von Marc Brandstetter
   

„Prora hätte ein Gegenmodell zum geplanten „KdF-Seebad Rügen“ werden können, an dem eine Auseinandersetzung mit der Geschichte möglich gewesen wäre“

Mit unserem Artikel „Luxus-Urlaub im Nazi-Ferienlager“ haben wir Staub aufgewirbelt. An der Nutzung des ehemaligen NS-Vorzeigeprojektes gibt es viel Kritik. Dort untergebracht sind aber auch Bildungsprojekte, die das schwere Erbe des Seebades thematisieren. ENDSTATION RECHTS. sprach hierüber mit der Leiterin des PRORA-ZENTRUMS, Susanna Misgajski. 

Worum geht es bei dem Projekt PRORA-ZENTRUM und welche Aktivitäten umfasst das Angebot?

Das PRORA-ZENTRUM befindet sich im Block 5 im Norden von Prora bei der Jugendherberge. Der Verein, staatlich anerkannt als Einrichtung der Weiterbildung, bietet historisch-politische Bildungsarbeit an und präsentiert historische Ausstellungen. Die Bildungsarbeit des Vereins zielt darauf ab, Jugendliche und Erwachsene durch die Beschäftigung mit der regionalen Zeitgeschichte Proras, der Insel Rügen und Mecklenburg-Vorpommerns zu befähigen, größere historische Zusammenhänge zu erfassen, zu analysieren und einzuordnen. Hierbei geht es um die doppelte Geschichte des Ortes, die Zeit des Nationalsozialismus und die Zeit der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) sowie der Deutschen Demokratischen Republik (DDR).

Die Bildungsangebote des PRORA-ZENTRUMs reichen von historischen Geländerundgängen bis zu mehr- und eintägigen themenbezogenen Projekttagen. Eine jährliche Veranstaltungsreihe bietet weitere Informationsmöglichkeiten. Sowohl für die eigene Dauerausstellung als auch für Sonderausstellungen, die das PRORA-ZENTRUM von April bis Oktober präsentiert, werden pädagogische Angebote bereit gehalten. Die Forschungsarbeit, die die Einrichtung ständig betreibt, wird vielfältig publiziert und fließt grundsätzlich in die Bildungsarbeit ein.


Was hat es mit dem „Seebad Prora“ auf sich? Würden Sie uns die Geschichte – kurz – skizzieren? Gibt es Besonderheiten während des Nationalsozialismus und auch während der DDR?

Das von der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF) für 20.000 Urlauber geplante „KdF-Seebad Rügen“ bei Binz ging nie in Betrieb, es galt aber in der zeitgenössischen Propaganda als Beispiel für die Errungenschaften der NS-Sozialpolitik. Die Grundsteinlegung fand 1936 statt, doch mit Kriegsbeginn 1939 waren die Bauarbeiten eingestellt und Prora wurde in Teilen für „kriegswichtige Zwecke“ genutzt: zur militärischen Ausbildung von Polizeibataillonen und Nachrichtenhelferinnen, als Behelfsunterkunft für Ausgebombte und Evakuierte sowie als Lazarett. ZwangsarbeiterInnen mussten Prora dafür provisorisch ausbauen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann in Prora bereits im August 1949 der Aufbau einer neuen getarnten Armee. Die Kasernierte Volkspolizei (KVP) baute die Anlage ab 1952 als Kaserne aus. Ab 1956 war Prora Militärstandort der Nationalen Volksarmee (NVA). Auch mehrere tausend Bausoldaten, die Waffenverweigerer der DDR, meist eingesetzt im Fährhafen Mukran, mussten in Prora ihren Dienst ableisten. Prora war der größte Bausoldatenstandort in der DDR, die Waffendienstverweigerer sind als ein Teil der Oppositionsbewegung der DDR einzuordnen.

In den Gebäuden des als NS-Ferienlager geplanten Komplexes ist heute eine Jugendherberge untergebracht. Außerdem entstehen zahlreiche von auswärtigen Investoren gebaute Ferienwohnungen. Wie steht das „Prora Zentrum“ zu dieser umstrittenen Nutzung? Wie weit wird die Kommerzialisierung noch gehen?

Die Existenz der Jugendherberge Prora begrüßt das PRORA-ZENTRUM ausdrücklich. Der Ort wird dadurch mit anderem Leben gefüllt, als es die Nationalsozialisten planten. Die Jugendherberge beherbergt internationale Gäste sowie Menschen mit Behinderungen, um nur einige Beispiele zu nennen. Zudem ist die Jugendherberge ein enger Kooperationspartner des PRORA-ZENTRUMs. Die Gäste der Jugendherberge können sich in der Bildungseinrichtung über den historischen Ort informieren und Bildungsangebote wahrnehmen, ebenso kann das PRORA-ZENTRUM Projekte durchführen, bei denen die TeilnehmerInnen in der Jugendherberge Prora übernachten können. Das PRORA-ZENTRUM wartet noch auf die Sanierung des Gebäudeabschnittes neben der Jugendherberge für die Bildungsstätte, da die jetzigen provisorischen Räumlichkeiten des Vereins nicht annähernd den Raumbedarf decken und teilweise nicht beheizbar sind.

Die Errichtung von Eigentumswohnungen und Hotels durch private Investoren im Süden der Anlage rettet durch die Sanierung die historischen Gebäude vor dem Zerfall, was wir prinzipiell wichtig finden. Es bleibt jedoch die Frage offen, inwieweit die unter Denkmalschutz stehende Anlage, die ein Erinnerungsort von internationaler Bedeutung ist, dort weiterhin auch für die Öffentlichkeit im Außengelände direkt zugänglich bleibt und ob dem historischen Hintergrund angemessen Rechnung getragen wird. Bei den übrigen Investoren sind konkrete Planungen noch nicht absehbar und öffentlich bekannt.

Und wie würde in Ihren Augen der Umgang mit der riesigen Anlage aussehen?

Das PRORA-ZENTRUM hätte sich eine Gesamtentwicklung für den historischen Ort Prora gewünscht, leider ist dies aus finanziellen Gründen gescheitert. Im Idealfall hätte man ab Mitte der 90er Jahre neben dem notwendigen Angebot von historischen Ausstellungen zum Ort und historisch-politischer Bildung auch Reha-Einrichtungen, Schulungsbereiche für Industrie und Handwerk, Künstlerdependancen, Umwelteinrichtungen/ -ausstellungen, Mietwohnungen, kleine Hotels, Geschäfte verschiedener Art, Restaurants etc. ansiedeln können. Prora hätte mit einer derartigen Gesamtentwicklung ein vielseitiges Gegenmodell zum geplanten „KdF-Seebad Rügen“ werden können, an dem eine aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte möglich gewesen wäre.

Stellen Sie vor Ort eigentlich besondere Aktivitäten von Neonazis fest? Hat „Prora“ für die rechtsextreme Szene eine Bedeutung?

Der historische Ort Prora mit seiner doppelten Geschichte (NS- und DDR-Zeit) scheint für die rechtsextreme Szene bisher keine große Bedeutung zu haben. Besondere Aktivitäten von Neonazis haben wir beim Block 5 im Norden nicht feststellen können, es gilt aber - wie überall - wachsam zu sein.


Foto: PRORA-ZENTRUM

Kommentare(4)

Dr. Stefan Wolter Dienstag, 06.August 2013, 09:38 Uhr:
Wie der Beitrag zeigt, wird bei aller Betonung der "doppelten Vergangenheit" des Ortes - NS UND DDR-Geschichte - im Grunde noch immer einseitig vom geplanten KdF-Bad her gedacht. Dieses kam jedoch nie zustande.
Von der differenzierten Entwicklung der Blöcke zum Disziplinierungsinstrument "Kaserne der NVA" wird durch die derzeitigen Bauarbeiten nichts oder kaum etwas bleiben, was spätere Generationen zum Nachfragen der komplexen Geschichte des Ortes (bis 1990)anregen könnte.
Versäumt hat die Politik vor allem die Akzeptanz der Weiterentwicklung des Ortes von der KdF-Planung (die in der DDR überhaupt kein Thema mehr war) zur Kaserne mit der möglichen Entwicklung zum bunten Seebad, etwa a la Hundertwasser mit transparenten baulichen Zeitsplittern (aus allen Phasen der Geschichte). Die irrige einseitige Rückwärtsgewandtheit in der Bauentwicklung ist ein Fehler der Wende, forciert von allen, die an der DDR-Geschichte und ihrer Aufarbeitung (etwa auch der in die Dutzende gehenden Suizide an diesem Ort) kein Interesse hatten und haben.
Die Entwicklung Prora ist nun so, als würde man den VW wieder als KdF-Wagen bezeichnen oder irgendwann die Reichshauptstadt Germania wieder erlebbar machen wollen.
Prora hatte sich in der DDR weiterentwickelt (wenn auch nicht rühmlich)und hätte sich weiter entwickeln können (teilweiser Rückbau eingeschlossen), hätte man nicht den ganzen Klotz als KdF-Erinnerungsstätte unter Denkmalschutz gestellt und den Nazis damit ein Denkmal gesetzt, was schon heute Millionen Steuergeld verschlingt. Neonazis werden nicht ausbleiben, ist das Ganze erst einmal im Sinne der ursprünglichen Planung vollendet.
Wer die gesamte Geschichte und den Kampf um die Transparenz der "doppelten Vergangenheit" (auch für Prora-Zentrum war das noch vor drei Jahren ein Fremdwort) erfahren möchte, der ist gut bedient mit www.denk-mal-prora.de
 
Roichi Donnerstag, 08.August 2013, 11:36 Uhr:
@ Stefan

Ein wenig einseitig ist deine Einschätzung schon.
So geht das Dokumentationszentrum Prora sehr gut auf die Geschichte von der Vorgeschichte bis zur heutigen Zeit ein.
Die Konzentration auf den Nationalsozialismus ist in diesem Zusammenhang auch nicht unbedingt verkehrt, hatte das Projekt doch eine wesentliche Bedeutung in Propaganda und Mobilisierung.

Dabei wird aber die DDR-Geschichte des Ortes nicht ausgeblendet, sondern ebenso behandelt.
Insgesamt eine sehr gelungene Ausstellung.

Die Fokussierung auf persönliche Animositäten, so sehr sie auch verankert sind und einen bewegen, sollte hier nicht zum Hauptthema werden.
Ansonsten finde ich auch die Seite sehr informativ und wichtig.

Zur Erinnerung bleibt noch zu sagen, dass dieses Kulturkunstmuseumsding nicht zu empfehlen ist. Man wird von Exponaten erschlagen, ohne Konzept oder historische Aufarbeitung.
Dazu noch in schreiend grellbunten Farben und mit völlig unsinnigen Ergänzungen. Das wirklich einzig sehenswerte dort sind das Modell und das Originalzimmer, wie es beim Bau geplant war.
Der Rest ist einfach nur Kraut und Rüben. Schade eigentlich. Mit dem Material könnte man sehr viel mehr machen.
 
Eva Samstag, 12.Oktober 2013, 11:36 Uhr:
Ich finde jeder Bau in Deutschland hat eine Neunutzung verdient,egal was für eine Geschichte dran hängt.Sicher war es als KdF-Bad geplant,ist aber als solches nie genutzt wurden.
Ich finde man sollte das Pferd im Stall lassen und nicht ewig in der deutschen Geschichte herum graben.
 
Roichi Samstag, 12.Oktober 2013, 18:22 Uhr:
Tja Eva.
Wnn sollte man denn aufhören an Vergangenes zu erinnern und die gleichen Fehler nochmal machen?
Das ist nämlich die Konsequenz des Vergessens.
 

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