von Tim Schulz
   

Pro Chemnitz übernimmt Neonazi-Gedenkmarsch

Lange war der „Gedenkmarsch“ zur Bombardierung von Chemnitz das dominierende Event der lokalen Neonazi-Szene. In den vergangenen Jahren verlor die Demonstration allerdings an Zuspruch, bis sie zuletzt komplett ausfiel. Am Sonntag übernahm die selbsternannte Bürgerbewegung Pro Chemnitz die Organisation des Aufmarschs und löste damit NPD und Kameradschaften ab. Am Vorabend protestierte ein antifaschistisches Bündnis gegen rechte Umtriebe in der Stadt.

Mit einem Kranz zogen die Anhänger von Pro Chemnitz zum städtischen Friedhof, Foto: Tim Mönch

Gerade einmal 80 Teilnehmer fanden sich am Sonntagnachmittag unweit des städtischen Friedhofs in Chemnitz ein. Neben dem harten Kern der Pro-Chemnitz-Anhängerschaft nahmen auch bekannte Gesichter der neonazistischen Szene teil: Mitglieder verbotener Kameradschaften wie den „Nationalen Sozialisten Chemnitz“, Aktivisten aus dem Dunstkreis des Dritten Weges oder NPD-Kommunalpolitiker. Nach knapp 500 Metern erreichte der rechte „Trauerzug“ den zentralen Gedenkort der Stadt und legte dort einen Kranz nieder.

Sammelbecken für Neonazis und Reichsbürger

Während sich die Demonstranten sammelten, kam es wiederholt zu Drohungen und Pöbeleien gegen anwesende Pressevertreter. „Deine Drecksschnauze merk ich mir!“, so ein Teilnehmer. Auch die rechte Online-Aktivistin Rihanna W. bedrängte Journalisten. Sie verbreitet in sozialen Medien Reichsbürger-Theorien und gilt als Teil einer rechten Gelbwesten-Gruppe. Bei einer Demonstration gegen den Besuch der Bundeskanzlerin Mitte November in Chemnitz fiel die Verschwörungstheoretikerin mit antisemitischen Aussagen auf. Und Sympathisantinnen wie Rihanna W. sind kein Einzelfall: Pro Chemnitz hat sich mittlerweile zum maßgeblichen Sammelbecken für verschiedene extrem rechte Milieus in der Stadt entwickelt.

Die „Bürgerbewegung“ präsentiert sich gerne als Sprachrohr der besorgten Mittelschicht, paktiert aber seit den Ereignissen im Spätsommer immer offener mit Neonazis. Im Umfeld des rechten Wahlbündnisses bewegten sich zuletzt immer wieder einschlägig bekannte Neonazis. Bei einer Demonstration gegen einen geplanten Treffpunkt von Pro Chemnitz versammelte sich eine Handvoll Anhänger an der Immobilie – unter ihnen Kameradschafter oder Personen aus der rechtsextremen Kampfsportszene.

Überaschen kann das allerdings kaum: Pro-Chemnitz-Chef Martin Kohlmann pflegt schon seit Jahren enge Beziehungen in die rechtsextreme Szene, vertrat als Szeneanwalt Reichsbürger und ein Mitglied der rechtsterroristischen Gruppe Freital. Sein Mitarbeiter Robert Andres wird dem Dunstkreis lokaler Neonazi-Gruppierungen zugerechnet.

Trauermarsch als Wahlwerbung?

Der Aufmarsch zur Bombardierung der Stadt am 5. März 1945 fand 2004 zum ersten Mal statt. Mehrere Jahre meldete Kohlmann die Demonstration an, die bald auch die freie Szene anzog. Ab 2010 stand die Organisation schließlich unter der Ägide der NPD. An die 600 Teilnehmer konnten die Organisatoren zu Hochzeiten mobilisieren, zumeist blieben die Zahlen aber im niedrigen dreistelligen Bereich, während mehrere tausend Menschen dagegen protestierten. Der Aufmarsch wurde wiederholt blockiert, zuletzt 2014. In den Jahren danach entfiel die Demonstration ganz.

Dass Kohlmann den Szene-Termin nun wieder besetzt, dürfte wohl vor allem mit den anstehenden Kommunalwahlen zu tun haben. Den Demoauruf für den „würdevollen Trauerzug“ teilte die rechte Lokalpartei mit dem Hashtag "#ProChemnitzwählen2019". Die Köpfe hinter Pro Chemnitz hoffen nun augenscheinlich darauf, dass sich die mediale Aufmerksamkeit der letzten Monate in Wählerstimmen auszahlt. Vor allem mit der Alternative für Deutschland steht das rechte Bündnis dabei in erbitterter Konkurrenz: Vorstöße Kohlmanns offiziell mit Pro Chemnitz zusammenzuarbeiten schlug die Partei aus. Nach den gewalttätigen Ausschreitungen im Spätsommer landete seine Lokalpartei auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD.

Ortsbesuch als Gegenprotest

Bereits am Samstag demonstrierte das Bündnis „Chemnitz Nazifrei“ gegen die Umtriebe der rechten Szene in der Stadt. Unter dem Motto „Orange is our new Block“ zogen 250 Teilnehmer durch mehrere Stadtviertel, vorbei an verschiedenen Schauplätzen rechtsextremer Aktivitäten. Orte wie die Bar "Lokomov" oder eine kurdische Bäckerei, die Ziel von Schmierereien oder gewalttätigen Angriffe wurden. Oder der Sonnenberg, ein Viertel in dem die Neonazi-Hipster des „Rechten Plenums“ eine national befreite Zone errichten wollten. Kritik wurde auch gegen die sächsische Staatsregierung laut: Jürgen Kasek vom Bündnis „Leipzig nimmt Platz“ machte in einem Redebeitrag die politische Führung im Freistaat mitschuldig für die wachsende rechte Szene. Jene, die sich gegen Rechts engagierten, würden als Linksextremisten diskreditiert. Viele schrecke dies vom Protest ab, dabei sei das „Grundgesetz antifaschistisch“, so Kasek.

Etwa 250 Personen folgten am Samstag dem Aufruf von "Chemnitz Nazifrei", Foto: Simon Berger

Eine Gegendemonstration fand am Sonntag nicht statt. Ganz ungestört blieb die geschichtsrevisionistische Inszenierung allerdings nicht: Während einer Rede riss eine Passantin das Mikrophon an sich und kritisierte den rechten Aufzug.

Für Aufsehen sorgte zudem ein anderer Umstand: Bundeskanzlerin Merkel besuchte während eines privaten Besuches am Sonntag ein Basketballspiel und das jüdische Restaurant „Schalom“, das bereits mehrfach zum Ziel antisemitischer Attacken wurde.

Kommentare(1)

Irmela Mensah-Schramm Mittwoch, 06.März 2019, 08:23 Uhr:
Wir müssen endlich begreifen, dass mit Symbolik und 'Friede-Freude-Eierkuchen-Konzepte dem Nazi Spuk - in Chemnitz und sonst wo nicht beizukommen ist!
Demokratie kann und darf nicht hilflos sein!
 

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