Philosoph der Zersetzung": Jürgen Habermas posthum im Visier der extremen Rechten
Die extreme Rechte verbreitet Hass und Hetze über den jüngst verstorbenen Universalgelehrten Jürgen Habermas, den Streiter wider die Relativierung des Holocausts.
„Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“, schrieb Theodor W. Adorno fünf Jahre nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. In Abkehr von Adornos Zitat sagte Jürgen Habermas: „Nach Auschwitz kann man nicht einfach weiter sprechen – aber man darf auch nicht aufhören zu sprechen.“
Jürgen Habermas, bis zu seinem Lebensende einer der bekanntesten Denker der Bundesrepublik Deutschland, ein öffentlicher Intellektueller und Universalgelehrter, der aktiv in gesellschaftliche Debatten eingriff, ist am 14. März 2026 mit 96 Jahren verstorben. Hass und Hetze der extremen Rechten begleiten Habermas, den Streiter wider die Relativierung des Holocaust, über seinen Tod hinaus.
Habermas angeblich „Vater der Brandmauer“
Habermas war einst Assistent von Theodor W. Adorno beim Frankfurter Institut für Sozialforschung (IfS, international bekannt als Frankfurter Schule). Adorno brachte Habermas mit der empirischen Sozialforschung in Kontakt und eröffnete ihm so den Weg zur kritischen Gesellschaftstheorie. Habermas bildete später die intellektuelle Spitze der zweiten IfS-Generation. Die Frankfurter Schule hat eine kritische Haltung zu den herrschenden Verhältnissen hinterlassen und aufgezeigt, „dass eine andere Welt möglich ist“.
In rechten Kreisen wird die Frankfurter Schule bis heute als „kommunistisch geprägter `Think Tank´“ diffamiert, „dessen Mitglieder zum Großteil jüdischer Herkunft waren“ und „eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung der neuen europäisch-kryptokommunistischen Kultur“ (Tomislav Sunic) gehabt hätten. Habermas gilt in diesen Kreisen als „ein wesentlicher Wegbereiter der heute grassierenden Cancel Culture und der Ausgrenzung von Debattengegnern mittels Moralkeule. Man könnte ihn sogar als Vater der Brandmauer bezeichnen.“ (Christian J. Zeller)
„Politischer Denker“
Fakt ist, dass Habermas ein „politischer Denker, der unermüdlich kämpfte: gegen die Irrationalität, für Vernunft und die bedrohten westlichen Werte“ gewesen ist, so die Wochenzeitung Die Zeit in einem Nachruf.
Habermas’ erster öffentlicher Auftritt, noch als Student, begann am 25. Juli 1953. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) erschien sein Text “Mit Heidegger gegen Heidegger denken“. Die Zeilen galten der Veröffentlichung der Vorlesungen "Einführung in die Metaphysik", die der Philosoph Martin Heidegger 1935 gehalten hatte und ohne Anmerkung 1953 drucken ließ. Der Antisemit Heidegger, Mitglied der NSDAP während des „Tausendjährigen Reichs“, hatte auch nach 1945 seine nationalsozialistische Ideologie nicht abgelegt. Habermas thematisierte den Skandal als „Problem der faschistischen Intelligenz“.
Holocaust als Zivilisationsbruch
Es war Habermas, der 1986 im Historikerstreit dem Versuch des Heidegger-Schülers Ernst Nolte in seinem Zeit-Artikel „Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung“ entgegentrat, den Holocaust zu relativieren. Bei Nolte, der den nationalsozialistischen Judenmord in der FAZ als eine Reaktion Hitlers auf den stalinistischen Terror gedeutet hatte, sah er eine offene Relativierung der NS-Verbrechen. Habermas erkannte in Noltes Ausführungen eine Art Schlussstrichmentalität. Für ihn markierte der Holocaust einen Zivilisationsbruch, der sich durch vergleichende Relativierungen nicht einebnen lasse. Wer Auschwitz relativiere, so Habermas, verändere eben nicht nur die Sicht auf die Vergangenheit, sondern die Massstäbe der Gegenwart.
Habermas: „Die Nazi-Verbrechen verlieren ihre Singularität dadurch, daß sie als Antwort auf (heute fortdauernde) bolschewistische Vernichtungsdrohungen mindestens verständlich gemacht werden. Auschwitz schrumpft auf das Format einer technischen Innovation und erklärt sich aus der `asiatischen´ Bedrohung durch einen Feind, der immer noch vor unseren Toren steht.“ Stattdessen plädierte Habermas für die Singularität des Holocaust und gegen die Rückkehr zu einer konventionellen Nationalidentität.
Bundespräsident würdigt Habermas
Habermas konstatiert: „Die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens ist die große intellektuelle Leistung unserer Nachkriegszeit … Stabilisiert wird das Ergebnis nicht durch eine deutsch-national eingefärbte Natophilosophie. Jene Öffnung ist ja vollzogen worden durch Überwindung genau der Ideologie der Mitte, die unsere Revisionisten mit ihrem geopolitischen Tamtam von `der alten europäischen Mittellage der Deutschen´ und `der Rekonstruktion der zerstörten europäischen Mitte´ wieder aufwärmen. Der einzige Patriotismus, der uns dem Westen nicht entfremdet, ist ein Verfassungspatriotismus. Eine in Überzeugungen verankerte Bindung an universalistische Verfassungsprinzipien hat sich leider in der Kulturnation der Deutschen erst nach – und durch – Auschwitz bilden können. Wer uns mit einer Floskel wie `Schuldbesessenheit´ die Schamröte über dieses Faktum austreiben will, wer die Deutschen zu einer konventionellen Form ihrer nationalen Identität zurückrufen will, zerstört die einzige verläßliche Basis unserer Bindung an den Westen.“ Verfassungspatriotismus bedeutete für Habermas nicht die „konventionelle Form“ nationaler Identität wie Volkstum oder mythischer Identität, sondern Loyalität zu Grundrechten und gemeinsam gebildeten Überzeugungen.
Bundespräsident Frank Walter Steinmeier betonte in seinen Nachrufen auf Habermas, dass dieser uns das „Ethos des demokratischen Diskurses gelehrt und die Emanzipation des Menschen als unaufgebbares Ziel begründet“ habe. „Immer stritt er für die Weiterentwicklung einer den freiheitlichen und humanistischen Idealen verpflichteten demokratischen Gesellschaft“, so Steinmeier. In der Zeit schrieb Steinmeier, Habermas habe „der Bundesrepublik Deutschland eine Idee ihrer selbst gegeben. Er hat dieses Land nach dem Holocaust neu mit Aufklärung, mit kritischem Bürgersinn und demokratischer Vernunft vertraut gemacht. Er hat das Friedensprojekt einer politischen Union europäischer Staaten intellektuell begründet und unermüdlich dafür geworben.“ Der Bundespräsident abschließend: „Was er uns hinterlässt, gilt es fortzuführen.“
Laut AfD-Politiker „einer der größten Feinde der deutschen Nation“
Habermas ist über seinen Tod hinaus Feindbild der extremen Rechten. Karl Richter, zeitweilig einer der führenden Intellektuellen im bundesdeutschen Rechtsextremismus, schreibt nach dessen Tod: „De mortuis nihil nisi bene – über die Toten soll man nichts Schlechtes sagen. Bei Jürgen Habermas … kann man eine Ausnahme machen.“ Habermas sei einer „der folgenschwersten Propagandisten der Umerziehung“ gewesen, der „maßgeblich“ dazu beigetragen habe, dass „der Marxismus auch in Westeuropa für eine neue Generation heranwachsender Intellektueller und Linker wieder salonfähig wurde.“ Der einst langjährige NPD-Funktionär ätzt weiter: „Jeden Versuch, die deutsche Geschichte anders als durch die Brille der Schuld zu betrachten, ächtete er als `apologetisch´. Er erfand den Begriff des `Verfassungspatriotismus´, der zur beliebten Worthülse linker Deutschland-Abschaffer wurde.“ Der Rechtsextremist schließt mit den Worten: „Letztlich war Habermas nur eines: der erfolgreichste Geistesverwirrer der Deutschen nach 1945. Man muß ihm nicht nachweinen.“
Habermas sei ein „Philosoph der Zersetzung“ titelt die rechtsextreme „Staats- u. Wirtschaftspolitische Gesellschaft“ (SWG). Er sei „einer derjenigen“ gewesen, „der die Bundesrepublik politisch in die linke Ecke dirigiert“ habe. Die Wochenzeitung „Junge Freiheit“ erblickt in Habermas „vor allem den Ideologielieferanten für das linke Juste milieu“, der „mit seinen normativen Überspanntheiten und dem zur Gewohnheit gemachten Ausschluss legitimer Gegenpositionen zum linken Mainstream nicht wenig dazu beigetragen hat, dass sich die freiheitliche Demokratie in `unsere Demokratie´ verwandelt hat. Beim AfD-nahen „Deutschland-Kurier“ bezeichnete der sachsen-anhaltinische AfD-Landtagsabgeordnete Hans-Thomas Tillschneider den toten Habermas als „gefährlich“. Er sei „einer der größten Feinde der deutschen Nation.“ Der nordrhein-westfälische AfD-Bundestagsabgeordnete Georg Schroeter rief dazu auf, den Tod von Jürgen Habermas zum Anlass zu nehmen, „die ideologischen Fesseln der Nachkriegszeit endgültig abzulegen.“