Peter Brandt (SPD) wirbt in „Junge Freiheit“ für ein „positives Verhältnis zur Nation“

Pünktlich zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit wartet die rechtskonservative Wochenzeitung „Junge Freiheit“ (JF) mit überarbeitetem Design und gesteigerter Auflagenzahl auf. Als besonderen Coup gibt es ein Interview mit Peter Brandt, dem Sohn von Willy Brandt. Der Historiker empfiehlt der SPD, in der er selbst Mitglied ist, „ein realistisches und positives Verhältnis zu Volk und Nation“. 

Mittwoch, 29. September 2010
Robert Scholz
Peter Brandt (SPD) wirbt in „Junge Freiheit“ für ein „positives Verhältnis zur Nation“
„Strikte Trennlinien ziehen“ hatte 2005 der SPD-Bundesvorstand Punkt 11 seiner „Prinzipien und Orientierungspunkte für den Umgang mit dem Rechtsextremismus“ überschrieben. Darin heißt es: Es dürfe „keinerlei Beiträge oder Interviews für extrem rechte Zeitschriften geben. Dies gilt insbesondere für Blätter wie die ,Junge Freiheit‘ und ,Criticon‘, die sich damit als demokratisch legitimieren wollen.“ Hintergrund der „Orientierungspunkte“ für die Mitglieder waren eine Reihe von Gesprächen, die bekannte Sozialdemokraten mit der JF geführt hatten. Zuvor hatte der Berliner Landesverband auf einem Parteitag bereits einen Antrag der Jusos angenommen und alle Mitglieder aufgefordert, „nicht oder nicht mehr mit der Jungen Freiheit zusammenzuarbeiten und ihr insbesondere keine Interviews zu geben“.

Interviews hatten zuvor noch der Bezirksbürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky, und der langjährige Weggefährte Willy Brandts, Egon Bahr, gegeben. Während Buschkowsky dies ungehend bedauerte, verteidigte sich Bahr: „Soll man sich als Sozialdemokrat von dem Versuch ausschließen, mit dem, was sich am rechten Rand bildet, zu diskutieren?“ Bis zur aktuellen Ausgabe der „Jungen Freiheit“ hatten sich die Sozialdemokraten von diesem Versuch ausgeschlossen. Mit Peter Brandt kommt erstmals seit über fünf Jahren wieder ein prominenter Sozialdemokrat auf Seite 3 zu Wort.

Peter Brandt ist aber nicht nur Mitglied der SPD, er hat auch einen berühmten Vater mit SPD-Tradition: Den ersten von der SPD gestellten Bundeskanzler – Willy Brandt. Peter Brandt selbst hat es in die Wissenschaft verschlagen. Als Historiker hat er einen Lehrstuhl für deutsche und europäische Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts an der Fernuniversität Hagen inne. Eines der Themen, mit denen sich Brandt seit Jahren befasst, ist das Verhältnis der Linken zur Nation. Mit Herbert Ammon, der mittlerweile regelmäßig für die „Junge Freiheit“ schreibt, hatte er schon 1981 das Buch „Die Linke und die nationale Frage“ veröffentlicht.

Auch in der aktuellen Ausgabe, die Eigenangaben zufolge in einer Auflage von 40.000 Exemplaren gedruckt wird (das ist fast doppelt so viel wie zuvor), geht es natürlich um die Nation. Brandt macht in dem Interview überzeugend deutlich, dass seine Beziehung zum Vaterland anders sei als die eines Konservativen. Ihm ginge es nicht „vorrangig um den Gefühlshaushalt, sondern um ein stabiles Verhältnis zum ,Boden, auf dem wir stehen und streiten‘, um August Bebel zu zitieren.“ Ein Verhältnis, das noch in den 1950er Jahren etwa in Bezug auf die Teilung Deutschlands im „Zentrum der sozialdemokratischen Politik“ gestanden habe. „Die anationale oder sogar antinationale Einstellung von beträchtlichen Teilen der Kräfte links der Mitte ist eher ein Produkt der letzten Jahrzehnte“, so Brandt. Den Vorwurf, dass doch auch die neue Ostpolitik seines Vaters zur Entnationalisierung beigetragen habe, weist Peter Brandt zurück. Eine Intention der Ostpolitik habe gerade darin bestanden, „dem Prozeß der Auseinanderentwicklung beider deutscher Staaten entgegenzuwirken, namentlich im Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation“.

In der SPD habe sich Brandt daher auch „niemals isoliert gefühlt“. Was nicht zuletzt auf eben jenes anders gelagerte Nationalbewusstsein Brandts zurückzuführen sein dürfte, für das er in der JF wirbt: „Wenn man Nation als den höchsten, gar absoluten innerweltlichen Wert versteht, dann ist Nation und Linkssein in der Tat schwer vereinbar.“ Ein „realistisches und positives – was nicht heißt unkritisches – Verhältnis zu Volk und Nation“, gibt Brandt indes seiner Partei mit auf den Weg, „würde zwar nicht alle Probleme der Sozialdemokratie lösen, wäre aber hilfreich.“
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