Phantasie-Toter der rechten Szene

Die rechtsextreme Gruppe „Neumünster wehrt sich“ hat am Samstag zum zweiten Straßenprotest in der Stadt aufgerufen. Ein Gerücht über einen angeblichen Antifa-Überfall heizte die Stimmung bei den knapp 100 Teilnehmern an.

Montag, 18. Januar 2016
Horst Freires

Auch so können Schlagzeilen produziert werden: Ein Phantasie-Toter, den es nicht gibt, lieferte am Wochenende mehr Gesprächsstoff als eine eigentliche Kundgebung der rechten Szene am Samstag in Neumünster, zu der sich knapp 100 Unverbesserliche aus Schleswig-Holstein und Hamburg einfanden.

„Neumünster wehrt sich“ nennt sich eine rechtsextreme Facebook-Gruppe, die federführend in Schleswig-Holstein Hetze gegen Asylbewerber betreibt und die nunmehr zum zweiten Mal am 16. Januar zum Straßenprotest aufgerufen hatte. Dazu wurde mit Karl Richter, Mitarbeiter des NPD-Europaabgeordneten Udo Voigt sowie Stadtrat in München für die NPD-Tarnliste „Bürgerinitiative Ausländerstopp“, sogar ein vergleichsweise prominentes Gesicht der rechten Szene als Hauptredner eingeladen. Gegenüber der ersten Demonstration in der Innenstadt Mitte November des Vorjahres konnten bei der zweiten Auflage in einem abgelegenen Stadtteil von Neumünster nur geringfügig mehr Interessierte mobilisiert werden.

Organisiert wurde die Demonstration erneut von Manfred Riemke, der sich diesmal unterstützend Michael Pagel an seine Seite geholt hatte. Der Frontmann vom November, Enrico Pridöhl aus Ostholstein, ließ es sich trotzdem nicht nehmen, erneut dabei zu sein.

Apokalyptische Weisheiten von Karl Richter

Als Redner betätigten sich neben Richter noch Thomas Wulff, NPD-Landesvorsitzender Hamburg, und Mark Michael Proch, NPD-Ratsherr in Neumünster. Für organisatorische Ansagen fühlte sich der dem rechtsautonomen Spektrum zuzurechnende Sebastian Alexander Struve zuständig. Mit Ordnerbinden anzutreffen waren unter anderem Hauke Haak aus Kiel und Marc Richard Tenten von der NPD Nordfriesland. Von den Hamburger Aktivisten war Marian Herzfeld am wenigsten zu übersehen, da er mit einer Stadtfahne der Elbmetropole unterwegs war. Als weiterer NPD-Kopf aus der Hansestadt dabei: Lennart Schwarzbach. Der Stützpunktleiter der JN Hamburg-Nordland war bereits im November nach Neumünster gereist. Und fehlen durfte wie im November auch nicht Horst Micheel, der Wirt der rechten Neumünsteraner Szenekneipe „Titanic“. Alle Zugänge des Treffens waren doppelt von Gegendemonstranten wie Polizei abgeriegelt, sodass einige Teilnehmer ihren Zielort gar nicht erreichten, wie es beispielsweise der zeitweilig der NPD nahe stehende Jörn G.  aus Lübeck eingestand, der seit geraumer Zeit als Autor für den fremdenfeindlichen und revanchistischen „Preußischen Anzeiger“ von Hagen Ernst aus Bleckede tätig ist und auch beim Romowe-Versand von Ernst auftaucht.

Richter verbreitete in seiner langatmigen Rede apokalyptische Weisheiten wie etwa, dass das Land und die Republik vor einem Bürgerkrieg stünden. Rundherum um Deutschland sei ja bereits Krieg ausgebrochen. Ferner teilte er mit, er fühle sich nicht mehr vom Russen bedroht, umgekehrt müsse der Amerikaner endlich Deutschland verlassen, um wieder ein souveräner Staat zu werden. Seine Vision: Alle kleinen wie großen „Gidas“ müssten sich in Richtung Berlin konzentrieren und bewegen, damit dort wieder eine freie Regierung tätig sein könne und das jetzige Regime verschwinde.

Die rechtsextreme Versammlung an einem kalten, ungemütlichen Tag in Neumünster endete auch mit der Ankündigung, künftig monatlich demonstrieren zu wollen – entweder in Neumünster oder an einem anderen Ort in Schleswig-Holstein. Unterdessen nahm die Aktion nach dem Abschluss auf der Straße im Internet noch einmal gehörig Fahrt auf. Der Grund: Beim Straßenprotest wurde am frühen Nachmittag verbreitet, ein angereister Demonstrant aus Rostock sei von der Antifa am Bahnhof überfallen worden und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Zu diesem völlig aus der Luft gegriffenen Gerücht wurde dann sogar noch hinzugefügt, dass der angegriffene Kamerad seinen schweren Verletzungen erlegen sei.

„Wulff bittet darum, die Todesmeldung nicht weiterzuverbreiten“

Diese unwahre Behauptung wurde dann in sozialen Netzwerken, aber auch auf der Facebook-Seite von „Neumünster wehrt sich“ mit wütendem Schaum vor dem Mund kommentiert und weiterverbreitet. Gestreut wurde das Gerücht unter anderem auch durch den „Preußischen Anzeiger“, der sich später korrigierte und entschuldigte, aber auch durch die Internet-Seite von „Infidels Deutschland“ (ID), wo der Beitrag auch zwei Tage später noch immer unwidersprochen zu lesen war. Beim ID handelt es sich um eine Abspaltung der antiislamischen „German Defence League“. Die Nord-Sektion von ID befindet sich laut Verfassungsschutz Bremen in der Weser-Metropole. Als Homepage-Webmaster der ID-Homepage fungiert laut Impressum Frank Borgmann aus Wuppertal, zuletzt auch führender Kopf von „Dügida“ in Düsseldorf.

Das entfachte Gerücht nahm solch eine Dynamik an, dass die örtliche Polizei sich gezwungen sah, es offiziell zu dementieren. Es habe nicht einmal einen Angriff am Neumünsteraner Bahnhof gegeben, teilte ein Polizeisprecher mit. Auch Thomas Wulff und Karl Richter versuchten im Verlauf des späten Samstags den aufgebrachten Internet-Mob wieder einzufangen: Bei der Nachricht vom nie stattgefundenen Angriff, Schwerverletzten und geschweige denn Toten, handele es sich um eine Falschmeldung! Richter dazu: „Wulff bittet darum, die Todesmeldung nicht weiterzuverbreiten.“ Daraufhin beruhigten sich die Gemüter ein wenig, die dazu übergingen, von einer Verwechslung zu sprechen. In Oschersleben bei Magdeburg hatte es einen Angriff und auch Verletzte gegeben. Doch es war mitnichten eine Verwechslung, denn das Neumünster-Gerücht wurde bereits am frühen Nachmittag kolportiert, der Vorfall in Sachsen-Anhalt ereignete sich erst einige Stunden danach.

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