludwig aus Leipzig spricht dem ZEW/HU Berlin-Papier jegliche Seriosität ab. Nach seinen Worten handele es sich um ein „politisch beauftragtes Papier“ mit konstruierten Zusammenhängen. Ludwig: „Immerhin wahren die beiden Autoren nicht einmal den Schein von Neutralität.