PR-Maßnahmen

Mit Aufmärschen während der WM wollen Rechtsextremisten in die Schlagzeilen geraten.

Freitag, 09. Juni 2006
Tomas Sager

Der Berichterstatter von der NPD Mettmann freute sich: „Unsere Demo wurde von ungewöhnlich viel (ausländischen?) Pressefotografen und Fernsehkameras begleitet.“ Woher das besondere Interesse gerade an jener Demonstration am 3. Juni in Düsseldorf rührte, wo doch an jedem Wochenende durchschnittlich zwei solche Aufzüge in Deutschland stattfinden und die Medien sich an dieses Phänomen sozusagen schon gewöhnt haben? „Ich nehme mal an, dass wir das der Fußball-WM zu verdanken haben“, vermutet der Mettmanner NPD-Beobachter.
Zwischen 250 und 300 Neonazis zogen eine Woche vor Beginn der WM durch die Straßen der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt, um „kurz bevor die Welt zu Gast bei Freunden sein wird und König Fußball die Republik in den Ausnahmezustand versetzen soll, das Turnier auf unsere Art“ zu beginnen, wie es in dem Demo-Aufruf hieß. Eingeladen hatten „freie Strukturen“ – konkret jener Teil der „Freien“, der mit der NPD kooperiert, so die Rheinländer Christian Malcoci und Sven Skoda. Und neben dem „freien Aktivisten“ Skoda gehörten auch der Landesvize der NPD in NRW, Claus Cremer, und der neugewählte hessische NPD-Landesvorsitzende und Kopf der „Freien Nationalisten Rhein-Main“, Marcel Wöll, zu den Rednern.

Cremer spekulierte wohl auch darauf, dass die parteifreien Neonazis ihrerseits die Demo der NPD am 10. Juni unterstützen. Angemeldet hatte die NPD zunächst nur eine Demonstration in Gelsenkirchen, wo am Tag zuvor Polen gegen Ecuador spielt und zwei Tage später die USA und Tschechien aufeinandertreffen. Nachdem sich aber abzeichnete, dass dieser Aufmarsch verboten werden könnte, wurde eine weitere Demo im wenige Kilometer entfernten Herne angemeldet. Zwar enthält der Aufruf keinen ausdrücklichen Bezug zur WM, statt dessen soll die Demonstration unter dem Motto „Arbeit für Millionen statt Profit für Millionäre!“ laufen. Doch Ort und Zeit waren genau bedacht. In einer Erklärung vom 18. Mai freute sich die NPD, bereits jetzt habe man „einen großen Werbeerfolg erzielen können. Es gibt kaum eine Zeitung an Rhein und Ruhr, die nicht über die geplanten Aktivitäten berichtet hat“. Polizeipräsident Rüdiger von Schoenfeldt erließ ein Verbot: Er wolle verhindern, „dass vor den Augen der Weltöffentlichkeit während der WM Rechtsextremisten durch die Straßen Gelsenkirchens ziehen, um ihre rassistischen und ausländerfeindlichen Parolen zu verbreiten“. Das Verwaltungsgericht hob das Verbot wieder auf. Nach einer Beschwerde von Schoenfeldts bestätigte das Oberverwaltungsgericht Münster das Verbot. Die Polizei in Bochum untersagte auch eine Demonstration in Herne.

Düsseldorf-Redner Marcel Wöll wollte auch eine Neonazi-Demonstration in Frankfurt am 17. Juni organisieren, wenn in der Mainmetropole der Iran auf Portugal trifft. Auch er spekulierte auf eine besondere mediale Aufmerksamkeit. An jenem Tag habe „die Weltöffentlichkeit ihre Augen auf Frankfurt gerichtet“, hieß es in dem Aufruf. „Präsident Ahmadinejad zu Gast bei Freunden“ sollte das Motto sein. Die Organisatoren, die sich selbst als „nationale Sozialisten“ bezeichnen, stellten sich hinter die antisemitischen Äußerungen des iranischen Präsidenten. Das „intelligente Volk“ der Deutschen sei „heute immer noch eine Geisel des Zweiten Weltkriegs“, zitierten sie ihn. Und weiter: „Jeder Deutsche steht bereits bei der Geburt in der Schuld arroganter und gieriger Zionisten.“ Nach dem – erwarteten – Verbot reagierte Wöll mit dem Hinweis, dieses sei „bei dem Medienrummel, den wir ohne großen Aufwand erzeugt haben, nicht weiter schlimm. Zeitungen und Fernsehsender in der ganzen Welt, von England bis Japan haben darüber berichtet, dass deutsche Nationalisten in alter Tradition an der Seite der freien Völker stehen und es nicht scheuen für die Geächteten das Wort zu ergreifen. Trotzdem die Demonstration verboten wird, war die Propaganda ein voller Erfolg“.

Die Frankfurter Demoankündigung dürfte dem NPD-Parteivorstand eigentlich überhaupt nicht gefallen haben. Der hatte am 24. Mai, erklärt, er habe „keinerlei Interesse daran, die bereits angespannte Sicherheitslage durch zusätzliche Demonstrationen während der WM zu gefährden“. Daher würden die Untergliederungen angewiesen, „an Spieltagen vor den Spielstätten auf Demonstrationen zu verzichten“. Der sächsische Landesverband hielt sich an das Verdikt. Statt eines Aufmarschs will er nur mit Flugblättern das iranische Team „begrüßen“, wenn es am 21. Juni in Leipzig antritt. Eine weitere Demo in einem WM-Spielort ist zudem am 1. Juli in München unter dem Motto „Rückführung statt Integration“ angekündigt. Veranstalter sind die NPD Oberbayern, die JN Bayern und „freie Kräfte“. Anmelder ist der neue bayerische JN-Vorsitzende Norman Bordin.

Neben der Frage, ob und welche Neonazi-Aufzüge sie zu begleiten haben, ist das mögliche Auftreten von Hooligans und Neonazis auch aus anderen europäischen Ländern ein Unsicherheitsfaktor für die Sicherheitsbehörden. Vor allem in Polen gibt es auffällige Überschneidungen zwischen der Hool- und der Neonaziszene. Und Mario Machado von der portugiesischen Frente Nacional beispielsweise hat Aktionen beim Spiel seines Landes gegen die einstige Kolonie Angola am 11. Juni angekündigt. Machado sollte am 10. Juni auch beim – verbotenen – „Fest der Völker“ der NPD in Jena auftreten.

Die NPD schaffte es derweil bereits weit im Vorfeld der Weltmeisterschaft, in die Schlagzeilen zu kommen: mit ihrem WM-Planer, dessen Titelseite ausschnittsweise einen Spieler mit der Trikotnummer 25 zeigte – der Nummer des Bremer Verteidigers Patrick Owomoyela, Sohn einer Deutschen und eines Nigerianers – und versehen mit dem Schriftzug „Weiß. Nicht nur eine Trikotfarbe! Für eine echte NATIONAL-Mannschaft!“ Zwar wurden 70 000 Exemplare des Planers in der Parteizentrale beschlagnahmt. Doch so oft gelingt es der Partei ja nicht, in die Hauptnachrichtensendungen des Fernsehens zu gelangen. Da war der Verlust der ersten Auflage des Planers zu verschmerzen. Eine neue Broschüre war rasch bei der Hand: Elf Spieler-Symbole mit schwarzen, braunen, roten, gelben und einem einzigen weißen Kopf auf der Titelseite und mit der Frage „Nationalelf 2010?“ Den vorderen Spieler schmückte die Trikotnummer 77. Die 88 („Heil Hitler“) zu wählen, hatte wohl die Furcht vor einer weiteren Beschlagnahmung verhindert. Doch dieses Kalkül ging nicht auf: Das Landgericht Berlin verbot auch den Vertrieb dieser zweiten Planer-Auflage wegen seiner rassistischen Passagen.

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