Pfefferspray „Eau de Budapest“

Rechtsextreme Gruppen haben in jüngster Zeit in verschiedenen Städten öffentlich Reizgas besonders an Frauen verteilt – nicht fehlen darf das Spray auch im Angebot einschlägiger Versände.

Dienstag, 19. Januar 2016
Horst Freires

Die Geschehnisse in der Silvesternacht und der politisch wie gesellschaftlich dazu intensive Nachgang lassen die rechte Szene natürlich nicht tatenlos an sich vorüber ziehen. Unter anderem wurde aufmerksam registriert, dass ein größeres Angstgefühl grassiert, insbesondere bei Frauen. Waffengeschäfte erleben einen Ansturm auf Reizgas zur Selbstverteidigung und auf andere waffenscheinlose Bewaffnungsmöglichkeiten. In puncto Sicherheit wird fast schon hysterisch aufgerüstet. Pfefferspray, eigentlich rechtlich nur als „Tierabwehrspray“ erlaubt und nicht für den Einsatz gegen Menschen, ist vielerorts ausverkauft.

Diesen Umstand machen sich rechte Kräfte zunutze. Im Sortiment etlicher einschlägiger Versandläden darf gerade jetzt besagtes Reizgas nicht fehlen, wie ein Blick auf die Auswahl an   Sicherheitsgegenständen und Waffen offenbart, die meist unter Rubriken wie „Sicherheit“ oder „Outdoor“ gelistet sind. Fündig in Sachen Reizspray wird man beispielsweise bei einem  Onlinehändler im mecklenburgischen Hagenow. „Freier Verkauf ohne Altersbeschränkung“ heißt es dort. Ebenso wird es angepriesen im niedersächsischen Bovenden, ebenso in Lüneburg, im thüringischen Apolda, im sächsischen Gohrisch, in Dortmund wie im Kreis Gütersloh. Bei besagten Online-Vertrieben sind dabei zum Teil noch andere Waffen zu ordern wie etwa diverse Kampfmesser, Macheten, Äxte, Schlagstöcke, Baseballschläger und gar Armbrüste.

Doch in den vergangenen Tagen gab es gehäuft auch Verteilaktionen auf der Straße, bei denen Pfefferspray an Frauen verschenkt wurde. Dafür reisten ungarische Jobbik-Aktivisten mit ihrem stellvertreten Parteivorsitzenden Elöd Novák extra nach Wien, wo die rechtsextreme Partei seit einem viertel Jahr auch einen eigenen Freundeskreis besitzt. In Anspielung auf die Silvesterereignisse von Köln und das dorther stammende Parfüm bezeichnete man das im Rahmen einer Protestaktion von Abtreibungsgegnern verteilte Spray als „Eau de Budapest“.

„Nationalen Selbstschutz organisieren“

Der mit Postfach in Osnabrück anzutreffende „Volkshilfe e.V.“, ein Wohlfahrtsverein mit rechter Couleur unter der Regie von Achim Kemper, berichtet von seinen Verteilaktivitäten an den Bahnhöfen von Osnabrück, Papenburg, Leer und Bielefeld. Gleichzeitig machte man bei Frauen Werbung für Selbstverteidigungskurse des Vereins, der sich im Vorjahr beim Amtsgericht Osnabrück hat eintragen lassen. Initiator Kemper war vor einigen Jahren noch bei den inzwischen aufgelösten „Nationalen Sozialisten Münster“ aktiv und ist aktuell zum Umfeld der Neonazi-Partei „ Die Rechte“ zu zählen. Diese ging in Münchens Mitte am Stachus auf die Straße und verteilte CS-Gas an Frauen. Das Motto dazu: „Nationalen Selbstschutz organisieren“. Auch im Dortmunder Stadtteil Eving verteilte „Die Rechte“ in der Vorwoche vor einem Supermarkt Pfefferspray. Damit wiederholte die Partei eine ähnliche Aktion aus dem Sommer 2014.

Ebenfalls auf Verschenktour begab sich die „Kontrakultur Halle“, eine regionale Aktionsgruppe der unter anderem vom Berliner Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften „Identitären Bewegung“. Gerne sieht sich die Gruppe unter dem selbst gewählten Zeichen des Erzengels Michael als elitär und intellektuell. Torsten Hahnel von der Mobilen Beratung für Opfer rechter Gewalt spricht bei ihrer Einordnung dagegen von einer Kameradschaft. Die NPD in Pankow unterstützt eine örtliche Bürgerwehr. Bereits im Oktober des Vorjahres wurde in diesem Zusammenhang auch Pfefferspray an Passanten verteilt.

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